Echo und schwarze Spiegel
NARZISS Ist jemand hier?
ECHO: Hier, hier!
Der Bildschirm leuchtet auf, der Fernseher surrt,
dein glänzend schwarzes Spiegelbild verschwunden
zwischen meinen Beinen,
zwischen den Kanälen,
zwischen zwei und drei Uhr nachts
in den leeren, schwarzen Stunden
so verirrt
allein
auf schweißgetränkten Kissen
erblasst vom blauen Widerschein
so hast du mich gefunden
NARZISS: Lass uns hier zusammenkommen!
ECHO: Hier zusammenkommen!
Du musst nur meine Nummer wählen
wer sich nun vor dir auf dem Bildschirm räkelt
ward schon vor Jahren, vor Jahrzehnten aufgenommen
doch meine Stimme, die ist echt, ist immergegenwärtig
spinnenbeinzart auf deinem Trommelfell
ergebenst ordinär, dir
immer wohlgesonnen
NARZISS: Komm!
ECHO: Komm, komm!
Du musst nur meine Nummer wählen
0190, 0900, 1,99€ die Minute Gegenwert
komm zu mir, Liebster, aber schnell
hier, in den leeren, schwarzen Stunden
in den bewegten Bildern, in den Sätzen, die sich gleichen
bin ich gefangen
in der Wiederholung
beginne ich schon, mich aufzulösen, abzuschleifen
NARZISS: Komm!
ECHO: Komm, komm!
Du musst nur meine Nummer wählen
0190 flimmert über den Kanal
ich bin genau so flüchtig und gerade so real
wie du‘s erträgst
und während du, den Kopf im schweißgetränkten Kissen
dich an mir erregst,
brauchen wir voneinander nichts zu wissen
wer keinen eignen Worte hat, der kann dich nicht verraten,
auf mich, mein Liebster, kannst du zählen
NARZISS: Warum meidest du mich?
ECHO: Meidest du mich, meidest du mich?
Du musst nur meine Nummer wählen
0190, mein Widerhall bleibt gleich
doch, schlaflos in den schwarzen, leeren Stunden dieser Nacht
suchst du nach Neuem, Gegenwärtigem im Nymphenreich
noch jünger, unschuldiger, ordinärer, fester, zarter,
zauberhafter und realer, Körper wie für dich gemacht,
- komm, logg dich bei mir ein -
und ich, entkörperlicht, ein reiner Klang,
ich scheue den Vergleich,
die andern sind auf deine stumpf geschliffenen Sinne schon geeicht
und ich kann nun mal nicht dein Camgirl sein
NARZISS: Warum meidest du mich?
ECHO: Meidest du mich, meidest du mich?
Ich weiß, in diesem neuen Nymphenreich
high definition, hyper-real und customized
ist doch mein Widerhall nur allzu gleich geblieben
kann ich nichts bieten, was dich Jüngling reizt
was dich nicht in Versuchung führt, bleibt mein gescheiterter Versuch.
Und doch, wenn du dich mir nicht geben willst,
ich werd dich schon noch kriegen
wenn das globale Spinnennetz mit dir darin zerreißt
alle mobilen Daten aufgebraucht, die Nymphen-Schulden abbezahlt,
dein Zimmer nur vom Licht des vollen Mondes angestrahlt
so wirst du meinem Fluch erliegen
schlaflos der Morgenstunden harrend
in einen schwarzen Bildschirmspiegel starrend
siehst du nur dich und kannst dich selbst nicht lieben.











