Bonustracks & Outtakes (36)
Reporterbüros an ungewöhnlichen Locations - die lesernahe Strategie der Aargauer Zeitung.
Wenn Peter Rombach morgens um 9 Uhr das italienische Café-Restaurant Pane, Amore e Fantastica in Rheinfelden betritt, das bei den Ortsansässigen kurz Paf heißt, sind rund 15 bis 20 Menschen im Raum. Er kennt sie fast alle. Rombach ist in gewisser Hinsicht auch ein Stammgast, aber auf andere Weise als die Handwerker und Geschäftsleute, die hier um diese Zeit Kaffee trinken und Zeitung lesen. Vielmehr hat der Redakteur der Aargauer Zeitung (AZ) hier seinen Schreibtisch - zwar nicht in der Gaststube, aber in einem Nebenraum.
Seit rund einem Jahr arbeitet Rombach hier. Acht solche so genannten Reporterbüros hat die AZ in den Bezirken des Kantons Aargau eingerichtet: Ein Kollege in Reinach teilt sich das Büro mit einem regionalen Gemeindeverband, in Wohlen sitzt eine Miniredaktion bei einem Computerhändler, nachdem es in den Ausstellungsräumen eines Bildhauers zu klein geworden war. Die Arbeitsverhältnisse erinnern einerseits ein bisschen an die Shop-im-Shop-Modelle, die in den vergangenen Jahren in der Geschäftswelt an Bedeutung gewonnen haben. Vor allem reagieren die Aargauer mit ihrem Konzept auf Social Media, und zwar auf eine für eine Zeitung eigentlich naheliegede Weise: Man vernetzt sich enger mit dem Leser, aber nicht digital, sondern analog.
Die Idee, solche Büros einzurichten, entwickelte sich bei der AZ im Zuge einer generellen Umstrukturierung. Die Produktion der Zeitung, die vorher auf verschiedene Orte verteilt war, wurde am Hauptsitz in Aargau zentralisiert. „Wir haben uns damals gesagt: Wir können nicht ständig zentralisieren, wir müssen auch verstärkt an die Front gehen und ein entsprechendes Zeichen setzen“, sagt Werner De Schepper, der stellvertretende Chefredakteur der AZ. Man habe sich die Frage, wie man näher an das Publikum heranrücken kann, dann „vom Leser aus gestellt“.
Die Strategie sei auch wichtig im Hinblick auf die Konkurrenz durch Umsonstblätter, mit der sich fast alle Qualitätszeitungen in der Schweiz konfrontiert sehen. Bezahlte Zeitungen müssten „ein Gesicht haben“, um sich von den „am Desk produzierten Gratiszeitungen“ abzusetzen, erläutert De Schepper. Wichtig sei es gewesen, dass in den neuen Außenbüros „im Ort fest verankerte Personen“ zum Zuge kommen, lediglich in einem Fall bekam ein Korrespondent ein ihm bisher unbekanntes Gebiet zugeteilt. Ein weiteres wichtiges Kriterium: „Wir wollten sichtbare Büros haben, damit unser Redakteur von den Bürgern leicht zu finden ist“, sagt De Schepper.
Das Paf in Rheinfelden, wo 12.000 Menschen leben, ist dafür ein gutes Beispiel. Es befindet sich in einer Marktgasse in einer Altstadt, dort, wo das kleinstädtische Leben am heftigsten pulsiert. Der Raum, in dem Peter Rombach arbeitet, dient manchmal auch für Veranstaltungen, vor allem in der Weihnachtszeit finden hier Theateraufführungen für Kinder statt, manchmal auch Lesungen und Kleinkunstabende. Rombachs Büro ist lediglich durch einige Aktenschränke vom Veranstaltungsbereich abgetrennt.
Wenn Rombach durchs Paf geht, kommt er immer wieder ins Gespräch mit den Gästen. „Dann erhält man auch öfter mal einen Tipp. Und wenn im Sommer mein Fenster, das auf ein Gässchen führt, offen ist und draußen Stadtführungen stattfinden, kommt man fast automatisch mit Passanten ins Gespräch.“ Generell seien die „die kurzen Wege ein Vorteil“, sagt er, er könne vom lokalen „Buschfunk“ viel besser profitieren als früher, als er pendelte. Da fuhr der in Rheinfelden lebende Journalist morgens ins 25 Kilometer entfernte Büro in Frick und abends wieder zurück.
Rombach erwähnt mehrere Informationen, die er seiner ständigen Präsenz vor Ort verdankt und die sich als Beginn einer wichtigen Recherche entpuppten: Mal ging es um Entwicklungen beim örtlichen Wasserkraftwerk, dessen Ökostrom auch nach Deutschland, auf die andere Seite des Rheins, geliefert wird, mal um die Videoüberwachung von öffentlichen Gebäuden, mal um den Streit um ein Rebengelände. Einen Nachteil hat der Redaktions-Standort Restaurant allerdings. Er fühle sich als Einzelkämpfer, die unmittelbare Kommunikation mit den Kollegen fehle ihm, sagt Rombach. Wenigstens steht ihm manchmal ein Praktikant zur Seite.
Zumindest im Fall Rheinfelden, wo die AZ ihre Außenstelle in einem gastronomischen Betrieb eingerichtet hat, erinnert das Konzept entfernt an die „Open Newsroom“-Strategie, die die Lokalzeitung The Register Citizen in der US-Stadt Torrington seit Ende 2010 verfolgt. Zu deren Redaktionsräumen, an die ein Café angegliedert ist, hat jeder Bürger Zugang; das gilt auch für die Themenkonferenzen.
Auch bei AZ-Mann Eddy Schambron in Muri, dem Hauptort des gleichnamigen Bezirks, ist das Büro ständig offen. Das könne manchmal lästig sein, sagt er. „Man ist nicht nur Journalist, sondern Repräsentant der Zeitung und damit Ansprechpartner für alles Mögliche.“ Es kommt vor, dass Leute bei Schambron vorbeischauen, um sich über Artikel aus der Aargauer Zeitung zu beschweren, mit denen er gar nichts zu tun hat. Andere sprechen ihn an, weil sie in den Urlaub fahren und ihr Abo unterbrechen wollen.
Ähnlich wie der Kollege Rombach in Rheinfelden profitiert Schambron vom „lokalen Bekanntheitsgrad“ des Gebäudes, in dem er arbeitet. Der Laden heißt Grolimunds Badewelten, ein großes Sanitärfachhandelsgeschäft. „Ich muss niemandem erklären, wo mein Büro liegt, ich muss nur sagen, ich sitz‘ beim Grolimund.“
Wie Rombach ist sich auch Schambron sicher, dass einige Geschichten nur in Gang gekommen sind, weil er als Ansprechpartner für „Fragen und Ideen“ der Bürger stets zur Verfügung steht. Zuletzt war dies bei einem Artikel der Fall, in dem es um Forderungen einiger örtlicher Kulturinstitutionen an die Gemeinde ging. Der AZ-Redakteur sagt, die Kulturvertreter seien darauf erpicht gewesen, dass die Dokumente, die er auftreiben konnte, nicht an die Öffentlichkeit gelangen, weil dort mit geschönten Zahlen argumentiert worden sei. Im Fall Rombach und Schambron rentiert sich das volksnahe Reporterbüromodell der AZ nicht nur, weil sie mehr recherchieren können. Vizechef De Schepper ist jedenfalls aufgefallen: „Sie schreiben auch mehr Artikel, weil sie viel seltener im Auto sitzen.“
Der Text erschien zuerst in der Zeitschrift Drehscheibe (Ausgabe 13/11).