Carlo steht an mein Auto gelehnt und zieht an seiner Zigarette. Ich lehne mich ins Innere des Wagens und schnalle Toni an. Es ist Donnerstagmorgen, eigentlich viel zu früh und Stuttgart macht es einem mit Schneematsch und dem grauen Himmel auch nicht gerade leicht. Ich fahre mir durch die Haare und schaue zu Carlo rüber. Er hat seine recht Hand tief in der grauen Jogginghose vergraben, die Ärmel seines schwarzen VioVio Sweater hat er bis zu den Ellbogen hochgeschoben. Neben ihm steht meine vollgepackte Louis Vuitton Neverfull. Er sieht müde und gestresst aus. Und eigentlich ist viertel nach sieben überhaupt nicht seine Zeit. Aber er wollte unbedingt mit mir zusammen aufstehen, damit er Emil und Toni ‚Tschüss‘ sagen kann, bevor ich die Kinder fürs Wochenende zu meinen Eltern nach Ravensburg bringe. Am Freitagabend ist Carlos Release-Party, fürs neue Album, und da hat meine Mutter angeboten die Kinder übers Wochenende zunehmen. Carlo nimmt noch einen letzten Zug von seiner Zigarette, lässt sie dann auf den Boden fallen und drückt sie mit dem Fuß aus. Eigentlich hatte er aufgehört zu rauchen, aber durch den Stress der letzten Tage hat er wieder angefangen. Ich kann damit leben, dass er ein Stressraucher ist. Auch wenn ich Nichtraucher Carlo wesentlich lieber küsse. Zwar ist ‚Ton‘ schon Carlos viertes Album, trotzdem ist es für ihn noch immer eine nervenaufreibende Zeit, so kurz vor der Veröffentlichung. Er ist so gestresst, dass ich es nicht über mich gebracht habe, ihm letzte Nacht von den Ergebnissen der Mammographie zu erzählen. Und außerdem wollte ich nicht die tolle Stimmung von Markus‘ und Marlas tollen Nachrichten kaputt machen. Vielleicht ist es ja auch gar nichts Schlimmes, aber das wird sich erst in den nächsten Wochen zeigen. Ohne Worte zieht Carlo mich in seine Arme. Ich lasse mich gegen ihn fallen und schlinge meine Arme um seine Mitte. „Das wird schon alles klappen! Ihr seid so ein eingespieltes Team!“, nuschele ich an seine Brust und spüre wie Carlo mir einen Kuss auf den Haaransatz drückt. Sprechen am Morgen war noch nie so ganz seins. Er lässt nur ein undefinierbares „Mh“, hören und drückt mich noch ein Stückchen näher an sich ran. Ich löse mich ein Wenig von ihm und fahre ihm mit den Fingern über die Wange. Sein Dreitagebart ist mittlerweile mehr zu einem eineinhalb Wochenbart geworden. „Rasiert du dich noch bevor du morgen Auftritts?“, frage ich ihn neckend und entlocke ihm ein Grinsen. „Ich hab gedacht du stehst auf meinen Bart?“, lacht Carlo und legt seine Wange in meine Hand. „Ich stehe auf ein bisschen Bart und nicht auf Almöhi!“, lasse ich ihn wissen. Schnell stelle ich mich auf meine Zehenspitzen und drücke ihm einen Kuss auf die Lippen. Ich würde es ihm nicht sagen, aber ich würde ihn auch mit Vollbart lieben. Hauptsache Carlo. Carlo hebt mich ein wenig hoch und erwidert den Kuss, ich kreische und versuche den Boden mit meinen Zehnspitzen zu berühren. Aber Carlo hebt mich nur noch ein Stückchen höher. Spinnt der eigentlich? „Lass mich runter!“, fordere ich ihn auf. „Sonst was?“, fragt Carlo und seine Augen blitzen herausfordernd auf, aber auf seinen Lippen liegt ein Lächeln. „Sonst verbringe ich das Wochenende bei meinen Eltern und du verpasst ein kinderfreies Wochenende voller Sex, Party und Alkohol!“, drohe ich ihm. Sofort lässt Carlo mich wieder auf den Boden zurück und löst unsere Umarmung. „Okay, du hast überzeugende Argumente!