Durchaus nicht unsympathische ‘nationale Befreiungen’ wie die kubanische und vietnamesische dienen dagegen gerne als Beispiel dafür, daß nationale Unabhängigkeit und kultureller Fortschritt wie materielle Verbesserung eben doch auch zusammengehen können. Die früher oft beschworene ‘Führungsrolle' einer sozialistischen Partei im ‘nationalen Befreiungskampf’ war es jedenfalls nicht, die automatisch verhinderte, daß die dem nationalen Unterfangen inhärente Barbarei in Reinkultur sich entfalten konnte. Die Gegenbeispiele sind Legion: Hodschas Albanien, Pol Pots Kambodscha, Ceaucescus Rumänien und das heute offensichtlich zum finalen atomaren Amoklauf entschlossene Nordkorea Kim Il Sungs. Aufschlußreich ist vielmehr, daß es gerade die Abtrünnigen des 'Sozialimperialismus’ waren, die den Sozialismus mit unmenschlichem Antlitz, die nationale Autarkie und die völkische Geschlossenheit praktizierten. Eben daß die vietnamesischen und kubanischen KPen Agenturen des, im wahrsten Sinne des Wortes: sozialen Imperialismus der Sowjetunion blieben, sorgte dafür, daß das bürgerlich-emanzipatorische Programm der kubanischen und vietnamesischen Befreiungskämpfe überhaupt aufgestellt werden konnte. Nicht die nationale Unabhängigkeit, sondern die übernationale Abhängigkeit von der Existenz eines zweiten Weltmarktes, dem des COMECON, ließ nationale, antikoloniale Umstürze einen Fortschritt in universalistischer Perspektive versprechen: Marx zufolge liegt der Fortschritt der bürgerlichen Epoche darin, daß personale Abhängigkeit durch die von Abstraktionen ersetzt wird; die Befreiung vom latifundista – ob der nun Kontraktor der 'United Fruit Co.’ war oder nicht, ist in dieser Perspektive uninteressant – verdiente ihren Namen, weil sie die unmittelbare Unterdrückung durch die abstrakte Abhängigkeit von der – subventionierten – Nachfrage der Sowjetunion ersetzen konnte.
Tatsächlich war der von der Sowjetunion geförderte 'Antiimperialimus’ in Kuba und Vietnam kein 'echter’: Er war eurozentristisch; er mißachtete die autochthonen Kulturen und bekämpfte sie; er war auf seine Art der durch die Geschichte verlängerte Arm des bürgerlich-idealen Umsturzes weltmarktlich-realer Verhältnisse, Teil einer Art von kompensatorischer Globalisierung. Der Kolonialismus hatte die traditionellen Formen der Ökonomie und der Herrschaft gründlich erschüttert ohne im Gegenzug eine reproduktionsfähige bürgerlich-westliche Gesellschaft zu schaffen; das 'anti-koloniale’ Programm von Revolutionären des Schlages eines Ho Chi Minh war nicht die Re-Etablierung traditioneller Borniertheit, nicht die Verwaltung des Elends mittels anti-westlichem Vorurteil, sondern gerade das Gegenteil: Das Versäumte aufzuholen, eine westlich geprägte Rationalisierung der gesellschaftlichen Reproduktionsbedingungen in die Wege zu leiten.