Die Sinnzusammenhänge unserer Sammlung
Mit der Ausstellung "B[e] 52!" wurden die bisher ausgewählten und zuvor vereinzelt in öffentlichen Präsentationen gezeigten Werke erstmalig gemeinsam in einer kuratierten Sammlungsschau im Kunsthaus Maximilian in München präsentiert. Auch wenn sich die Sammlung bislang vielseitig und facettenreich zeigt, so ist es unser Ziel, Verbindungslinien und Bezüge zwischen den einzelnen Werken aufzuzeigen, Newcomer mit etablierten Meistern zusammenzuführen und so neue Sinnzusammenhänge zu generieren.
BEGEGNUNGEN – SEHEN UND GESEHENWERDEN
Mit der Begegnung im Hinterland (2011) hält Daniel Richter das Aufeinandertreffen des Betrachters mit zum Teil vermummten Nomaden in zerklüfteter Berglandschaft bewusst in der Schwebe bei somit offener Ausgangslage. In subtiler Weise spielt Richters Arbeit mit unseren, nicht zuletzt über die Medien verbreiteten Klischeevorstellungen in Hinblick auf die kriegerischen Konflikte im Mittleren Osten zwischen der westlichen und arabischen Welt. Wer ist Freund und wer ist Feind? Oder wird nicht gerade der Betrachter hier zum fremden Eindringling?
Das Thema der Vermummung nimmt auch Banksy in seinem Werk Choose Your Weapon (2010) auf, in dem ein anonymisierter Aktivist einen bellenden Hund an einer Stahlkette kurz hält. Doch offenbart sich das Tier in seiner formalen Ausgestaltung als ein der Bildwelt von Keith Haring entsprungenes Zitat, der als vielbeachteter Künstler und früher Protagonist der Street Art gilt. Somit wird letztlich die Kunst zur "scharfen" Waffe, die sozialkritisch gegen Missstände und fest etablierte Denkweisen ihre Zähne fletscht.
Der Aspekt des Begegnens und des Beobachtens thematisiert in diesem Kontext auch das Werk Peek-a-Boo #1 LIGHTBOX (2012) des letzten lebenden Pop Art-Künstlers Mel Ramos. Der Betrachter nimmt hier unfreiwillig die Rolle eines Voyeurs ein, indem er den Blick durch ein Schlüsselloch auf eine kurvenreiche Blondine richtet, die diesen selbst provozierend erwidert. Ramos bewusst übersteigerte Sex Sells-Ästhetik in Form eines Pin-Up-Girls konfrontiert dabei Richters Nomaden mit den scheinbaren Leitbildern und "Konsumidealen" der westlichen Welt.
FARBEN, FELDER, LINIEN
In diesem Bereich treten unterschiedliche Formen der Abstraktion zueinander in den Dialog. Barbara Ullmann, Meisterschülern von Sean Scully, begegnet mit den in Holz geschnittenen Linien ihrer Wandarbeit einer in tonalen Farben und Streifen gehaltenen Farbfeldkomposition ihres Lehrmeisters.
Ihr Werk tritt zugleich in Beziehung mit den linearen Strukturen von Wolfgang Tillmans Silver 63. Unique (2008), einer Fotoarbeit, die sich mit chemisch-mineralischen Entwicklungs- und Belichtungsprozessen abseits der gegenständlichen Repräsentation auseinandersetzt.
Diesen rhythmisierten und dennoch frei aufgefassten Strukturen steht eine von Christian Muscheids streng geometrisch ausgerichteten Farbfeldkompositionen gegenüber, in der der Künstler der Empfindung und Wirkung von Buntwerten in Abhängigkeit zu ihren farblichen Kombinationsmöglichkeiten nachgeht.
MACHT UND OHNMACHT, LICHT UND SCHATTEN
Die Gegenüberstellung von Silke Markefkas Lüster-Arbeit (2014) mit Robert Longos Triptychon Untitled (Cathedral) von 2010 lässt ein beziehungsreiches Geflecht entstehen. Beide setzen sich in ihren bewusst Hell-Dunkel gehaltenen Werken mit der Darstellung von Licht auseinander und wählen jeweils ein mit Repräsentation und Machtgebaren aufgeladenes Sujet, das sie durch perspektivische Untersicht in der Wirkung noch steigern.