“, gibt er sich geschlagen. Er lehnt sich zu mir runter und drückt mir noch einen Kuss auf die Lippen. „Ich werd‘ die Nervensägen zwar vermissen, aber ich freue mich auch sehr auf ein nacktes Wochenende nur mit dir!“ Ich lege meine Arme um seinen Nacken und grinse ihn an. Ich kann es kaum erwarten endlich ein bisschen Zeit für uns zu haben. Endlich nicht darauf achten zu müssen nicht doch zu laut zu sein. Und morgens endlich mal wieder ausschlafen. „Ein nacktes Wochenende? Trittst du auch nackt auf?“, frage ich ihn mit großen Augen. Carlo lässt ein Schnauben hören und verdreht seine Augen, „Dann halt einen nackten Samstag und Sonntag, Gott du bist so eine Klugscheißerin!“ Ich grinse ihn an und tätschele seine Wangen, „Hey immerhin bin ich die Akademikerin von uns beiden!“ Carlo zuckt mit den Schultern, „Na und? Das große Geld bringe trotzdem ich nach Hause!“ „Ja du bist einfach der Geilste!“, stimme ich ihm ironisch zu. „Endlich hast du es erkannt!“, mit diesen Worten löst er sich von mir und steckt seinen Kopf ins Innere des Wagens. „Kröte ganz viel Spaß beim Omi und Opa. Sei brav und wir holen euch am Sonntag wieder ab!“, verabschiedet er sich von Toni und drückt ihr einen Kuss auf die Wange. „Tüs Papa, liebe dich!“, sagt Toni schläfrig und streckt ihre Arme nach Carlo aus. Carlo gibt ihr noch einen Kuss und fährt über ihre blonden Locken, „Ich liebe dich auch Kröte!“ Er schließt die Tür und hebt meine Handtasche an. „Brauchst du die vorne? Soll ich die in den Kofferraum stellen?“, ich lächele ihn an und deute dann in Richtung Kofferraum. Wenn er will kann er halt doch ein richtiger Gentleman sein. Es kommt nicht oft vor. Aber immer mal wieder. Carlo umrundet den Wagen, öffnet den Kofferraum und verfrachtet meine Tasche ins Innere. Dann öffnet er die hintere Beifahrertür und verabschiedet sich von Emil.
Drei Stunden später fahre ich langsam über die gekieste Einfahrt meines Elternhauses in Langenargen. Die Fahrt hat sich durch einen ziemlich langen Stau auf der A8, um mehr als eine Stunde verlängert. Mit einem Blick in den Rückspiegel erkenne ich, dass die Kinder beide noch schlafen. Ich bringe meinen Wagen vor dem großen Haus im siebziger Jahre Stil zum Stehen. Der große Eingangsbereich aus Glas ist beleuchtet und ich sehe meine Mutter, durch das Küchenfenster. Als sie ihren Blick hebt, erkennt sie meinen Wagen und winkt uns zu. Ich atme noch einmal tief durch und öffne dann meine Autotür. Mit meiner vollbepackten Handtasche über der rechten Schulter, Toni an meiner Hand und Emil auf meinen anderen Arm steige ich die wenigen Stufen zu meinem Elternhaus hinauf. Meine Mutter wartet schon strahlend an der großen, weißen Eingangstür auf uns. Ich hab sie vermisst. Oft sehen wir uns viel zu selten, zwar telefonieren wir oft, aber das ist einfach nicht das Gleiche. Manchmal wünsche ich mir sie würde in meiner Nähe wohnen, damit wir uns öfter sehen können. Sie ist wie immer schick angezogen. Selbst an einem Samstagmorgen um halb zwölf. Über ihre Schulter hängt ein Geschirrhandtuch und sie streckt Toni lächelnd die Arme entgegen. „Omi!“, ruft Toni fröhlich, macht sich von meiner Hand los und stürmt meiner Mutter entgegen. „Hallo Motte!“, begrüßt meine Mutter sie und hebt Toni auf ihren Arm. „Hallo Mama!“, ich ziehe meine Mutter kurz in eine Umarmung und drücke ihr einen Kuss auf die Wange. „Hallo mein Schatz!