Warum auch Scripted-Reality bald wieder aus dem TV-Programm verschwinden wird
Man muss Frank Schmidt nicht kennen. Erwähnen muss ich ihn aber dennoch, weil er wichtig ist für das, was nun folgt. Schmidt war Deutschlands jüngster Weltmeister in der Geschichte der Zauberkunst und offenbar telegen genug, um von Fernsehmachern vor die Kamera gezogen zu werden.
In seinem Mittagstalk Franklin hat er auf Sat.1 etwa vier Jahre lang gemacht, was schon andere Männer und Frauen vor und nach ihm auf ähnlichen Sendeplätzen taten: Menschen erst vor- und dann zusammengeführt, um ein tränenreiches Finale zu kreieren. Über Formate wie dieses will ich an dieser Stelle nicht urteilen, weil es eben so ist, dass produziert wird, was die Menschen vor den Fernsehgeräten (messbar) sehen wollen.
Das muss jetzt wirklich alles sein
Es kam die Zeit in der es plötzlich ruhiger um Frank Schmidt wurde. Zum Glück war ihm schon frühzeitig klargeworden, dass es nicht ewig so weitergehen wird, weswegen er eine TV-Produktionsfirma gründete, deren Geschäftsführer er ist. Mit eben jener Firma hat er sich auf sogenannte Scripted-Reality-Formate spezialisiert. Auch über Sendungen, die zwar eine Wirklichkeit abbilden sollen, aber im Zuge dessen dramatisch zugespitzte Geschichten erzählen, die dummerweise suggerieren, dass sich schlimme Probleme in meist 45 Minuten Sendezeit lösen lassen, will ich an dieser Stelle nicht schimpfen.
Da ich selbst mal ein Praktikum in einer Produktionsfirma gemacht habe, deren größte Erfolge die Entdeckung, Amlebenerhaltung und Geschichtenerzählung der Daniela Katzenberger sind, weiß ich wie der Hase läuft bzw. laufen muss. Den Machern vorzuwerfen, sie würden Mist herstellen, ist leicht. Zu leicht, wenn man mich fragt. So lange es genügend Zuschauer gibt, die das sehen wollen, kann man den vielen an der Produktion beteiligten Menschen nicht vorwerfen, dass sie damit ihr Geld verdienen.
Es liegt mir auch nicht, eine Streitschrift zu formulieren, die sich eindeutig für oder gegen Formate ausspricht, die die Realität erfinden. Das tun Filme auch (so es sich nicht gerade um vollkommen abgedrehte Science-Fiction-Stoffe handelt), ebenso Serien und Romane sowieso. Was mich, würde man mich danach fragen, an den erfunden Geschichten im zumeist Nachmittagsprogramm jedoch massiv stört, ist der Doku-Stil, in dem sie gefilmt werden.
Jedes Mal, wenn einer der Laiendarsteller mit bedrückter Miene vor einer Kamera sitzt und zwei dramatisch-beklemmende Szenen unterbricht, indem er erzählt, warum er nicht mit wem auch immer klarkommt, wer ihm noch Geld schuldet oder warum die Sandrina besser noch nicht so jung Mutter werden sollte, dann wird mir schlecht. Die Geschichten ganz einfach zu erzählen, ohne diesen Zeitzeuge-Effekt erzielen zu wollen, dabei auf Wackelkamera und den unbedingten Drang, Authentizität vermitteln zu wollen, zu verzichten – das würde vermutlich schon mal dafür sorgen, dass ein großer Teil der Bevölkerung, die mit Scripted Reality nichts anfangen können, die diesem Format gegenüber empfundene Abscheu deutlich minimieren könnten.
Abgesehen davon gibt es die Idee, eine Geschichte zu erzählen indem man sie sucht und gegebenenfalls erfindet, auch in Formaten zu entdecken, in denen man sie möglicherweise nicht vermuten würde – nämlichen solchen, die vorgeben, tatsächlich Dokumentation einer Veränderung bzw. Weiterentwicklung zu sein. So etwa in Sendungen wie Bauer sucht Frau, Rachs Restaurantschule oder allgemein in den bekannten Musikcastingshows. Dort suchen Redakteure Protagonisten schon längst nach deren Background aus, in der Hoffnung so für genügend Konfliktpotential im jeweiligen Format sorgen zu können. Doch – Oh Wunder! – auch darum soll es mir in diesem Text nicht gehen.
