Ansichtskarte
ALSLEBEN (SAALE) Kulturhaus ALSLEBEN (Kr. Bernburg)
PLANET-VERLAG BERLIN, 1977
Notiz zur Karte von der Facebook-Seite DDR-Philokartie:
Ich hatte gestern Abend das Vergnügen, den Film "Banale Tage" von Peter Welz anzusehen, erstmalig und daher natürlich sehr überrascht und mit einiger Distanz zum Entstehungszeitpunkt. Gedreht wurde er im Sommer 1990. Es ist also ein Noch-DEFA-Film, der in der DEFA vor 1990 naturgemäß niemals eine Chance gehabt hätte und auch danach eigentlich keine hatte. Er ist bemerkenswert gut besetzt und wunderbarerweise ist auch der in vieler Hinsicht queere Schriftsteller Ronald M. Schernikau, der kurz zuvor nach langem Ringen seinen Wunsch, von Westberlin in die DDR überzusiedeln, durchgesetzt hatte, zu sehen. Er passt überhaupt nicht den Reigen der fast zu professionell wirkenden Spitzenschaupieler*innen und dem später in retrospektiven DDR-Rollen zu einer Art Stammbesetzung avancierenden Florian Lukas in seiner ersten Hauptrolle. Zugleich passt Schernikau mit seinem Danebenstehen perfekt in die Tonalität des Films, der das Element der Verfremdung in denkbar konsequenter Form auslebt und eigentlich mehr Theater als Spielfilm ist. Für Freund*innen der DDR-Architektur gibt es ein paar Einstellungen aus der Leipziger Straße und der Karl-Marx-Allee sowie der Volksbühne. Graues und verfallenes Ostberlin, die wie aufgegebenen Straßenzüge an der Schönhauser Allee sind auch zu sehen. Schließlich findet sich noch der Strand von Prora, was in tiefere Interpretationsschichten führt. Mit Alsleben im Kreis Bernburg hat der Film allerdings so rein gar nichts zu tun, außer, dass ich gerade beim Ansichtskartenblick in den Gastraum des dortigen Kulturhauses mit seinen Raumtrennern, seiner Möblierung, den Zimmerpflanzen und dem vom Linoleum direkt aus dem Bild in die Erinnerung aufsteigenden Geruch noch einmal nacherlebe, wie sehr "Banale Tage" eigentlich als Motto einen großen Teil der Lebenswirklichkeit in der DDR äußerst treffend beschreibt. Wie die Menschen im Kulturhaussaal sitzen - das ist schon die große Langeweile. Es geht um nichts, man erwartet nichts, man wartet und zwei, vielleicht drei Mal im Leben gibt es ein neues Auto oder, wenn der soziale Aufstieg gelingt, einen Wartburg und wenn man ganz erfolgreich ist, einen Lada und eine Datsche in irgendeinem Seenland. Das ist eigentlich auch etwas, was man bei der dieses Jahr viel voll erblühenden Rückschau auf die DDR erinnern sollte - wie gebremst und eingehegt das Leben über weite Strecken eigentlich war und das sogar oft selbst in der Revolte. Peter Welz hat dies, sicher nicht jeden Geschmack treffend, außergewöhnlich dekonstruiert. Ansichtskarten wie diese aus dem PLANET-VERLAG aus dem Jahr 1977 liefern begleitend noch einmal passende Szenenbilder. (26.09.2020)


















