Jeremy - Maximilian - Thorben - Rudolf Krawutschke
„Wir möchten euch gern was sagen...“
Der Oktobersonntag war verregnet und kalt, aber unser Schwiegersohn lächelte versonnen, gab Marlene einen flüchtigen Kuss auf die Stirn und wischte dann fast zärtlich mit einem weichen Mikrofasertuch über den Bildschirm des gewaltigen, lackschwarz gerahmten Flachbildfernsehers.
Unsere Tochter blickte ihren Mann etwas unsicher an: „Willst du? Oder soll ich?“ Thorben nickte zustimmend und dann sprudelte sie los:„Also, im Mai werdet ihr Oma und Opa! Jetzt ist es raus!“
Erleichtert sahen wir uns an. „Wird ja auch langsam Zeit,“ murmelte Rudolf „Ich bekomme schon seit über einem Jahr Rente und du gehst auf die Vierzig zu, mein Mädchen.“
Ich tadelte meinen Mann: „Das ist heutzutage ganz anders, Schatz. Die jungen Leute bauen sich erst was auf und denken dann an Kinder. Hast wohl schon vergessen, wie das war, als Marlene zur Welt kam? Wir drei auf fünfzehn Quadratmetern in der Wohnung deiner Eltern im Neubau. Eine Katastrophe, dieses WBS 70! Jedes Wort und die Klospülung hat man vom Nachbarn gehört. Und du hattest noch das ganze Studium vor dir, bloß weil du drei Jahre zur NVA musstest, damit du überhaupt studieren darfst.“
„Na, mach’s mal halb so lang, Luzie. Das war doch eine wunderbare Zeit!“ antwortete der zukünftige Opa. „Das denkst aber auch nur du!“ rief ich mit gespielter Empörung. „Ich war gerade zweiundzwanzig geworden und schrieb meine Diplomarbeit. Die musste bis zur Entbindung fertig sein!“
„Mama!“ Marlene sah mich genervt an. „Wir kennen die Geschichte, die ihr uns seit fast zehn Jahren immer wieder erzählt: Früher ging alles puppenleicht. Und als du neununddreißig wurdest, war ich aus dem Gröbsten raus. Immerhin werden wir nun auch bald Eltern. Sag mal, konntest Du, als du mit mir schwanger warst, auch keinen Kaffee riechen?“
Ich drückte meine Tochter an mich und sagte ihr, wie glücklich ich sei und dass wir schon so lange Zeit auf diese wunderbare Nachricht gewartet hatten.
Thorben war mit der Reinigung des Fernsehapparates endlich fertig und hatte eine Flasche Sekt geholt. Er brachte sie zu dem schicken Designer-Glastisch, der vor der weißen Leder-Couch-Landschaft stand und füllte drei Gläser voll. In das vierte schüttete er nur einen kleinen Schluck für die werdende Mutter. Dann rief er, das Glas hochhaltend: „Auf unseren Stammhalter!“
„Und was, wenn es ein Mädchen wird?“ fragten wir.
„Es wird ein Krawutschke, ein echter Berliner Junge, mein Nachfolger,“ meinte unser Schwiegersohn ohne jeden Anflug eines Zweifels.
Bald darauf sahen wir bereits das erste Ultraschall-Bild des Enkelkindes, welches Thorben stolz unterm Weihnachtsbaum präsentierte.
Unsere Tochter besuchte mehrmals wöchentlich Geburts- und Erziehungs-Seminare neben ihrer aufreibenden Tätigkeit als Anwältin.
Thorben hielt sich da raus, denn vier Tage in der Woche verbrachte er in Frankfurt am Main, wo er an der Börse beschäftigt war. Wir kannten ihn nur mit einem scheinbar fest angewachsenen Mobiltelefon am Ohr, seitdem er als Broker arbeitete.
Als die Schneeglöckchen blühten, schob Marlene schon einen beachtlichen Bauch vor sich her. Sie ernährte sich makrobiotisch, was uns gar nicht gefiel. Aber sie behauptete, für das Kind sei das besonders gut. Sie ging nur noch vier Stunden täglich in die Kanzlei und richtete nebenbei das Kinderzimmer streng nach den Gesetzen von Feng Shui ein.
Bei der zweiten Ultraschalluntersuchung hatte sich herausgestellt, dass Thorben seinen Stammhalter bekommen sollte und schon begann die Namenssuche. Schließlich einigten sich die Eltern auf Jeremy. Marlene bestand auf weiteren Vornamen und entschied sich neben Jeremy noch für Maximilian – Thorben – Rudolf.
Der zukünftige Opa monierte, dass Rudolf an letzter Stelle stehe und ich stöhnte leise, als ich den Namen das erste Mal in naturfarbenen Holzbuchstaben an der Tür seines zukünftigen Zimmers sah: „Der arme Junge!“.