Der prachtvolle Lüster wie der ehrerbietende Kirchenraum fungieren gleichermaßen als Auslöser kollektiver wie individueller Erinnerungen und Erfahrungen, die bei Markefka wie Träume und Gedankenbilder vage und verschwommen bleiben, bei Longo dagegen wie eine präzise Schwarz-Weiß-Fotografie anmuten, die das Sujet ästhetisch distanziert und Assoziationen des Vergangenen erweckt.
DAS GANZE IST MEHR ALS DIE SUMME SEINER TEILE
Das Aufeinandertreffen von Georg Baselitz mit den Künstlern der Street Art-Szene Max Zorn und Shepard Fairey mag auf den ersten Blick verwundern und dennoch finden sich Bezüge auch abseits der tonalen Sepia-Farbwerte. Baselitz Holzschnitt Maler im Mantel - Drei Streifen (Remix) von 2008 zergliedert die dargestellte Figur in einzelne, zueinander leicht versetzte Flächensegmente, die auf einen künstlerischen Verfremdungseffekt abzielen, der der eindeutigen Lesbarkeit des Motivs spannungsreich an der Schwelle zwischen Figuration und Abstraktion entgegentritt.
Auch der Amsterdamer "Tape"-Artist Max Zorn lässt seine in Leuchtkästen gezeigten Figurationen alleinig durch das Aufkleben und Bearbeiten von Streifen in Form von handelsüblichen Paketklebebändern in mehreren Schichten hinter Glas entstehen. Während Baselitz sein Bildmotiv durch Streifen analysiert, synthetisiert Zorn seine Darstellungen aus Streifenstrukturen.
Shepard Faireys Collage mit einer seiner ausgeschnittenen Originalschablonen des Konterfeis von Glam Rock-Legende Marc Bolan, mit der der Künstler zuvor mittels Sprühdose mehrfach das entsprechende Motiv verwendete, greift den Prozess der Bildgenerierung durch zusammengesetzte Einzelelemente erneut auf. Die grafisch reduzierten, zackenartigen Strukturen des Stencils gehen dabei ein spannungsreiches Wechselspiel mit der frei und dynamisch aufgefassten Linienstruktur von Baselitz Holzschnitt ein. Gleichzeitig findet der ausgelassene und rebellische Schrei des T-Rex Frontmanns ein formales Echo in Zorns aufgebrachtem Boxpromoter seiner Arbeit Knock Out (2015).
FARBINTERAKTIONEN
Der letzte Bereich beinhaltet zwei Bilder des international erfolgreichen Berliner Shooting-Stars Christian Awe, der bei Georg Baselitz und Daniel Richter studierte. Awe, der u. a. in Berlin ganze Häuserfassaden im Auftrag mit seinen eindringlichen Farberuptionen gestaltet, hat seine künstlerischen Wurzeln ebenfalls im Bereich der Street Art. Seine buchstäblich "vielschichtigen" Bilder zeigen gestische Farbabstraktionen von intensiver Leuchtkraft. Dabei lässt Awe immer wieder die im Werkprozess entstandenen darunter liegenden Farbschichten durch gezieltes Abkratzen und Freilegen der Bildoberfläche durchscheinen und erzeugt damit eine unmittelbare Gleichzeitigkeit von Gegenwärtigem und Vergangenem. Er selbst beschreibt diese Vorgehensweise als eine Art "malerisches Tagebuch".
Den entfesselten Farbabstraktionen Awes steht abermals eine streng geometrisch, entlang eines imaginären Bildrasters angelegte Farbkomposition des Jerry Zeniuk-Meisterschülers Christian Muscheid gegenüber, in der sich der Künstler in eigenständiger und innovativer Weise auch mit der Ästhetik und Struktur der Spot-Paintings von Damien Hirst auseinandersetzt.
Die künstlerischen Positionen von Awe und Muscheid werden mit einem farbintensiven Selbstporträt von höchster Präzision des Street Art-Künstlers CASE konfrontiert. In Army 04 (2011) präsentiert er sich als ein "Soldat" der Kunst, indem er einzelne Partien seines Gesichts hinter einem bewusst buntfarbigen Camouflage-Muster verbirgt, welches dergestalt weniger tarnt als vielmehr ins Auge sticht und dennoch den Künstler als Person hinter seinem Werk zurücktreten lässt.















