Eric-Emmanuel Schmitt – Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran
Der 2001 veröffentlichte Roman spielt überwiegend in der überschaubaren Rue Bleue, ein Straßenzug, der sich in Paris befindet und in dem Moses mit seinem Vater lebt. Das Verhältnis der Beiden ist von Kälte und Unzufriedenheit geprägt, fast täglich wird der Junge mit seinem älteren Bruder Popol, der bei der Mutter lebt, verglichen und getadelt, nie fällt ein Wort des Dankes. So wird Moses mit nur 11 Jahren in die Arme der Prostituierten getrieben, bei denen er Liebe sucht und all seine Ersparnisse aufbringt, damit sie ihn zu einem „richtiger Mann“ machen.
Bei seinen täglichen Besorgungen bei Monsieur Ibrahim, der von allen nur „der Araber“ genannt wird und einen kleinen Kolonialwarenladen betreibt, stiehlt Moses fortan Konservendosen, um Geld für weitere Besuche bei den leichten Mädchen zu sparen. Allmählich entwickeln sich Gespräche zwischen dem jüdischen Jungen und dem alten Mann; anfangs nur ein Satz pro Tag, doch im Laufe der Geschichte wird Moses zu Momo – Monsieur Ibrahim gibt ihm diesen Namen – und beide freunden sich miteinander an.
Es folgt eine liebevoll geschriebene Erzählung über das Erwachsenwerden, Religion, Familie und vor allem über eine ungewöhnliche Freundschaft, die Momos Leben völlig verändert.
Im Jahr 2003 veröffentliche eine Züricher Zeitung einen Artikel, in dem Eric-Emmanuel Schmitt des Plagiats bezichtigt wurde. Dem Autor wurde vorgeworfen, dass „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ vom 1975 erschienenen „Du hast das Leben noch vor dir“ von Emilie Ajar abgeschrieben wurde. Tatsächlich weisen beide Romane Parallelen auf, aber ebenso genügend Unterschiede, sodass die Vorwürfe bald verebbten.
„Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ wurde 2001 zum Überraschungserfolg und ist heute vielerorts Schullektüre. Die Erzählung um den Jungen Moses „Momo“ und dem alten Monsieur Ibrahim lässt sich bequem in ein bis zwei Stunden lesen und ist durchweg unterhaltsam.
Schmitt schafft es innerhalb weniger Seiten den Charakteren Leben einzuhauchen und auch die Rue Bleue mit ihrem etwas heruntergekommenen Charme, den Prostituierten und all den anderen Bewohnern erwacht zum Leben und macht es einem leicht in der Welt des Romans zu versinken.
Der Schreibstil ist leicht zugänglich und die Geschichte greift unter anderem Themen wie das Erwachsenwerden oder Familie auf, in die sich wohl die meisten Leser hineinfühlen können. Insgesamt ist der Roman lieblich und rührselig, fast schon kitschig geschrieben aber ich persönlich empfand es nicht als störend, da es zur Geschichte passt.
Besonders berührten mich die zwischenmenschlichen Beziehungen der einzelnen Personen, die der Autor so wunderbar beschreibt. Das Spektrum reicht von unterkühlten bis hin zu herzerwärmenden Verbindungen, die an den richtigen Stellen liebe- und humorvoll inszeniert werden. Und selbst skurrile Geschehnisse und Wendungen wirken bei Schmitts Charakteren nachvollziehbar und realistisch.
„Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ kann ich uneingeschränkt empfehlen. Es ist ein wunderbares, modernes Märchen!
2003 erschien der gleichnamige Film „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“, der zu einem internationalen Erfolg wurde. Dem aus den 1960er Jahren bekannten Schauspieler Omar Sharif (Dr. Schiwago), der zum Zeitpunkt der Premiere bereits 71 Jahre alt war, gelang hiermit ein spätes Comeback. Er erhielt für die Rolle des Monsieur Ibrahim vielfach Auszeichnungen.
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