Hefte raus, Klassenarbeit!
Erst vor einigen Wochen habe ich an dieser Stelle beschrieben, was in der deutschsprachigen Musik viel zu oft schief läuft. Seitdem sind wieder einige Alben von Deutsch singenden Künstlern erschienen. Im Grunde genau richtig, um zu überprüfen, ob man sich meine Kritik zu Herzen genommen hat. Das zumindest kann ich ja erwarten – sonst könnte ich mir diesen ganzen Zirkus auch gleich sparen.
Unerträglich. Das ist das einzige Wort, das mir nach drei Songs des dritten Albums von Alexander Knappe durch den Kopf geht. Meine Augäpfel rollen sich so tief hinter meine Stirn, dass es Stunden dauert, bis ich wieder sehen kann. Aber ich will ehrlich sein: Diese Ansammlung von 13 Titeln ist überragend produziert – wenn es das Ziel war, Musik fürs Radio zu machen. Danach leckt sich jeder Musikredakteur die zehn Fingerchen. Und mit genügend Jägermeister in uns kann die Jugend unserer Dörfer auf den Schützenfesten dieses Landes auch ganz gut zu dieser Musik feiern. Ohne Chaos keine Lieder ist wirklich auf hohem Niveau produziert, darüber kann man nicht meckern. Wohl aber über die 793 austauschbaren Worthülsen mit denen irgendwelche Geschichten erzählt werden. Knappes Stimme, die vom Label als rau und empfindsam zugleich beschrieben wird, ist ein einziges Problem. Bestimmt gibt es einen Fachbegriff für das, was man seit Britney Spears und Christian Aguilera kennt, diese seltsam zittrigen Uuuuuuu-uuuuuhs und Aaaaaa-aaaahs, die man an das Ende jedes wichtigen Wortes dranhängt und überhaupt diese Art, alles dezent gebrochen und vom Schicksal gebeutelt zu singen. Das ging mir damals bei den genannten Damen schon unfassbar auf den Zeiger und tut es noch. Das ist keine Emotion, das ist ein kalkuliertes Spiel mit dem Hörer. Knappe klingt wie jemand, der ganz genau weiß, wie er singen und klingen muss, um die große Masse (an zumeist weiblichen Hörern) um den Finger zu wickeln. Welche dieser Geschichten ist erlebt? Wo stecken echte Gefühle, echter Kummer, echte Enttäuschung drin? Man weiß es nicht. Ob er nun von einer Trennung singt oder mit Euphorie davon, dass Musik die Rettung ist: alles klingt verdammt noch mal gleich. Was soll denn das? Also nein, so wird das nichts.
Alexander Knappe / Ohne Chaos keine Lieder / VÖ: 20.04.2018
Die fünf aus Freiburg stammenden Jungs von OTTO NORMAL haben bereits zwei Alben veröffentlicht und in den vergangenen zwei Jahren an ihrem dritten bereits erschienenen Longplayer gearbeitet. Wieder wir ist knapp eine Stunde lang geworden und wie alles von den Jungs eine gelungene Symbiose aus Pop und Rap. Dabei umschifft die Band gelungen Betroffenheitslyrik und jeden billigen Poesiealbumgedanken, erzählt dabei aber dennoch vom echten Leben. Mehr noch: Sogar an politisch-gesellschaftlich relevante Inhalte traut sich OTTO NORMAL heran (In Flammen). Wieder wir ist eine wahre Wohltat für von deutschen Popsongs geschändete Öhrchen. Alle, die OK KID oder Casper mögen, dürften mit diesem Album mehr als zufriedengestellt werden.
14.07. DE - Bruckfelden, Open Air
04.08. CH - Steinhausen, Waldstock Open Air
18.08. CH - Liestal, PFF 18
OTTO NORMAL / Wieder wir / VÖ: 04.05.2018
Niemand liebt keinen, das Debüt von Ben Galler, lag lange Zeit ungehört bei mir rum. Ein echter Fehler, wie ich seit einigen Tagen weiß. Denn das Debütalbum des 43-Jährigen ist erfrischend schnörkelloser Adult-Rock mit cleveren Texten. Auch wenn manche Presse Galler bereits mit Westernhagen, Grönemeyer und Kunze in einen Topf steckt: Entwarnung! Alles Marketing-Masche und in diesem Fall auch voll daneben. Denn Galler macht seinen Job so gut, dass es diese Schubläden gar nicht braucht. 20 Jahre ist Galler bereits im Musikgeschäft tätig, immer im Auftrag anderer Künstler. 2015 war der Wunsch, eigene Songs zu schreiben dann doch so übermächtig groß, dass das eigene Album endlich Konturen annimmt. Einige der Songs entstanden auf Anhalter-Fahrten zwischen Hamburg und Berlin. Viele erzählen von Veränderungen – in uns drin und um uns herum. Schön ist, dass Galler sie in Form von Geschichten kleidet, die man eben nicht schon zig mal so oder ähnlich von anderen erzählt bekommen hat. Okay, ein paar Kitsch-Stücke sind auch dabei (Tiefenrausch). Aber das geht klar. Ihnen gegenüber stehen mindest eine Handvoll so guter Songs, dass einem vor Überraschung schwindelig wird.
Ben Galler / Niemand liebt keinen / VÖ: 23.03.2018