Das technische Bild als kleine Graphie
Das technische Bild als kleine Graphie, zum Beispiel als diagrammatisches Bild und Tabelle oder als Letter und angepinnte Tafel (tabula picta): Die Archivfunktion des tumblrs zeigt kleine Graphien, zeigt die Beiträge in einer tabellarischen Anordnung verkleinert, damit sie in Zeilen und Spalten oder Kolumnen passen. tumblr ist Teil des wissenschaftlichen Apparates, den ich nutze. Die Archivansicht zeigt darin eine kleine Geschichte der Graphie und eine kleine Theorie der Graphie.
Die Archivansicht wechselt aus der 'unerbittlichen Präsenz' (Markus Krajewski) einer Seite, die man theoretisch vollständig, praktisch und durch Verzögerungen im Aufbau aber nur limitiert hoch- und runterscrollen kann. Man fängt im Hier-und-jetzt an, das Bild rollt am Beginn flüssig, später dann stockend (nachladend) von unten nach oben, wechselt sich indiskret, von rennend bis rinnend. Der Glasschirm zeigt immer einen kleinen Ausschnitt. Man blättert nicht durch die timeline, man rollt sie, wie man antike Rollen aufrollte. Die Stellenlektüre springt in diesem Fall nicht, sie rollt durch den Schnippsel unerbittlicher Bildschirmpräsenz. Sogar unerbittliches Glas ist im Spiel. Daraus ist der Bildschirm gemacht, nicht aus Papyrus, Pergament oder Papier.
Die Archivansicht ist als eine Sicht auch das , was Julius Schwarzwälder eine Stätte nennt. Schwarzwälder hat den Begriff der Stätte/ Sicht/ Sichtung sowie des Sichtens mit dem ersten Satz von Cornelia Vismann Medien der Rechtsprechung assoziiert, indem es heißt: "Rechtsprechung findet statt" und in dessen Anschluss Vismann auch auf die Stätte zu sprechen kommt, an denen das Recht gesprochen werden oder selbst sprechen soll. Wir forschen, wenn wir in der Abteilung zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken forschen, zur Koextension von Recht und Stadt sowie zur Koextension von Rechten und Stätten.
Wie in ihrem Buch zu den Akten entfaltet Vismann in den Medien der Rechtsprechung das Sprechen nicht in treuem Anschluss an die Geschichte und Theorie der Unterscheidung von Schriftlichkeit und Mündlichkeit. Sie leugnet nicht, dass man beides unterscheiden kann, begnügt sich aber nicht mit zwei Positionen in Bezug auf diese Unterscheidung. Diese Unterscheidung hat etwas vom Bilderstreit mitbekommen, weil das Schreiben Graphien hat, deren Status als Graphie in den Status als Bild verhäkelt, verwickelt oder involviert ist. Vismann steigt auch nicht in das Bad jener mal (k)alten, mal heissen und neuen Polemik, die in der kanadischen Medientheorie noch zwischen Ost und West entfaltet wurde. Man liest die Unterscheidungen zwischen Oralität und Schriftlichkeit als Vorsprung des Westens. Vismann steigt in so eine Lektüre zwar ein. Wo sie einsteigt, da macht sie Welle, da schwappt was über. Das unterscheidet ihre Lektüre Ongs von den Lektüren, die daraus das Argument ableiten, dass 'Moskau' und 'Karlsruhe' in sekundärer Oralität zurückbleiben oder sogar retardieren würden und so treu den Unterscheidungen von Westen und Osten sowie Schriftlichkeit und Mündlichkeit oder Schrift und Bild treu anschließen. Hier unterscheiden sich etwa Vismann und Ladeur.
Schon in Bezug auf die Inventionen des byzantinischen Bilderstreites kann man sich zwar auf zwei Positionen zurückziehen, die der Ikonoklasten und die der Ikonodulen/ Ikonophilen. Aber schon da taucht eine dritte Position auf: Schon die Ikonophoben sind diejenigen, die Bilder leuchten und sorgen lassen. Ihnen machen die Bilder Sorgen. Was die Ikonophoben mit Bildern aufbringen, das bringt auch Kür, Kur, Kurie und Kuratorium mit sich. Die Ikonophoben lassen Bilder klamm oder eng sein, einen Tunnel mit Licht und eine Schlucht mit einem intensiven Rauschen.