“, lächelt meine Mutter und küsst dann auch Emil kurz zur Begrüßung. Ein Wenig später sitzen wir zusammen im Wohnzimmer vorm großen Kamin. Toni und Emil spielen auf dem Teppich vor uns und meine Mutter und ich erzählen ein wenig. Ich habe meine Beine an meinen Körper gezogen und den Kopf auf meine Knie gelegt. Es ist schön wieder zu Hause zu sein. Manchmal vermisse es einfach nachmittags nach Hause zu kommen und dann mit meiner Mama eine Runde zu chillen. „Wo ist Carlo eigentlich?“, fragt meine Mutter und nimmt noch einen Schluck Tee aus ihrer Tasse. „Er konnte nicht mit kommen. Es muss noch ziemlich viel geklärt werden, wegen Morgen und so!“, erkläre ich ihr. Aber eigentlich wissen wir beide warum Carlo nicht mitgekommen ist. Carlo und mein Vater verstehen sich nicht wirklich gut und soweit es sich vermeiden lässt, verzichtet Carlo auf Besuche bei meinen Eltern. Laut meinem Vater, ist Carlo der Grund warum ich mein Leben in den Sand gesetzt habe. Wäre Carlo nicht, würde ich seiner Meinung nach jetzt in irgendeinem Vorstand einer Bank sitzen und könnte mich in die erfolgreiche Reihe meiner Ahnen einreihen. Immerhin erwartet Professor Doktor Hans-Joachim Stierbach ein wenig mehr von seinen Kindern, als einfach nur glücklich zu sein. Mein Vater arbeitet als Chef Ingenieur bei Mercedes-Benz und auch für mich und meine zwei Geschwister hatte er große Zukunftspläne. Während meine Geschwister, die auch alle erfüllt haben, tanze ich ein wenig aus der Reihe. Erst heirate ich einfach so mit zwanzig, noch vor meinem Bachelor einen Nichtsnutz und dann werde ich auch noch von dem Typen schwanger. Das war für meinen Vater eine harte Nuss. Dass ich während meiner Schwangerschaft meinen Bachelor mit 1,3 beendet und danach noch erfolgreich einen Master dran gehangen habe, interessiert natürlich nicht. Und das Carlo mit seiner Musik mehr Geld nach Hause bringt, als alle meine Geschwister mit ihren Elitejobs zusammen interessiert natürlich genauso wenig. „Wie schade. Johann und Lena kommen heute Nachmittag zu Besuch, bleibst du solange auch noch?“, die Stimme meiner Mutter reißt mich aus meinen Gedanken. Im Gegensatz zu Papa, mag Mama Carlo wirklich. Ich schüttele den Kopf, „Nein, tut mir wirklich leid. Ich bin noch verabredet.“ Meine Mutter beäugt mich aufmerksam. „Mit wem denn?“ Ich lächele sie an. Auch ihr kann ich nicht erzählen, dass sie einen Knoten gefunden haben. Denn sobald ich es jemandem erzähle wird es wahr und ich muss mich damit auseinander setzen. Davor habe ich viel zu viel Angst. Was ist wenn er wirklich bösartig ist? Ich werfe einen Blick auf Toni und Emil, wie sie fröhlich und in aller Seelenruhe spielen. Wer kümmert sich um die beiden, wenn etwas mit mir passiert. Mein Herz zieht sich zusammen und was wird aus Carlo? Nein, es wird alles gut. Es ist bestimmt ich eh nichts. Ich fahre zusammen als meine Mutter ihre Hand auf mein Knie legt. Sie schaut mich besorgt an. „Schatz ist alles in Ordnung?“, fragt sie beunruhigt. Ich gehe mir fahrig durch die Haare und nicke schnell. Nein ich kann es ihr nicht sagen, es würde ihr das Herz brechen und sie würde umkommen vor Sorge. Und dann würde sich am Ende herausstellen, dass es doch nichts Schlimmes ist. „Ja, Mama!“, beruhige ich sie, „Ich bin nur ein bisschen nervös wegen morgen. Wegen Carlo!“ Lügen soll man nicht. Ich weiß. Aber es ist besser so. Morgen sag ich Carlo was los ist, morgen nach der Party. Er soll den heutigen Abend genießen und sich keine Sorgen machen.
