Wie können wir bei Büchern verweilen, zu denen der Autor nicht spürbar gezwungen war?
Georges Bataille: “Das Blau des Himmels”, S.18
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Wie können wir bei Büchern verweilen, zu denen der Autor nicht spürbar gezwungen war?
Georges Bataille: “Das Blau des Himmels”, S.18
Die Zwänge des Lebens sind, wohlverstanden, die Feinde der Träume; sie wollen sie unablässig einsperren, mit Ballast beschweren, ihnen die Flügel stutzen. Daher wird ein Traum, den man zu lange in seinem Kopf gefangen hält, schlussendlich auch welk. Und stirbt. Gibt es etwas Trostloseres als einen Traum, der stirbt und - auf den Friedhof der Ohnmacht zukriechend - vergeht? Sicher nicht, denn die Träume gehören niemanden, brauchen niemanden. Aber sie legen ein kleines Stück Weges mit jedem zurück, der beharrlich um sie buhlt.
Zwing dich nicht zu etwas was dir Spaß macht, weil nicht viel später lässt sich das Wort nicht mehr damit verbinden.
16 Nov
Handy: die Angst zu verpassen, verständlich, wenn so einsamm und verlassen.
10 Mai
Tag 2975 / Wieder extrem erschöpft
Könnte mich direkt hinlegen. Finde, Fahrradfahren ist wahnsinnig anstrengend. Vermeide es, dass es Rad statt stark ruckelt. Hatte nach dem Mittagessen immer noch Hunger oder Appetit. Meine Brüste tun jetzt leider weh so wie sie wehtun, bevor ich meine Menstruation kommt. Der Ausfluss ist 98% durchsichtig und hat einen ganz leicht gelben Schimmer. Eben habe ich mich mit der Schere total tief in den Finger geschnitten und es gar nicht gemerkt. Ich finde, ich bin umgänglicher. Entgegen meines Vorhabens doch schon den Schwangerschaftstest heute gekauft. Ich muss mir selber sagen, nur weil ich den kaufe, verändert sich überhaupt gar nichts in meinem Körper. Das ist so zwanghaft alles, dass ich am liebsten schreien möchte. In mir steigen Tränen auf, aber sie kommen nicht raus.
Tag 2750 / Mein Leben besteht nur aus irgendwelchen Suchen
Wie lange dauert die Strecke? Wie lange dauert sie heute? Wie lange dauert sie morgen? Wie lange dauert der Rückweg? Ist die Baustelle immer noch da? Wie wird das Wetter? Wie wird das Wetter morgen? Wie wird das Wetter in sieben Tagen? Wie wird das, wenn ich ankomme? Wie wird es an dem Tag, wo ich die Führung in der Saline habe? Ich suche, wann der Eisprung kommt. Ich suche, wann meine fruchtbaren Tage sind. Ich suche, wann das Kind geboren werden würde, wenn die Zeugung dann und dann stattfindet. Ich suche, welches Schwimmbad wann geöffnet hat. Ich suche danach, wie lange die Warteschlange am Flughafen ist. Ich suche danach, wie die Preise für die Flüge sind. Ich suche, wie lange der Weg nach Dänemark dauert. Meine Freizeit verbringe ich fast nur mit Suchen. Ich bin eine Süchtige. Ich überprüfe meine Suchen, ich modifiziere die Suchen. Ich vergleiche die Suche von gestern mit der Suche von heute und der Suche von letzter Woche. Ich mache Screenshots von den Suchen. Das war unter der anderen Tablette noch schlimmer. Aber jetzt ist es auch schlimm.
Tag 2739 / Irgendwann wird es sich erübrigen
Irgendwann werde ich das sein lassen können, mit Leuten zu schreiben, dich nicht treffe. Ich konnte es auch irgendwann sein lassen, mehrere Stück Kuchen zu kaufen und alle auf einmal zu verspeisen. Ich konnte es irgendwann sein lassen, Gummibärchen zu kaufen. Ich konnte es sogar inzwischen sein lassen, Bitterschokolade bei der Arbeit zu essen. Auch konnte ich das mit dem Sex-Chat sein lassen. Ich konnte plötzlich anfangen, regelmäßig schwimmen zu gehen. Und ich gehe ja gar nicht hin in einer Hurra-hurra-Stimmung. Aber weil ich weiß, was mich da erwartet, gehe ich. Ich brauch mich nicht ärgern, dass ich den ganzen Rückweg schreibe. Ich muss dieses Scheiß-Gefühl von diesem Scheiß-Chat mit ihm loswerden und mir jetzt wieder klar werden: So will ich meinen Sonntag nicht verbringen mit der Aura von so Leuten. Morgen ist Katzis Todestag. Ich möchte nicht bis 0:00 Uhr mit irgendwem zusammen sein. Look, my time is limited, my brain is limited and I have no space left for people who only talk shit.