Die Inventionen des byzantinischen Bilderstreites haben ausserdem mit ihrem Fokus auf große Tafeln, die noch größerer und sogar monumentale Subjekte zeigen sollen, die kleinen Täfelchen, die Tabellen, Diagramme und Kalender übersehen. Alle Parteien haben in den Investitionen dieses Bilderstreites, einer Bildpolemik, Bildpolitik, Bildpolizei, Bildpolitur und eines Bilderkrieges (Ikonopolemos) und einer Bildpolarität und ganz unabhängig davon, ob sie Bilder geliebt und verehrt oder gehasst und zerstört oder gefürchtet oder leuchtend haben, Tabellen, Diagramme und Kalender genutzt. Man kann insofern Bildtheorie und Bildgeschichte zwar in die Form entsetzlicher Schriftsätzlichkeit überführen, damit sagen, diese Partei habe Recht, jene aber Unrecht. Aber das geht ohne Bildtheorie und Bildgeschichte auch. Man braucht Grundlagenforschung nicht, um noch einmal gründlicher zu sagen, was Juristen immer gründlich sagen. Es gibt keinen Mangel an Gründen im Recht. Eine Archäologie und das, was Didi-Huberman eine Seismographie nennt, das könnte ausgebaut werden, nämlich als Seismographie jener sedimentären Geschichte, die das Recht schon deswegen hat, weil alle seine Wesen (die höheren wie der Mensch und die niederen wie die Dinge) aufsitzen, weil alle diese Wesen schließlich schon von Natur aus phantasiebegabt sind (sogar die Mineralien machen sich und andere Mineralien nach) und auch mit Illusionen eine, wenn auch limitierte und unsichere Zukunft haben.
Vismanns Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechnik ist auch im Buch über die Rechtsprechung eine Geschichte und Theorie kleiner Graphien und darin diagonale Wissenschaft (Caillois). Wenn Rechtsprechung stattfindet, ihre Stätte findet, dann sind Recht und Sprechen auch graphisch involviert, zum Beispiel photographisch oder choreographisch. Der Chorus, Tanzfläche und damit ein Operationsfeld für das, was reigen, reg(n)en, reichen, regieren und richten soll, ist auch ein diagrammatisches Operationsfeld, damit auch eine Tafel/ Tabelle und ein Letter. Alles, was reiht, reigt, reigen und kreisen lässt, das ist in dem Sinne Chorus. Die Graphien, die so einem Chorus aufsitzen, das sind Choreographien. Auch die können sprechen und sprechend sein, sogar singen und kreischen können sie, wie die Kreide auf der Tafel, wie Cornelia und alle ausschlagenden Wesen, die Kreide in der Hand haben, manchmal sogar in den Atemwegen, manchmal sogar gefressen (phagein).
Vismann liefert mit Akten, Vom Griechenland, Das Schöne am Recht und Medien der Rechtsprechung auch eine kleine Geschichte der Graphie und sie hat darin etwas von dem vorgeführt, was man als Kritische Theorie Frankfurter Schule Abteilung Benjamin nicht schriftsätzlich anderen Abteilungen der Kritik und ihrer Institutionen entgegenhalten muss, nicht einmal der Kritischen Theorie Frankfurter Schule Abteilung Nichtbenjamin. Die Lektüre ihrer Arbeit leitet dazu an, das Geringste in seiner Widerständigkeit und Insistenz und in dem, was es an Widerspruch auftauchen und abtauchen lässt, zu lesen. Man muss Luhmann nicht widerlegen und nicht unbedingt mit Derrida ergänzen, wie sie mit Koschorke in einem Buch zu Luhmann gezeigt hat. Luhmann bestreitet sich selbst und wird auch mit Derrida nicht vollständig. Gute Kunst sollte ohnehin verbessert werden. Teubners Beitrag in dem Band widerspricht zwar Vismanns Sicht, gibt ihr aber zur selben Zeit (nicht zur gleichen Zeit) Schub, und das auch noch ladend. Vismann widerspricht Teubner, Schub ladend und Schub gebend.
Mit Vismanns kleiner Geschichte der Graphie befasse ich mich im Buch Warburgs Staatstafeln, in einem neuen finnischen Buch über Vismann, das in Helsinki entsteht, auch in dem Band Letter, oder: Objekte, die lassen. Ich möchte gerne auch in den Bildwelten des Wissens noch einmal Vismann als Historikerin und Theoretikerin kleiner Graphien vorstellen. No waiting for pommes und keine staatsrechtslehrernde [sic!] Lektüre muss das sein, kann es aber sein.