Nervös fahre ich mir durch die Haare und umklammere meine Handtasche noch ein bisschen fester, während ich den kleinen Pfad vom Parkplatz zum Klinikum hoch gehe. Mein Atem schwebt in kleinen Wölkchen vor mir her und ich versuche mir selber Mut zu zusprechen. Ich habe einen Termin mit Pauls Mutter im St. Elisabeth in Ravensburg, sie ist auf Brustkrebsfrühdiagnostik spezialisiert. Ich weiß nicht warum, aber nach der Mammographie habe ich sofort Paul angerufen, ich wusste, dass er mir vielleicht helfen konnte, immerhin ist er Arzt. Unsere Mütter sind schon lange Zeit befreundet und natürlich, weiß er von der Krankheitsgeschichte meiner Mutter. Er hat mir direkt am nächsten Tag einen Termin bei seiner Mutter besorgt. Nur um nochmal eine zweite Meinung zu bekommen. Mein Handy blinkt auf und ich erkenne eine Nachricht von Paul ‚Du schaffst das schon! Hast du schon mit Carlo gesprochen? Meld‘ dich auf jeden Fall nachher bei mir!‘ Ich lächele und tippe eine kurze Antwort zurück. Genau ich schaff das. Ich bin stark, ich bin toll und es wird alles wieder gut. Trotzdem hätte ich Carlo jetzt gerne bei mir. Seine große Hand, die sich um meine kleinere schließt, sein aufbauendes Lächeln und seine Wärme fehlen mir gerade sehr. Als wenn Carlo meine Gedanken lesen kann, bekomme ich genau in diesem Moment eine Nachricht von ihm. ‚Bist du schon auf dem Rückweg?‘ Ich beschließe ihn an zurufen. Ich muss jetzt einfach seine Stimme hören. Ich schlucke den großen Kloß in meinem Hals runter und tippe mich in meine Kontaktliste. Eine Sekunde später ertönt der Freiton auch schon. „Hey Babe!“, tönt Carlos Stimme fröhlich durch den Lautsprecher und sofort bildet sich ein Lächeln auf meinen Lippen. „Hey!“, gebe ich zurück. „Bist du schon auf dem Rückweg?“, fragt Carlo. Ich lasse meinen Blick über den Eingang des Krankenhauses schweifen. Ich kann es ihm doch jetzt nicht am Telefon sagen. „Ich bin ins Ravensburg, Leo hat geschrieben und wir treffen uns noch spontan auf einen Kaffee!“, lüge ich ihn an und fühle mich total bescheuert. Leo ist eine Freundin, die ich aus dem Studium kenne und die jetzt in Ravensburg wohnt. „Coolio! Du Babe, sorry ich muss los. Wir sind gerade im LKA und proben nochmal die Show!“, entschuldigt er sich. „Macht nichts! Wir sehen uns ja heute Abend!“ Ich lächele, „Okay Schatz. Liebe Grüße an die Jungs. Ich liebe dich!“, verabschiede ich mich auch. „Ich dich auch!“, sagt Carlo und legt dann auf. Ich atme noch einmal tief durch und stiefele den Rest des Weges zur Klink hoch. Ich schaff das.
Nach der Untersuchung sitze ich nervös vor dem Schreibtisch. Hannelore, Pauls Mama, sitzt auf der anderen Seite des Schreibtischs und betrachtet die Ausdrucke der Mammographie. Ihr Sprechstundenzimmer erinnert mich eher an ein Wohnzimmer, als an ein Zimmer im Krankenhaus. Hannelore sieht mich über den Rand ihrer Brillengläser mild lächelnd an. „Kathi, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für dich!“, begann sie zu sprechen.