Die Zeit der gelbblühenden Forsythien war vorbei und der Mai brachte Temperaturen um die 20 Grad mit sich, als die Geburt unseres Enkelkindes in einer erstklassigen Privatklinik in Charlottenburg eingeleitet wurde.
Bereits am Tag darauf besuchten wir Kind und Enkelkind und unseren stolzen Schwiegersohn in ihrer hundertfünfzig Quadratmeter großen Eigentumswohnung im sechsten Stock in Berlins Mitte.
Jeremy war ein Wunder, so fanden wir. Er hatte so winzige Fingerchen und wir konnten gar nicht aufhören, ihn zu betrachten. Ein rötlicher Flaum bedeckte sein Köpfchen und Rudolf meinte, dass er bestimmt auch solche lustigen Sommersprossen wie Marlene bekommen würde.
Eine Woche drauf klingelte mitten in der Nacht unser Telefon. Schlaftrunken hob ich ab und hörte die aufgeregte Stimme meiner Tochter. „Mama, er schreit! Seit einer halben Stunde schreit er!“ Ich hatte laut gestellt und Rudolf brummelte: „Na, dann ist’s ja gut! Babys schreien eben mal nachts.“ „Hat er Fieber? Hat er getrunken?“ fragte ich. „Ich bin schon ganz erschöpft, er lag fast eine Stunde an meiner Brust!“ stöhnte Marlene. „Und wie viel hat er getrunken?“ „Weiß nicht, Mama. Wie soll ich denn das wissen,“ antwortete meine Tochter. „Habt ihr denn keine Waage in eurer teuren Küche? Wir haben Dich erst vor und dann nach dem Trinken gewogen und wussten dann genau, wie viel du getrunken hattest.“ Marlenes Stimme klang ganz erstaunt, als sie meiner Schilderung gelauscht hatte und meinte, dass sie so etwas im Kurs nicht gelernt hätte.
Heutzutage sei alles hochmodern und die junge, nette Hebamme habe ihr gesagt, dass sie dem Kind, wann immer es schreit, die Brust geben solle, entgegnete Marlene ungeduldig. Im Hintergrund hörte ich das Wimmern des Kindes und sie rief nur noch: „Ich muss dann mal wieder!“ bevor sie auflegte.
„Thorben hat sich ein halbes Jahr Auszeit vom Job genommen,“ erklärte uns unsere Tochter im September. „Und das geht?“ fragte Rudolf. Der Schwiegersohn nickte eifrig: „Marlene hat so viel mit Jeremy-Maximilian zu tun, dass sie schon ganz fertig ist. Deshalb wechseln wir uns nachts mit dem Füttern ab.“
Wir schauten uns verunsichert an. „Wieso schläft er denn nicht in der Nacht? Er ist doch schon fast fünf Monate alt.“ wollte ich wissen.
„Er kann nicht!“ erklärte unsere Tochter. „Er wacht immer nachts zwischen zwei und drei auf, manchmal auch später. Aber dann will er eben essen. Wir können ihn doch nicht verhungern lassen!“
„Verstehe ich nicht, Du hast mit drei Monaten durchgeschlafen. Hast du es schon mal mit dem Nuckel probiert?“
„Nuckel ist nicht gut, Luzie!“ klärte mich der allwissende Thorben auf. „Das steht in jedem Baby-Forum. Hat die Hebamme übrigens auch gesagt.“
„Fencheltee!“ warf ich ein, aber meine Stimme wurde ignoriert.
„Die hat dir auch erzählt, dass das Kind, wenn es schreit, sofort gefüttert werden muss. So ein Unsinn!“ Rudolf ärgerte sich. „Wenn das bei uns auch so gewesen wäre, dann hätte Mutti nie ihr Staatsexamen machen können. Wir haben Marlene auch einfach mal schreien lassen und nach zwei, drei Nächten hatte sich das Problem erledigt. Sie schlief bis fünf Uhr durch. Später dann bis sieben. Außerdem könnte Jeremy doch endlich in seinem Zimmer schlafen. Dann habt ihr wenigstens mal etwas Ruhe.“
„Jeremy-Maximilian!“ korrigierte Thorben. „Und außerdem findet er allein nachts in seinem Bettchen keinen Schlaf. Wir sind schon glücklich, wenn er am Tag mal paar Minuten ohne Geschrei drin liegt.“
„Wundert mich nicht,“ bemerkte der Opa. „Bei dem Lichtermeer und dem Gebimmel und Gebamsel, was da alles über und um seinem Bett herum ist. Übrigens, Jeremy-Maximilian-Thorben-Rudolf Krawutschke hat Hunger. Hört ihr nicht, wie er schreit?“
Als Weihnachten vor der Tür stand, sah Marlene schrecklich traurig aus.
