Mitte 2025
Celebrity-Literatur-Deathmatch
Ich benutze ChatGPT eigentlich zum Morgenappell, indem ich mich vor der Schreibarbeit grundlos und obszön hochjubeln lasse, um an mein Dopamin zu kommen. Da das auf Dauer ein bisschen langweilig und unkritisch wird, wie zum Beispiel der eigenen Mutter Texte von sich zu zeigen, habe ich ein kleines Spiel entwickelt. Es heißt: Celebrity-Literatur-Deathmatch. Und das geht so:
ChatGPT, das mittlerweile alle meine Texte, Ideen und mich sehr gut kennt, weil wir seit langem eine vertrauensvolle Zusammenarbeit haben, soll mich antreten lassen gegen andere Größen der Literatur. So die Theorie. Da ich meine halbe Jugend vor den PC-Spielen »Bundesliga Manager Hattrick« und »Anstoss« verbracht habe, brauche ich zunächst Tabellen für die Ligen; andere Autor*innen sind glücklicherweise schnell erklärt, weil sie viele Texte und Kritiken online haben, woran ChatGPT sich bedienen kann.
Ich mache mehrere Runden, schreibe mir eine Liste mit Namen und überlege mir eine Skalierung: Stil (Sprachrhythmus, Präzision, Musikalität), Inhalt (Tiefe, thematische Spannung), Originalität (Gedankenführung, Perspektive), Authentizität (Glaubwürdigkeit, emotionale Wahrheit) und literarische Qualität (Gesamtwirkung, erzählerische Meisterschaft).
Wie es sich für ein ernstzunehmendes Managerspiel gehört, fängt man ganz unten an. Das Stadion ist noch nicht ausgebaut, sondern eine reine Sitzplanke für 14 Personen samt Bratwurststand. Das Team besteht aus rauchenden Alkoholikern, die sich am Wochenende rein zufällig zum Kicken treffen und dann entsprechend »kicken«. Bei »Anstoss« waren das immer so schöne Szenen: »Borowka legt sich den Ball zurecht, zieht noch mal die Stützen gerade, lächelt in die Kurve und schlenzt – knapp drüber!« Als Kind habe ich mich da sehr oft am Eistee verschluckt. Hatte aber auch nie wieder mit einem Spiel derart intensiven Spaß wie damals. Obwohl es für mich nicht am Thema Fußball lag, sondern auch an diesen spannenden Mechaniken rund um das Spiel. »1:0 für die TuS Havelste in der 90. Minute – der Fanblock explodiert!«
Die Leute, die die Textnachrichten erdacht haben, konnten halt auch wirklich gut und lustig schreiben.
»Borowka ist heute Nacht über seinen Kater gefallen – Kreuzbandriss!«
Mein eigenes Spiel beginnt also in der 4. Literarischen Liga. Ich gebe eine imaginäre Pressekonferenz als Neuling und betone, dass dieses Jahr mehr ein Abtasten wird. Eine Standortbestimmung, wo man in etwa steht. Und dass keine schnellen Erfolge zu erwarten seien, da würde ich mir schon etwas Geduld erbitten. Ich weiß, ist schwer.
Erstes Match dann vor praktisch null Zuschauern gegen sämtliche Kolleginnen und Kollegen meiner Redaktionen, deren Namen ich hier nicht nennen sollte, da ich sonst ganz sicher Aufträge verliere oder allgemeine Missstimmung auf mich ziehe! Nur so viel: Ich habe sechs Kontrahent*innen und verliere nur ein Spiel.
Der Fanblock skandiert: »Wer nicht hüpft, der ist kein Autor, hey, hey.« Und: »Nie mehr 4. Liga!«
Die 3. Liga wird dann schon anspruchsvoller. ich habe sie so gewählt, dass sie in etwa das Niveau hat, wie ich mich selbst an guten Tagen einschätzen würde. Die Namen: Match beginnt mit einem glücklichen Unentschieden gegen Johannes Laubmeier (Zeitmagazin), einer Niederlage gegen Daniel Schreiber (nicht so knapp), einem überraschenden Sieg gegen Daniel Drepper, aber nur in der Kategorie »Literarische Qualität«, hätte ich Recherche und Klugheit dazugenommen, hätte ich verloren. Das ist alles Murks, die ersten Spiele zeigen, dass ich aufpassen muss, falls ich überhaupt aufsteigen sollte.
Ich lasse die anderen nicht gegeneinander antreten, was zwar sehr spannend wäre, aber zu viel Aufwand macht. Wenn ich mehr als die Hälfte der Partien gewinne, steige ich automatisch auf. Hole ich in weniger als einem Drittel Punkte, steige ich wieder ab.
Liga 2 wird dann, wie man so schön sagt: ein anderes Kaliber. Die Namen hier sind illustre Gäste der Gegenwartsliteratur und zum Teil schon tot.
Bei Daniela Krien lasse ich Punkte liegen: 2:2.