Als die Wohnungstür lautstark ins Schloss fällt, erschrecke ich mich so sehr, dass ich mir beim Rasieren fast in die Wange schneide. Ich stehe nur im Handtuch vor dem großen Spiegel über dem Waschtisch in unserem Bad, das Fenster ist von meiner langen und heißen Dusche noch ganz beschlagen. Aber genau das brauchte ich nach dem langen Tag voller Bandproben und letzten Vorbereitungen für Morgen. Ich weiß gar nicht warum, aber irgendwie bin ich wegen der Release-Party morgen ziemlich aufgeregt. Zwar ist das schon mein viertes Studioalbum, trotzdem bin ich immer noch gespannt und nervös was die Leute von meiner Musik halten und wie sie darauf reagieren werden. Im Spiegel sehe ich Kathi, sie lehnt mit verschränkten Armen am Türrahmen und sieht mega müde aus. Ihr Pferdeschwanz ist ihr fast bis in den Nacken gerutscht und ihre Bluse hat mehr Falten als ich zählen kann. Ich wasche den Rasierer aus und drehe mich zu ihr rum. „Hey Baby!“, lächele ich sie an. Kathi erwidert mein Lächeln nicht. Stattdessen kommt sie einfach auf mich zu und schlingt ihre Arme um meine Mitte. Ich lege meine Arme um sie. Sie ist ganz kalt von draußen und ihre eiskalte Wange hinterlässt eine Gänsehaut auf meiner Brust. Ich stecke meine Nase in ihre Haare und ziehe ihren vertrauten Duft ein. Was hat sie nur? Die Kinder kann sie ja nun nicht wirklich schon vermissen. Vielleicht war wieder irgendwas mit ihrem Vater, diesem Arsch. „Alles in Ordnung?“, frage ich besorgt. Kathi hebt den Kopf und nickt. Aber ich sehe in ihren Augen, dass irgendwas nicht stimmt. Sie kann mir einfach mal so was noch nichts vor machen. Ich streiche ihr ein paar Haare aus dem Gesicht, die sich aus ihrem Zopf gelöst haben. „Was ist los Baby?“, versuche ich es nochmal. Kathi lehnt ihren Kopf wieder an meine Brust und nuschelt, „Ich vermisse Toni und Emil!“ Ich verdrehe die Augen. Wenn es nur das ist. Ich drücke sie noch einmal ein bisschen fester an mich und löse mich dann von ihr, um sie küssen zu können. Ich hebe ihr Kinn an und verschließe ihre Lippen mit meinen. „Wir holen sie ja am Sonntag wieder ab und bis dahin können wir die Zeit ja ein bisschen genießen!“, schlage ich ihr mit einem Augenzwinkern vor. „Wir können so voll einen auf 2012 machen. Nur wir beide. Party, Mukke und ganz viel ungestörter Sex!“ Kathi kichert und lehnt ihren Kopf an meine Brust. „Und wie fangen wir unser 2012 Wochenende an?“ „Wie wäre es mit einem Abend in der Schräglage? So mit allen? Und ganz viel Cuba Libre?“, schlage ich ihr vor und hoffe, dass sie ja sagt. Immerhin habe ich mich mit den Jungs da schon für elf Uhr verabredet. Kathi fährt sich durch ihren Zopf und schaut zu mir hoch. „Dann will ich aber erst noch duschen!“, sagt sie und beginnt ihre Bluse auf zu knöpfen. „Na dann mal los!“, lache ich und lasse mein Handtuch fallen.