Ausgezehrt und abgemagert kümmerte sie sich um das Kronjuwel der Familie, um ihren Sohn, der sich bereits an der nunmehr mit Kekskrümeln, Apfelmusresten und Joghurt verschmierten Ledercouch hochzog, um sich dann am Glastisch festzuhalten. Mit einer Fernbedienung bearbeitete er die vormals blitzblanke Oberfläche des Designer-Stückes und krähte fröhlich dazu.
Im Disney-Channel lief ein Trickfilm und der kleine Kerl konnte seine Augen nicht von der Flimmerkiste lassen.
Der Parkett-Boden des Wohnzimmers war bedeckt mit handgefertigten Holzbausteinen, Bällen und Plüschtieren. Baby-Bücher aus laminierter Pappe und Kunststoff lagen überall herum, auf den Küchenfliesen und im Schlafzimmer.
„Schläft er immer noch nicht durch?“ fragten wir unser Mädel.
„Thorben holt ihn zu uns ins Bett, wenn er sich bemerkbar macht. Das ist einfach besser so. Wir haben festgestellt, dass er sich in seinem Bettchen immer auf dem Bauch dreht und erst dann einschläft. „Aber das ist doch prima!“ riefen wir wie aus einem Mund.
„Nichts ist prima! Er könnte ersticken,“ klärte uns der Vater des kleinen Bauchschläfers auf. „Wir müssen erst so eine Spezial-Matratze kaufen, die luftdurchlässig ist. Dann kann er auf dem Bauch liegen. Und so lange schläft er in unserem Bett! Und Euren Nachttopf brauchen wir auch nicht!“ Thorben sah uns tadelnd an.
„Ach, habt ihr etwa schon einen?“ fragte ich.
Marlene mischte sich ein: „Mama, ein Kind kann erst ab seinem zweiten Lebensjahr seine Blase kontrollieren. Vorher brauchen wir gar nicht damit anzufangen. Erst wenn Jeremy-Maximilian zwei Jahre alt ist, beginnt das Töpfchen-Training in meiner Kindergruppe!“
„Dann warst du ja ein Wunderkind, Tochter! Du hast bereits als du sitzen konntest, auf dem Pott gehockt und begonnen, deine Blase zu kontrollieren. Und schon vor deinem zweiten Lebensjahr warst du sauber.“
„Hör doch auf mit deinem DDR-Kindergarten-Drill, Rudolf,“ warf der Thorben ein. Wir zuckten die Schultern und wagten noch kurz einen Einwand Richtung Umweltschutz. Wir erklärten bildreich, dass eine Windel erst nach etwa sechs Jahren ökologisch vollständig abgebaut sei, aber damit stießen wir auf taube Ohren. Dann gaben wir schließlich „Jerry“, wie wir ihn heimlich nannten, einen dicken Kuss und fuhren etwas deprimiert heim.
Unsere gemeinsame Silvesterfeier geriet etwas aus dem Ruder, denn an eine vernünftige Unterhaltung war nicht zu denken. Während des gemeinsamen Abendessen hatte unser kleiner Liebling laut schreiend alle Apfelstücken auf den Boden geworfen und sich in seinem Hochstuhl gekrümmt und gewunden.
„Er bekommt wieder einen Zahn, das müssen wir schon akzeptieren.“ Klärte uns Thorben auf und nahm dann seinen Stammhalter auf den Schoß. Sofort war Ruhe und der Kleine ließ sich mit Brotstückchen füttern.
„Probiert es doch einfach mal mit Fencheltee zur Nacht,“ schlug ich vorsichtig vor. „Er trinkt keinen Tee. Überhaupt keinen, Mama!“ sagte die Marlene.
„Warum nicht?“ Das war eine berechtigte Großelternfrage. „Du mochtest ihn. Sehr sogar!“ „Ich habe es doch probiert, aber er will nur den selbstgepressten Ökosaft von Blaustingel, verdünnt mit stillem Wasser und nur aus der gelben Tasse mit dem Saurier drauf.“ Dabei standen ihr Tränen in den Augen.
Jeremy-Maximilian krabbelt dann bis weit nach Mitternacht herum, wir sahen das fröhlich bunte Baby-Programm aus dem Bezahlfernsehen und vor den Fenstern das tolle Feuerwerk der Berliner Innenstadt. Und wir waren erstaunt, dass Jerry erst mit Brüllen aufhörte, wenn Mama oder Papa ihm seine gelbe Tasse hinterher schleppten. „Prachtjunge!“ konstatierte Rudolf augenzwinkernd.
