GUNDERMANN. Ein Phänomen. Der Film. Aber auch der Liedermacher. Wer kennt Gerhard „Gundi“ Gundermann? Seine Lieder? Seine Geschichte? So gut wie niemand. Außer man stammt aus der Lausitz oder war in den Nachwendejahren nicht zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Im Westen: komplett unbekannt.
Das ändert Dresen! Regisseur Andreas Dresen, der selbst mit seiner Band die Gundermann-Lieder am Leben erhält, hat nun die Geschichte des Liedermachers verfilmt. Und was für eine starke Geschichte! Was für ein Film! Ein Film über Musik, Liebe – und die DDR. Und zwar nicht aus dem Blickwinkel, den bisherige Filmemacher gern genutzt haben, allen voran das Oscar-gekrönte Werk DAS LEBEN DER ANDREN von Florian Henckel von Donnersmarck. DDR, wie sie war, ungeschminkt, real.
Der absolute Gewinn des Films ist Alexander Scheer! Was für eine Performance liefert er hier bitte ab! Kein Wunder, dass Gundermanns Frau Conny, einen Schreck bekommen hat, als sie Scheer das erste Mal in seiner Rolle erlebte. Denn Scheer lebt die Rolle wirklich, singt die Lieder selbst – er spielt Gundermann nicht nur, er ist in den gut 127 Minuten Gundermann! Wahnsinn!!
Ein Film, der unter die Haut geht. Auch weil Dresen es so gut versteht, die Lieder mit den richtigen Bildern zu zeigen. Dadurch werden die Texte noch einmal größer. Und am Ende kann sich jeder selbst die Frage stellen, was hätte er getan? Gundermann war ein Querkopf. Aber ein sympathischer. Einer, der etwas zu sagen hatte. Gebremst vom System. Der singende Baggerfahrer.
Dresen erzählt die Geschichte auf zwei Ebenen, einmal beginnt die Zeitebene 1992, als Gundermann endlich Erfolg hatte, von seiner Musik hätte leben können, mit der Seilschaft auf Tour ging, u.a. auch im Vorprogramm von Bob Dylan spielte. Ganz stark für mich die Szene und das Lied „Linda“. Die zweite Zeitebene wird in Rückblenden erzählt, beginnend 1975. Das Hin-und-Her-Springen ist oft nur am Aussehen Gundermann abzulesen, an der Brille und den Haaren, aber man gewöhnt sich dran.
Allen Filmfans sei dieser Streifen ans Herz gelegt, auch denjenigen, die ihre Schwierigkeiten mit deutschen Filmen haben. Das ist ein Stück Geschichte.
Danke, Andreas Dresen – und all den Mitstreitern (großartige Besetzung bis in die kleinsten Nebenrollen – und großartige Ausstattung).
10 x „Kleine leise Traurigkeit“
Auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands ist noch lange nicht alles eins. Dafür gibt es ganz sicher viele unterschiedliche Gründe, einer davon ist für mich (und war es immer) die tendenzielle Arroganz des Westens: mal eben alles von uns überstülpen und alles von drüben für schlecht befinden und abschaffen. Ein bisschen sehr schwarz-weiß, aber im Kern sicher nicht so falsch. GUNDERMANN ist für mich ein weiteres Beispiel dieser Arroganz: wieso kannte den bei uns (im Westen) kaum jemand? Ich bilde mir ein, mich ganz gut in der Musikszene auszukennen, aber Gundermann? Fehlanzeige, nie gehört! Wie wahnsinnig schade, denn was für ein toller Musiker und vor allem Texteschreiber er war. Während des Films dachte ich die ganze Zeit an Rio Reiser - dem wurde im Westen ja fast der Heiligenschein verliehen, während Gundermann unter jedem Radar blieb. Dabei ist er mindestens in der gleichen Gewichtsklasse...
GUNDERMANN ist ganz sicher das Herzensprojekt von Regisseur Andreas Dresen gewesen. Seit Jahren spielt er mit Axel Prahl in einer Band die Songs Gundermanns - habe ich auch nicht gewusst. Nicht alle Filme von Dresen haben mir gefallen, SOMMER VORM BALKON fand ich komplett überbewertet und auch sein ALS WIR TRÄUMTEN hat mich nicht überzeugt. Mit GUNDERMANN konnte nichts schief gehen, denn die Story ist so riesengroß. Und mit Alexander Scheer hat Dresen wirklich alles richtig gemacht, dieser Typ ist so wandlungsfähig! Er war schon Blixa Bargeld, Dieter Degowski und jetzt eben Gundermann. Nicht nur das er genauso aussieht, genauso singt, sondern er spricht auch noch genauso wie der echte Gundermann. Anna Unterberger als seine Conny ist auch vorzüglich, Axel Prahl und Milan Pescher sowieso...
Ich könnte jetzt stundenlang weiterschreiben, warum GUNDERMANN so gut und so wichtig ist, aber ich denke die Botschaft ist bereits angekommen: an GUNDERMANN kommt kein Musik- und/oder Film-Fan vorbei. Punkt.
10 von 10 schlimmen Kassenbrillen
P.S.: im Hamburger Schauspielhaus gibt es zurzeit ein Stück über David Bowie. Und wer verkörpert den Thin White Duke? Na klar, Alexander Scheer. Die Kritiken überschlagen sich, ob seiner Performance. Der Typ ist einfach irre!