Zwei Stunden später stehe ich in unserem Ankleidezimmer und ziehe mir einen meiner VioVio Pullover über den Kopf. Ich betrachte mich selbst nochmal kurz im Spiegel und setze meine dunkelgrüne Obey Cap auf. Ich kann einfach nichts dafür, aber ich bekomme dieses dumme Grinsen einfach nicht mehr vom Gesicht. Kathi ist einfach nur der Hammer und ich kann es kaum erwarten, sie nachher wieder mit ins Bett zu nehmen. „Wieso grinst du so?“, kommt Kathis Stimme von der Tür, sie steht in cutoff Shorts, schwarzer Strumpfhose und einem weißen Shirt, dass sie in die Shorts gesteckt hat, auf dem ein bunter Print gedruckt ist, vor mir. Mein Grinsen wird nur noch breiter, als ich einen Blick auf ihren schwarzen Spitzen-BH werfe, der durch die großen Ausschnitte an der Seite ihres Shirts deutlich zu erkenne ist. Sie greift in eins der unteren Regale und hält mir ihre weißen Air Force One entgegen. „Genug 2012?“, will sie wissen. Ich schließe den kurzen Abstand zwischen uns und küsse sie. Ihre glatten blonden Haare kitzeln mich ein wenig und ich spüre wie sich ihre Lippen zu einem Grinsen verziehen. „Bist du heute Cro-Groupie!“, scherze ich. Kathi legt ihre Arme um meinen Nacken und schaut mir in die Augen. „Ich hoffe schwer für dich, dass ich dein einziges Groupie bin!“, sagt sie streng, kann sich das Lächeln dann aber doch nicht verkneifen. Ich zucke die Schultern, „Ein Gentleman genießt und schweigt!“ Sie löst sich von mir und geht in Richtung Schlafzimmer, „Es heißt schweigt und genießt, mein Schatz!“, sagt sie altklug und ich höre sie lachen. Als sie sich umdreht, nimmt sie ihre Haare nach vorne und ich erhasche einen Blick auf ihren Nacken. Verschnörkelt stehen da, in schwarzer Tinte, unter einander drei Namen. Ganz oben ‚Carlo‘ und kleiner darunter ‚20.09.2012‘, unser Hochzeitstag. Etwas versetzt darunter steht rechts und links von meinem eigenen Namen ‚Toni 19.03.2014‘ und ,Emil 13.02.2016‘. Mein für immer. Auf der Haut meiner Traumfrau für alle Zeit verewigt.
Mit Kathi an der Hand trete ich in die kalte Nacht von Stuttgart. Es ist schon wieder ein bisschen neuer Schnee gefallen und ich schlinge beschützend meinen Arm um sie. Sie passt einfach mal richtig perfekt unter meinen Arm. Zusammen machen wir uns auf den Weg zur Bahnhaltestelle, vorbei an parkenden Autos und erleuchtenden Fenster, hinter denen Leute ihren Donnerstagabend verbringen. Aber das geht heute Abend einfach so an uns vorbei, heute Abend gehört die ganze Welt uns. Nicht Cro und seiner Frau ohne Gesicht, sondern einfach nur Carlo und Kathi. Als ich Kathi in der Bahn auf meinen Schoß ziehe, schlingt sie die Arme um meinen Hals und legt den Kopf auf meine Schulter. Sie zieht mir die Cap vom Kopf und setzt sie sich auf. „Richtig 2012!“, flüstert Kathi und küsst mein Ohr. Ich drehe ihren Kopf zu mir und fange dann einfach an mit ihr in der Bahn zu knutschen. Einfach so, weil ich es kann. Weil ich sie liebe und ich mir gerade nichts Besseres vorstellen kann.
Vor der Schräglage erkenne ich schon unsere Freunde. „Ihr seid zu spät!“, ruft Markus uns entgegen. Ich werfe einen Blick auf meine Uhr. Halb zwölf. Der soll sich mal nicht so anstellen. „Heul nicht rum!“, gebe ich zurück. Zur Begrüßung umarmen wir uns alle und ich freue mich auf eine geile Partynacht mit meiner Gang. Im Club dröhnt der Bass so sehr, dass man ihn im Bauch spürt. Ich ziehe Kathi hinter mir her, bis zum VIP-Bereich, der aus einer kleine Sitzecke besteht. Marla und Vanessa, Tims Freundin, lassen sich auf eine der Couchen fallen. Flo und Markus verschwinden und besorgen für alle Getränke. Ich lasse mich neben Tim auf die andere Couch fallen und ziehe Kathi auf meinen Schoß. Ich will sie heute Abend gar nicht mehr los lassen. Im Club ist es stickig. Irgendwie riecht es ein bisschen nach Rauch und Gras, gemischt mit einem Hauch von Schweiß und ganz viel guter Laune. Es ist schwer sich bei der Lautstärke zu unterhalten. Und als Markus mir einen Cuba hinhält, brülle ich ihm ein „Danke!