Aber wer, außer Hegel, empfängt heute überhaupt noch den Morgensegen der Zeitung? Jeder, der wissen will, wieviel Uhr es ist, der auf sein Telefon schaut, um zu erfahren, was sich in den letzten Minuten an Neuem ereignet hat, der den viel zu kurzen Rotmoment an der Ampel dazu nutzt, schnell einzusteigen in den endlosen Newsstrom, der durch sein Gerät rauscht, sich vom Ineinander privater Kontakte und gesellschaftsweit relevanter Ereignisse wegreißen, aufnehmen, bannen lassen kann, bis er am Gesichtsfeldrand Bewegung registriert, es tut sich was, die Ampel hat auf Grün geschaltet, er läßt das Mobile in die Hosentasche gleiten und radelt schon weiter, gegenwartsnäher als je ein Mensch vor ihm. Nachts unterwegs im Internet, das freie Floaten, dem man sich lustvoll überläßt, und auch das Internet fungiert dabei zugleich als Sammelstelle für Anregungen. Bis zu fünfhundert Fenster kann Safari offenhalten, und wenn die Zahl so erreicht ist, muß man, um neue Fenster öffnen zu können, einzelne Fenster schließen, kann zurückgehen und noch einmal nachvollziehen, wo man gedanklich unterwegs war und zu welchen Folgen das geführt hat, etwa zu einem Buchkauf, dann schließe ich das Fenster, wenn die vom offenen Fenster ausgelöste Anregung erneut zu interessanten Assoziationen führt, wenn ich der Sache in Zukunft also noch genauer nachgehen will, lasse ich das Fenster offen, durch das die Welt zu mir ins Zimmer schaut und in mein Gehirn. Götz, Rainald (2024): Wrong, S.261, Suhrkamp