Der oben erwähnte Frank Schmidt, ehemals Franklin, produziert also mittlerweile diverse Scripted-Reality-Formate und meint, dass er genau weiß, was die Zuschauer wie präsentiert bekommen wollen. Vielleicht hat er recht, vielleicht auch nicht. Herausfinden wird man das nie, denn – und daran denkt er nicht – der gewöhnliche Zuschauer sieht heutzutage meist fern, wie früher Radio gehört wurde: zur Berieselung. Schlecht gemachte Sendungen werden oft kritiklos konsumiert. Zum Teil in derart messbar hohen Einschaltquoten, dass einem Angst und Bange werden kann, wenn man an die geistige Zukunft der Weltbevölkerung denkt. Denn – und das wird häufig vergessen – Formate wie die hier beschriebenen gibt es auch auf anderen Kontinenten. Auch dort werden sie gern und zuhauf gesehen.
Jedenfalls muss Schmidt sehr stolz gewesen sein, als er über seine Erfahrungen als Produzent und darüber, wie er das von ihm geliebte Format revolutionieren will, erzählen durfte. Geschehen ist das nämlich in einem umfangreichen Interview auf DWDL. Darin sagt er Dinge wie «Scripted Reality ist vor allem planbar». Er meint zwar, dass die für die Drehs anfallenden Kosten planbar sind. Ein wenig klingt das allerdings auch so, als würde es ihm gefallen, eine Art von Realität steuern zu können, die eben näher an der echten angelehnt sein soll, als es irgendein Film oder Buch je könnte. Ja, der Traum davon, dass das Leben und wie es verläuft vielleicht doch von vorne bis hinten durchzuplanen geht, ist ein ewig bestehender.
Das Interview ist spannend zu lesen, auch wenn ich Schmidt jetzt noch weniger leiden mag, als das vorher schon der Fall war. Interessanterweise haben sich unmittelbar nach Veröffentlichung des Interviews viele Fernsehmenschen von vor und hinter der Kamera zu Wort gemeldet, weil Schmidt den bedeutungsvollen Satz gesagt hat «Fiction geht auch für die Hälfte».
Mit dieser Aussage hat Schmidt Kollegen wie andere Produzenten oder gar Schauspieler «aus der Reserve gelockt», wie man auf dem Dorf, aus dem ich stamme, sehr gern sagt, wenn man sich angegriffen fühlt. Wenn alles immer billiger werden muss und wird, bleibt irgendwann die Qualität auf der Strecke – so etwa die einhellige Meinung seiner Gegnerschaft. Wobei ich es wichtig finde, an dieser Stelle auch darauf hinzuweisen, dass man auch mit viel Geld unfassbaren Mist produzieren kann. Eine auffallend hohe Finanzieren eines Formats sorgt am Ende nicht zwangsweise dafür, dass die Sendung auch tatsächlich qualitativ auf hohem Niveau glänzt. Ganz abgesehen davon, dass damit nicht unbedingt auch hohe Einschaltquoten zu erzielen wären - was zumindest die entstandenen Kosten durch teuer verkaufte Werbezeiten wieder ausgleichen könnte.
Die meisten Sender leisten sich solche Prestige-Projekte ohnehin nur noch in den seltensten Fällen, weil auch sie nichts anderes sind als Konzerne, die mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln wirtschaften müssen. Ob und inwieweit alle Sendeanstalten, also egal ob private oder öffentlich-rechtliche, ihre Stars und Sternchen nicht möglicherweise zu hoch entlohnen, kann und will ich nicht beurteilen. Schmidt hat derweil erneut Stellung beziehen dürfen, nachdem es den bereits erwähnten großen Aufschrei gab. Über eine Aussage aus dem Rumgenöle seiner Gegner bin ich jedoch in besonderer Weise gestolpert. So sehr, dass die an den Beinen zugezogenen Schürfwunden noch immer im Kopf schmerzen.
Es hat gedauert, aber der Kreis schließt sich
So heißt es in dem Text, der sich mit den Reaktionen der Branchenkollegen befasst:
Differenzierter und mit mehr Tiefgang analysierte Lutz Haase, Producer der WDR-Serie "Die Anrheiner", die durch das Interview aufgeworfenen Behauptungen: "Ist denn niemand in der Lage über mittelfristige Strategien hinauszudenken? So eine Genreblase hält doch höchstens ein paar Jahre und dann ist Feierabend!"