“ entgegen. Markus nickt nur und lässt sich neben Marla fallen. Kathi trinkt neben mir einen Wodka E. Mir ist warm. Vielleicht war der Pullover doch ein bisschen viel. Ich drücke Kathi mein Glas in die Hand und setze ihr meine Cap auf. Dann ziehe ich mir umständlich im Sitzen den Pullover über den Kopf, aber ich will nicht, dass Kathi aufstehen muss. Ich lasse den Pullover einfach hinter mich fallen und ziehe mein einfaches weißes T-Shirt gerade. Ich will gerade die Ärmel ein wenig hochkrempeln, als ich merke, dass Kathi genau das schon tut. „Du bist die Beste!“, küsse ich sie und sie lächelt mich nur an. „Willst du tanzen?“, flüstere ich ihr ins Ohr. Kathi nickt und zieht mich hinter sich her auf die Tanzfläche. Eigentlich bin ich kein großer Tänzer, aber heute Abend ist eh alles anders. Auf der Tanzfläche ist dichtes Gedränge, Kathi presst sich eng an meinen Körper, während Chris Brown mich durch die Boxen warnt ihn sich nicht zum Feind zu machen. Ich lege meine Hände auf ihre Hüften und spüre, wie sie sich rhythmisch zum Beat bewegt. Ich bin lang nicht so beweglich wie Kathi. Aber ich genieße es, sie so nah bei mir zu spüren. Ich blende alle Leute um uns herum aus und spüre nur noch sie. Sie dreht sich um und reibt ihren Arsch an mir. Meine Hände streichen über ihren kleinen Körper. Mit einer geschickten Bewegung dreht sie sich wieder zu mir um und wir schauen uns in die Augen. Ich erwidere ihr strahlendes Lächeln und beuge mich zu ihr runter, um sie noch einmal zu küssen. Das ist so viel besser als 2012.
Zusammen mit Tim stehe ich an der Bar und hole die nächste Runde Drinks. Ich hab mein Raum- und Zeitgefühl schon vor einer ganzen Weile verloren. Mit einer Hand klammere ich mich an die Bar, in der anderen halte ich meinen halbvollen Cuba festumschlossen. „Hey!“, flüstert mir eine süßliche Stimme ins Ohr. Tim bestellt gerade die Drinks für unsere Mädels. Ich drehe mich um und vor mir steht ein ziemlich süßes Mädchen in einem kurzen roten Kleidchen, ich nicke ihr zu. Sie kommt ein Stückchen näher und säuselt, „Sind du und dein Freund alleine hier?“, in mein Ohr. In Zeitlupe hebe ich meine rechte Hand und deute dann mit meinem linken Zeigefinger auf meinen Ehering. „Nope!“, gebe ich zurück und drehe mich dann wieder zu Tim um. Der mich nur blöd angrinst. „Was?“, frage ich ihn über die laute Musik hinweg. Tim schüttelt nur den Kopf, „Du bist manchmal echt scheiße!“ Ich rempele ihn ein wenig mit der Schulter an und greife dann nach vier der acht Gläser. „Halt die Fresse!“ Zurück im VIP erblicke ich Kathi. Sie sitzt zusammen mit Markus auf einem der Sofas. Sie hat ihre Beine über seine Oberschenkel gelegt und sich entspannt zurück gelehnt. Markus Arm liegt über der Rückenlehne und irgendwie sieht sein Blick besorgt aus. Ich kann gerade noch verstehen, wie Kathi „Carlo weiß nichts davon!“, sagt. „Wovon weiß ich nichts?“, frage ich und schiebe Kathi ein bisschen weiter in die Mitte, damit ich mich neben sie setzen kann. Kathi nimmt mir ihren Drink ab und drückt mir einen Kuss auf die Wange. „Nicht wichtig!“, sagt sie und nimmt einen großen Schluck aus ihrem Glas. Markus mustert uns noch immer ein bisschen komisch, wendet sich dann aber wieder seinem Drink zu. Keine Ahnung was mit den beiden ab geht, aber ich will die Nacht einfach genießen, ziehe mein Mädchen wieder auf meinen Schoß und küsse sie, als wenn es kein Morgen gibt.