Tag 2556 / Vielleicht muss ich mich bei allem nur einfach fragen: Könnte ich das jemandem erzählen, ohne mich zu schämen?
Und wenn die Antwort Nein ist, dann muss ich das beseitigen, das ändern. Zum Beispiel das mit den Kassenbons. Ich lebe hier zwischen Kassenbons von 2014, 15, 16, 17, 18, 19, 2021 und jetzt 22.
Heute habe ich immerhin einen halben Mülleimer voll Kassenbons weggeschmissen. Ich habe es nicht geschafft, die Kisten mit den nicht abgeheftet den Papieren von der einen Ecke des Raumes in die Vitrine zu stellen. Ich habe es nicht geschafft, den Wohnzimmertisch weiter leerzuräumen, weil ich ja vor einigen Wochen vorhatte, ihn ganz abzubauen. Ich habe es nicht geschafft, abzuwaschen, obwohl ich mir auf dem Fahrrad am Nachmittag sagte, so schlimm kann es nicht sein, eine halbe Stunde abzuwaschen. Ich weiß nicht, was in dieser Wohnung hängt oder was ich denke, was hier hängt, wenn ich hereinkomme, warum die Motivation, die ich draußen noch hatte bei Betreten wieder verschwunden ist.
Wenn ich weiß, dass meine Probezeit, mein Job daran hängt, wenn ich weiß, dass die Bewertung anderer Leute daran hängt, dann kann ich ja auch Dinge erledigen, die mir eigentlich gar keinen Spaß machen. Da ist dieser Druck von außen. Das ist jetzt dein Job und ob dir das Spaß macht oder nicht, darum geht es nicht.
Hier zu Hause mache ich fast nur, was mir Spaß macht. Abwaschen macht mir keinen Spaß, also lass ich das sein. Warum hab ich so eine Weise und kämpfe damit erst mal, unangenehme Dinge zu tun, obwohl ich doch davon profitieren würde, Dinge wegschmeißen, Dinge aufräumen. Ich hab mir heute vorgenommen, eine Kiste zu machen mit Schuhen, die ich nicht wegschmeißen möchte. Die Onitsuka mit dem Schaf drauf und die ersten Abstinenzschuhe von Nike und die aber aus dem Schuhschrank zu nehmen und auf den Zwischenboden zu legen. Schuhe, die ich nicht mehr anziehe, aber von denen ich mich noch nicht trennen kann, müssen nicht den Raum blockieren, wo man Schuhe hinstellen kann, die man trägt. Leah hat gesagt, bei ihr ist es ordentlich, sie könnte gar nicht unordentlich Leben, da wäre dann zu viel Unruhe im Kopf. Ich weiß nicht, ob bei mir Unruhe im Kopf ist oder ob diese Unruhe, die äußerliche, mich so lähmt, blockiert. Alles, was herumliegt, staut den Energiefluss, bremst mich, hält mich gefangen.
Wenn ich mir vorstelle, dass dieser Kollege, mit dem ich Mittagessen war, zu mir nach Hause kommt, dann kann ich plötzlich diese Kiste mit den Bons nehmen, noch eine, und anfangen, wegzuschmeißen. Wenn ich mich in jemand anderes reinversetze, ist es einfacher, aufzuräumen. Ich muss mich einfach fragen, ob andere Leute das auch machen, ob das normal ist und ob das sein muss. Und ich hab jetzt sogar beschlossen, Apothekenbons von 18, 19 und 20 wegzuschmeissen, weil ich gar keine Lust habe, die noch mal auseinanderzusortieren für die Steuer.
Ich möchte mich damit nicht mehr beschäftigen. Die Zeit ist endlich. Man wird älter. Und ich kann nicht, und das mache ich ja noch, und das muss ich auch, aber: Wie lange will ich hier Dinge hinterherräumen, die ich vor zwölf Jahren so abgelegt habe?