Über diese Aussage muss ich seitdem nachdenken, weil ich mich frage, wie lang denn eine mittelfristige Strategie dauern darf. Ich bin in den 80er Jahren geboren und habe das Fernsehen erst bewusst in den 90ern konsumiert. Damals liefen nachmittags (unter der Woche) und vormittags (am Wochenende) sogenannte Programmschienen, die ausschließlich aus Zeichentrickserien bestanden. Das gab es zum Teil auf Tele5, aber auch auf RTL, RTL2 und Kabel1 zu sehen. Irgendwann, ob nun wegen sinkender Einschaltquoten oder weil man einfach etwas Neues ausprobieren wollte, wurden diese meist zwei bis drei stündigen Trickfilmschienen zunächst mehr und mehr verkürzt, bis sie bei den genannten Sendern ganz verschwanden und auch von keinem anderen in ähnlicher Art wieder aufgegriffen wurden.
Trotzdem bin ich mir sicher, dass dieses Genre zurückkommen wird. Stärker sogar, als es jetzt schon der Fall ist. Denn immerhin laufen aktuell noch oder wieder ähnliche Zeichentrickfilmmarathons auf Kabel1 und RTL2. Allerdings muss ich zumindest diesem Segment zugestehen, dass es mit SuperRTL und dem KIKA Sender gibt, die mittlerweile ganztägig Inhalte ausschließlich für Kinder anbieten.
Darüber hinaus bin ich davon überzeugt, dass sich solche Format-Trends nicht über einen längeren Zeitraum als einen mittelfristigen - wie lang das auch immer meint - planen lassen. Das Genre der Quizshows zeigt das besonders gut: Einst liefen sie im Mittags-, Nachmittags- und Vorabendprogramm noch und nöcher. Jeder Sender hatte mindestens zwei Quizshows im Tagesprogramm und an einem der sieben Wochentage ein besonderes Highlight, das am Abend (VOX mit seiner Kocharena und Markus Lanz im ZDF, der noch immer gern an den Töpfen seiner Köche besserwisserisch zum Besten gibt, was niemanden interessieren sollte) ausgestrahlt wurde. Irgendwann verschwanden sie alle, einige wenige haben sich mit gutem oder mittelmäßigen Erfolg neu etablieren und bis heute halten können. Eine neue Quizshowschwemme, wie es sie ab Mitte der 90er gab, blieb jedoch bis heute aus.
Mit dem Genre der Kochsendungen verhält es sich ähnlich. Die Hochzeit solcher Formate ist noch gar nicht so lange her. Auf immerhin fünf Sendern gab es mindestens sieben Formate, die zeitweise die Spalten der TV-Zeitschriften sicher in ihrer Gewalt hatten. Bis eine Sättigung dieses Formats eintrat und das Publikum Appetit auf andere Genre hatte. Man verzeihe mir die billigen Kalauer an dieser Stelle, aber es passt eben so gut.
Auch mit den Gerichtssendungen, die zu Beginn und in ihrer Blütezeit echte Fälle nacherzählt haben und erst im Laufe ihrer Entwicklung auf komplett gescriptete Inhalte zurückgriffen, verhält es sich nicht anders. Mit dem Unterschied, dass die behandelten Auseinandersetzungen vor Salesch und Co. immer irrsinniger wurden – was wohl auch das TV-Publikum gemerkt haben dürfte. Entweder das oder das Interesse sank vollkommen unabhängig davon ganz einfach deshalb, weil das Publikum nach etwa drei bis fünf Jahren genug von den Gerichtsshows hatte.
Was ich damit sagen will: Ähnliches ist wohl auch bei den Scripted-Reality-Formaten zu erwarten. Seit etwa drei Jahren treiben diese im Programm ihr Unwesen und es wird wohl nicht mal mehr genau so viel Zeit vergehen, bis das Zuschauerinteresse an den meist hanebüchenen Geschichten nachlässt. Solche «Genreblasen», wie Prodzent Haase es nennt, sind nichts anderes als Trends, die eben immer wieder eine Zeit lang präsent sind, bis die Zuschauer genug davon haben. Aber Formate zu entwickeln, die langfristig funktionieren und Zuschauer aller Generationen und im besten Fall über Jahrzehnte fesseln, dürfte wohl schwierig sein. Wem es gelingt, diese zu planen, der darf sich dann auch bitteschön nicht nur in der deutschen TV-Landschaft dumm und dämlich verdienen.