Die Beobachtungen eines Bahnhofs
(Eine kurze (und hoffentlich etwas amüsierende) Kurzgeschichte geschrieben von mir)
Mit einem langezogenen quietschen bleibt die Bahn in Richtung Wasweißich auf dem gegenüber liegendem Gleis stehen. Nicht meine - sehr zu meinem Bedauern. Die Türen öffnen sich, Leute steigen aus und ein. Wer genau kann ich nicht sehen - die Bahn steht im weg. Ich kann nur Figuren durch die Fenster erahnen. Mit dem Nervtötendem Piepen schließen sich die Türen wieder und die Bahn verlässt den Bahnhof. Jetz habe ich endlich wieder freie Sicht.
Auf dem Bahnsteig steht eine junge, braunhaarige Frau mit einem weißen Schal, sie hält eine weiße Taube - welche fast in der Farbe des übergroßen Schal unter geht. Der Mann auf dem Plakat auf der Hauswand hinter der Frau schaut ihr aus meiner Perspektive fast schon warnend über die Schulter. Neben dem Mann -ein alter, dürrer, fast Glatzköpfiger Brillenträger- steht fett in weißer Schrift auf blauem Hintergrund: "Ich habe keinen Vogel und werde Ihren auch nicht klauen! Wählen Sie Mich!"- Ein Wahlplakat. Ein erlogenes wahrscheinlich gleich dazu.
Im Hintergrund schreit die männliche Roboterstimme zum fünften Mal innerhalb von 7 Minuten über eine ansstehenden Fahrplanänderung wegen der fünfundreißigsten Baustelle des Monats. Es ist, gepaart mit den ein und ausfahrenden Bahnen, ein fast grotesker Lärmpegel für den Ottanormalfahrgast. Ich überlege wie ich am besten einen Beschwerde Brief an die Bahn schreibe ohne eine Bußstrafe für Beleidigung einzusacken. Dieser schon fast Mordgedanke an die Bahn steht in keiner Korrelation mit der Taubenfrau - was die anderen Fahrgäste machen ist mir meist egal.
Die Frau setz ihre Taube auf den Boden neben sich und kramt ihn ihrer Tasche rum. Die Taube bleibt brav still stehen. Ein alter Mann - ähnlich aussehend wie der Plakatmann- ächzt sich die letzten Stufen der Treppe zum Bahnsteig der Taubenfrau hoch.
Vielleicht könnte ich meine Beschwerde als Besserungsvorschläge tarnen. Das kommt doch meist als besorgten Bürger rüber oder?Etwas so wie das ein funktionierendes Bahnverkehrsystem das Leben der Menschen verbessern und somit die Lebensqualität hier ins positive schießen würde.
Der alte Mann - nun oben angekommen - bewegt sich langsam in Richtung der Frau - welche anscheinend immernoch in ihrer Tasche nach den Antworten des Lebens sucht - und ihrer braven Taube. Vielleicht findet die Frau in ihrer Tasche auch endlich einen Weg aus dieser Bahnhofhölle welcher nicht laufen oder Schienenersatzverkehr heißt.
Hinter mir erscheint ein ICE so abrupt und schnell das die Person neben mir sich an ihrem Kaffee verschluckt. Ohne Halt prasst der ICE in Ohrebetäubender Schallgeschwindigkeit auf dem Gleis vorbei und weg aus dem Gefängnis welches dieser Bahnhof ist.
Die Taube, komplett unbekümmert von jeglichem merkt scheinlich gar nicht den Mann der sie ins Visir genommen zu haben scheint. Da auch ihre Begleiterin dies nicht zu bemerkten scheint - sie such ja immernoch ihre Tasche ab - ist es nicht verwunderlich als der Mann ohne groß Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen die Taube nimmt und weiterläuft.
Ich blinzle. Bevor ich die Reaktion der Frau sehen kann oder wo der Mann hinverschwunden ist fährt meine Bahn ins Bild. Endlich. Nach langem Warten auf Metallenen Sitzplätzen die schon als Physio- und Psychologische Tortur durchgehen könnten, öffnet sich endlich das Tor in Richtung Freiheit. Ich stehe auf und steige ein, jeglicher Gedanke an die Geschehnisse auf der Metallbank hinterlassen.











