Grandad’s Island
Es gibt Papakinder. Es gibt Mamakinder. Und es gibt Ommakinder. Kinder wie mich, damals, zu einer Zeit als der genüssliche Verzehr einer Flasche Gatzweiler Alt sonntags abends vor dem Tatort für Ommas noch gesellschaftsfähig war und die Bewunderung ihrer Enkel für ihre unendliche Omma-Coolness das Normalste der Welt.
Omma wohnte ein paar Häuser, bzw. Wohnungen weiter. In der gleichen Siedlung wie ich. Bei ihr holte ich mir Käsebrote ab. Manchmal gab’s ein Spiegelei oben drauf. Zum Dank kaufte ich ihr jeden Tag ein Bier am Büdchen auf der anderen Straßenseite. Und ließ sie “Mensch, ärgere dich nicht” gewinnen. Von hier aus würde ich eines Tages in die richtige Welt segeln. Irgendwann. Dies hier war mein sicherer Hafen. Es duftete nach Daunenfedern, Instant Kaffee, Blutwurst und Spiegelei. Im Flur wartete ein Schrank, bis zur Decke gefüllt mit selbstgemachter Marmelade und wenn ich hier übernachtete, dann schlief ich. In heller Vorfreude auf das Erwachen. Hier würde ich Kraft sammeln, groß und stark werden, unter Ommas Wohnzimmertisch, wo ich all meine Vorräte verstaute, die ich von überall her zusammenklaubte, bis es endlich so weit sein und ich in See stechen würde. Nussbaumholz mit massiver Marmorplatte. Es gab keinen schöneren Ort.
Als Omma im zarten Alter von neunzig langsam die Welt um sich herum vergas, setzte ich mich zur ihr aufs Sofa, nahm ihre Hand und lackierte ihre Nägel rot. Es war das erste Mal seit ich sie kannte, dass sie rote Nägel trug. Und auch das letzte Mal. Ich erklärte ihr, wir würden jetzt eine Reise machen, auf eine Insel in der Südsee, wo uns Kokosnüsse und braun gebrannte Adonisse erwarteten. Und für unsere kleine Reise würde ich sie jetzt hübsch machen, schließlich konnten wir dort nicht wie zwei Internatsschwestern aufschlagen, die sich auf dem Weg zum Kirchentag in der Tür geirrt hatten. Nein, diese Reise hier würde unsere letzte sein. Und sie musste gut werden, so gut, dass wir uns immer an sie erinnern würden.
Als ich “Grandad’s Island” zum ersten Mal in den Händen hielt, ahnte ich nicht, dass sich hinter diesem wunderschönen, knallbunten, Funken sprühenden Cover eine ähnliche Geschichte verbergen würde wie Ommas und meine. Aber nach etwa der Hälfte der Geschichte, tauchte plötzlich dieser riesengroße Kloß in meiner Kehle auf, als mir klar wurde, dass auch Benji Davies ein Ommakind gewesen sein musste. Oder vielmehr ein Oppakind. Denn die Geschichte erzählt, wie ein kleiner Junge Abschied von seinem Großvater nimmt, der sein liebenswertes, rotbäckiges Gesicht hinter einem riesigen Rauschebart versteckt. Und sie ist eine Liebeserklärung an unsere Großeltern, die das Herz zum Überlaufen bringt.
Als der Junge seinen Großvater besucht, lockt dieser ihn hinauf in den Dachboden seines alten Hauses. Dort enthüllt er eine Metalltüre, die sich hinter einem Vorhang verbirgt, und bittet seinen Enkel, mit ihm hindurchzugehen. Kurz darauf finden sich beide auf Deck eines Schiffes wieder, auf hoher See, Kurs nehmend auf eine kleine Südseeinsel, auf der sie ein geheimnisvoller Dschungel voller exotischer Tiere und Früchte erwartet - und nicht zuletzt ein letztes gemeinsames Abenteuer. Denn in dem Moment als in seinem Enkel der Wunsch heranwächst, am liebsten für immer mit seinem Großvater auf der Insel zu bleiben, beichtet dieser ihm, dass er den Plan hege, allein auf der Insel zu bleiben und nie mehr zurück nach Hause zu kehren. Ihm würde es hier gut gehen, beruhigt er seinen Enkel, der sich große Sorgen um seinen Großvater macht. Dann umarmen sie sich, ein letztes Mal. Der kleine Junge macht sich auf den Heimweg. Die See ist rau und gewaltig, doch der Kleine hält das Steuerrad fest umklammert, und obwohl die Fahrt ohne seinen Großvater viel länger und beschwerlicher ist, schafft er es schließlich unbeschadet seinen Heimathafen anzusteuern und heimzukehren.
Als er seinen Großvater am nächsten Morgen in seinem Haus aufsucht, ist er tatsächlich nicht mehr dort. Alleine steigt er hinauf in den Dachboden und entdeckt einen Brief, den ein Tukan im Vorbeifliegen auf dem Sims des Dachfensters hinterlässt. Langsam öffnet er den Umschlag und zieht ein Bild heraus, auf dem sein Großvater breit grinsend im Arm eines nicht minder gut gelaunten Oran Utan abgebildet ist.
Das war der Moment in dem mir das Herz stehen blieb.
Grandad’s Island ist der Brief, den mir mein Tukan nie gebracht hat. Omma wollte ihn wohl selbst vorbei bringen. So war sie. “Alles muss man selber machen” hat sie immer gesagt und sich dann erschöpft in ihren Sessel fallen lassen, nur um mich einen Moment später mit ihrem lauten, alles übertönenden Lachen anzustecken. “Wird schon werden.”, sagte sie dann und lehnte sich entspannt in ihrem alten Sessel zurück, um ein Nickerchen zu machen.
Und du hattest Recht. Wie immer. Aber manchmal vermisse ich dich trotzdem.
Mimzys Altersempfehlung: 3-7 J. Zur Webseite von Benji Davies Zur Webseite von Simon and Schuster
Grandad’s Island von Benji Davies Erschienen bei Simon and Schuster Children’s UK ISBN: 1471119955
Laut Benji Davies’ deutschem Verlag (Aladin) wird Grandad’s Island im Frühjahr 2016 unter dem Titel “Opas Insel” erscheinen.