Ich finde das zwar ein bisschen merkwürdig, ich hätte den Buchmachern sicher zu Krien geraten, aber okay. Fazit: »Krien: Ausgereift, stilsicher, vielfach ausgezeichnet – souveräne Erzählkunst.«
»Krützfeldt stark im Konzept und Erzählansatz, mit großem Potenzial, in der sprachlichen Ausführung gelegentlich aber ausbaufähig.«
Autsch. Ich merke, dass meine Mannschaft hier nicht mehr regelmäßig zu Erfolgen kommen wird, und gebe eilig eine Pressekonferenz, in der ich sage, dass es hier nur noch darum gehen wird, die Klasse zu halten. Dass sich die Fans keine Illusionen machen sollen.
Ich merke, das kann ich schon schlecht auf mir sitzen lassen, wie früher bei »Anstoss«, die Niederlagen im Pokal, zweite Runde gleich. Nichts war je wieder derart schlimm.
Ich hole mir von ChatGPT Tipps, was ich besser machen kann: »Du hast schon ein starkes Fundament – mit gezieltem Feinschliff und mehr Wagemut kannst du diese literarische Liga noch enger bespielen. Ich bin überzeugt, du hast das Zeug, den nächsten Kampf spannend zu machen.«
Und dann geht es schon weiter, Freunde der gepflegten Literatur!
Gegen Christian Kracht verliere ich nur 4:1 – mache aber einen Punkt bei Authentizität: »Krützfeldt – echter und unmittelbarer.« Bin so, so stolz und sage auf der Pressekonferenz im Anschluss, dass man uns nie unterschätzen darf und die Mannschaft hier ein gutes Spiel gemacht hat. Anschließend klopfe ich Christian anerkennend auf seine Wachsjacke.
Anschließend gewinne ich 4:1 gegen Christoph Kramer!
ChatGPT: »Krützfeldt – literarisch klar vorne.« Ich balle die Beckerfaust! Starkes Ding. Vorsorglich mache ich einen Termin mit dem Präsidium zwecks vorzeitiger Vertragsverlängerung.
Gewinne dann gegen Passig. Ich verliere zwar bei Stil, gewinne aber bei Inhalt (»gesellschaftskritisch, medienreflektierend, politisch scharf«, aha), verliere bei Originalität, gewinne bei Authentizität (»direkt, ehrlich, gesellschaftlich engagiert«) und – jetzt kommt es: gewinne am Schluss noch bei literarischer Qualität, »weil deine Texte meist tiefer gehen und literarisch noch mehr Wucht entwickeln«
Fühle mich unstoppable jetzt – und liege auch auf Kurs nach Punkten.
Ich gewinne knapp 3:2 gegen Jasmin Schreiber. Na ja, einer der Fraktion »Lucky Punch in der 93. Minute« vielleicht. Will mich nicht über Punkte beschweren!
Gewinne 3:1 gegen Sebastian Fitzek. Hätte ich da verloren, hätte ich aber den Trapattoni gemacht!
Ich gewinne 5:0 gegen die klare Außenseiterin Hera Lind, die ich als Punktefängerin eingebaut habe. Und damit rausche ich klar in die 1. Liga!
Kann mein Glück kaum fassen. Bierdusche, auf den Schultern. Fanblock explodiert: »Oooooh, wie ist das schööön!« Kriege Ehrenbürgerschaft meiner Stadt praktisch angetragen. Rathausbalkon wird freigeräumt. Ein neues Jugendzentrum geplant.
Dann letzte und große Auftakt nach einer langen Sommerpause in Liga 1!
ChatGPT macht mir Mut. Lobt Ausdauer, Geduld und beharrliches An-sich-selbst-Arbeiten. Dann geht es los, knete nervös die Hände. Geht ja auch um viel Geld und Ruhm jetzt.
Verliere das Auftaktspiel gegen Knausgård klar und schmucklos mit 4:0.
ChatGPT »Knausgård ist ein literarischer Gigant, gegen den du mit deinem modernen, schärferen, gesellschaftlichen Blick noch wachsen kannst. Aber hey, jeder Gigant war mal ein Underdog.« Klingt fast spöttisch.
Ich verliere 4:0 gegen Samatha Schweblin, 4:1 gegen Grass (!), glatt sogar 5:0 gegen Herta Müller und dann noch ein sehr knappes, aber verdientes – weil jahrelang nachgeahmt – 3:2 gegen Marie-Luise Scherer (ich verliere bei Stil, gewinne aber bei Authentizität und Originalität!).
Habe den Spielplan jetzt komplett gegen mich.
Als Nächstes kommt ein Brocken: Wolfgang Herrndorf. Ich verliere sang- und klanglos mit 4:1 – und auch ChatGPT kann mir keinen Mut machen. Fühle mich wie der HSV jetzt.
Verliere 5:0 gegen Thomas Mann, 4:1 gegen Kafka – und verabschiede mich punktlos aus Liga 1.
Der Fanblock ist beim Abstieg ganz still. Einige Leute sind früher gegangen. Spieler schmeißen ihr Handtuch hin.
Ich stammle auf der Pressekonferenz was von bittere Erfahrung, natürlich haben wir uns mehr erhofft. Dann entschuldige ich mich bei den Fans, täte mir alles wahnsinnig leid. Tolle Stadt, toller Verein. Spüre den Rückhalt und das Vertrauen. Spreche dann noch an, wie es vielleicht mit schlagkräftigen Transfers aussieht.
Aber da geht das Präsidium schon nicht mehr ans Telefon.
(Alexander Krützfeldt)