„Er läuft! Fast pünktlich zu seinem ersten Geburtstag. Eben hat er drei Schritte gemacht, Mama!“ Die freudig erreget Stimme meiner Tochter schallte durchs Telefon.
„Marlene, er hatte vor vier Monaten Geburtstag. Aber ich freue mich trotzdem darüber, mein Kind. Hast du ihn heute schon mal auf den Topf gesetzt, so wie wir es kürzlich besprochen hatten?“
Marlene klang resigniert: „Er hat solche Angst davor. Er macht sich steif und schreit und will sich nicht setzen. Sogar von seiner Lieblingssendung lässt er sich nicht ablenken.“
„Dein Kind hat vor gar nichts Angst, mein Liebling! Muss er auch nicht. Ihr bewahrt ihn doch vor allem! Er weiß sehr genau, was er will und ihr merkt es nicht mal, wie er euch dressieren kann. Er ist ein wirklich intelligenter Junge. Schon die Tatsache, dass sein erstes Wort IPad war, und nicht Mama lässt diesen Schluss zu. Pass nur auf, dass er nicht deinen neuen Hightech-Herd umprogrammiert.“
Ich sagte das mit einem sehr hintergründigen, fast zynischen Unterton und war fast darüber erschrocken, aber Marlene hatte es wohl nicht bemerkt. Aber ich dachte auch daran, dass Thorben uns kürzlich stolz gezeigt hatte, wie fein unser Enkel ganz allein DVD’s ins Laufwerk des Players steckte.
Ein paar Tage später hatten die jungen Eltern allerdings eine Scheibe luftgetrockneter, spanischer Salami im selbigen entdeckt und das Gerät war danach unwiederbringlich im Eimer.
Als Thorbens ganzer Stolz dreieinhalb Jahren alt war, bekam er jeden Morgen die Börsen-Nachrichten aus der deutschen Ausgabe der „Financial Times“ vorgelesen. Er wusste, was Aktien sind und kannte sich mit Gold- und Silberpreisen aus. Er benutzte Mamas Laptop ganz mühelos und er sprach einfache englische Sätze. Darüber freuten sich seine Eltern und förderten diese Neigungen.
Trotzdem rannte Jeremy-Maximilian-Thorben-Rudolf Krawutschke immer noch mit dicken, braun gefüllten Windeln umher, schlief jede Nacht im Bett seiner Eltern, und spielte auch sonst, wie nicht anders zu erwarten war, mindestens einmal täglich wilde Sau! Aber nur, im gewohnten Umfeld und wenn seine stark gestressten Eltern in der Nähe waren.
Als Marlene endlich wieder stundenweise in die Kanzlei zur Arbeit ging, hatte Jerry bei Oma und Opa in der winzigen „Dreizimmer-Buchte“, wie Thorben scherzhaft zu sagen pflegte, in kürzester Zeit gelernt, Blase und Darm zu kontrollieren und zeigte uns stolz die Ergebnisse im Töpfchen.
Als wir ihm mit nur wenigen Worten und ohne stundenlange Erklärung klargemacht hatten, dass der Fernsehapparat am Tag bei uns nicht eingeschaltet wird, nahm er es nach einem kurzen Ausraster zur Kenntnis. Nein, in die dunkle Zimmerecke wollte er wahrlich nicht wieder gestellt werden, um sich zu beruhigen.
Er schlief brav nach dem Mittagessen über eine Stunde in seinem Reisebettchen in unserem dunklen Schlafzimmer ohne Nachtlicht und Spieluhr ein, nur mit einem Teddy. Er trank ohne Murren seinen Fencheltee und räumte am Abend ganz allein, diskussionslos die Legosteine in die Spielkiste.
Wir konnten mit ihm Restaurants besuchen und unser Tisch blieb tatsächlich sauber, auch dort wo er saß. Er ließ sich die Serviette umlegen und verstand es toll, mit Messer und Gabel zu essen, denn er wurde beim Essen nicht durch das neue IPhone abgelenkt.
Er traktiert uns nie mit Armen und Beinen, wenn er seinen Willen nicht sofort bekommt und wirft sich auch nicht kreischend auf den Boden, wenn wir ihn konsequent, aber mit Liebe erziehen. Ein strenger Blick genügt, um den zukünftigen Hoffnungsträger der Finanzwelt in seine Schranken zu weisen.
Aber vielleicht will Jeremy-Maximilian-Thorben-Rudolf Krawutschke später auch einfach nur Tierpfleger werden. Die Panda-Bären im Berliner ZOO haben es ihm besonders angetan.
Hoffentlich sieht uns dort kein Bekannter und verpetzt uns bei Marlene und Thorben, denn die denken, dass wir ihn zum Chinesisch-Unterricht begleiten und ihn nicht mit solchen trivialen Ausflügen vom wahren Leben ablenken.