Weimars nächster Dichterfürst - Teil III
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[dramatischer Blitz-Schnitt zu A.W.Schlegel, der sich stotternd an die Worte zu erinnern versucht]
A.W. Schlegel (der sich stotternd an die Worte zu erinnern versucht, kurz die Augen schließt und tief durchatmet. Sein Bruder im Hintergrund drückt ihm ganz fest die Daumen. F. Schlegel setzt nochmal neu an und rezitiert dann sicher):
Bei Andernach am Rheine
liegt eine tiefe See;
stiller wie die ist keine
unter des Himmels Höh.
Einst lag auf einer Insel
mitten darin ein Schloß,
bis krachend mit Gewinsel
es tief hinunter schoß.
Iffland (schlägt theatralisch ein Bein über’s andere): Das war’s?
A.W. Schlegel (lächelt unsicher, nickt aber bestätigend).
Iffland (zu den Anderen): Puh. Was sagt ihr?
Goethe (tut so, als würde er aufschrecken): Bitte? Oh, entschuldige, ich war wohl eingenickt. (panischer Blick Schlegels) Nein, im Ernst, das war sterbenslangweilig. Fluss, Schloss, Seen, Natur, die das Seelenleben ausdrückt, das ist einfach so Empfindsamkeit, das will doch kein Mensch hören.
Iffland: Da muss ich dem Wolfgang ausnahmsweise mal zustimmen, tut mir Leid.
Anna Amalia (freudestrahlend): Also, ich fands super! Das war wenigstens etwas Angenehmeres, was Leichteres…Herzlichen Glückwunsch, August Wilhelm, hier ist dein Scherenschnitt.
[Jubelgeschrei, das in eine Montage anderer glücklicher Knaben mit Scherenschnitten in den Händen übergeht.]
Anna Amalia: Du bist eine Runde weiter!
[Schiller stolpert beinahe, als er seinen Schnitt abholt.]
Anna Amalia: Jetzt kannst du deinem Bruder mal richtig unter die Arme greifen. In der nächsten Runde.
[F. Schlegel fällt seinem Bruder hüpfend um den Hals]
Anna Amalia: Bei dir ist das alles so locker…und diese Lockerheit ist es, die wir sehen wollen.
[Falk rennt mit seinem Scherenschnitt zu den Schlegels, während Schiller und Scharffenstein im Hintergrund böse gucken.]
Off-Erzähler: Leichtigkeit ist sicher von Vorteil im Literaturgeschäft. Aber nicht alle können diese auch aufbringen.
Die der Donau Strand bewohnen,
Aus des Rheines Laubensitzen,
Von dem duft'gen Mittelmeer,
Von der Riesenberge Spitzen,
Von der Ost- und Nordsee her!
Chor.
Horchet! – Durch die Nacht, ihr Brüder,
Welch ein Donnerruf hernieder?
Stehst du auf, Germania?
Ist der Tag der Rache da?
Anna Amalia (an ihre Mitstreiter gewandt): Und, Jungs? Wie fandet ihr's?
Iffland: Also ich kann mir nicht helfen, aber eine richtige Ballade war das nicht. Es wirkte auch eher stümperhaft formuliert.
Goethe: Ich bin da leider ganz bei August Wilhelm, dieses deutschnationale, der Tag der Rache... das alles war mir doch etwas zu heftig.
Anna Amalia (zurück an Kleist): Ich seh das leider ganz ähnlich, Heinrich. Deine Leistung hat uns nicht überzeugt. Du wackelst heute leider....
Off-Erzähler: Und da ist er nicht der Einzige.
Schiller (in die Kamera, während die anderen im Hintergrund Wasser trinken und in Decken gemummelt da sitzen): Also, heute wackeln ja der Heinrich, der Georg und der August…Aber wir haben eine Safecard, die wir verteilen können und ich wär ja für Georg, aber ich glaub, die Anderen sind der Ansicht, dass der Heinrich die heute braucht.
Kleist (von der Seite): Hey, ich brauch die echt so dringend, du hast doch gehört, was die gesagt haben, das war denen alles zu politisch, ich schwöre, die kicken mich raus…
Schiller (skeptisch): Meinste?
Kleist: Ich geh heut heim, das spür ich. Macht hier bloß keine Politik, das wolln die echt nicht.
Schiller: Kann ich mir jetzt nicht so vorstellen. Ich mein, der Goethe, der war ja selber Mal Stürmer und Dränger. Hast du gesehen, was der in Straßburg geschrieben hat?
Kleist: Mann, dass is dreißig Jahre her!
[Die Umstehenden lachen über die Übertreibung und schauen sich dabei verschreckt um.]
F.Schlegel: Jungs, is doch auch egal. Wir müssen uns langsam mal entscheiden.
[Betretenes Schweigen. Schließlich:]
Kotzebue: Also, von mir aus könnt ihr meine Card haben. Ich hab das nicht nötig. Wenn ich hier gewinne, dann weil ich’s verdient hab.
[Er geht. Bleiben noch Scharffenstein und Kleist.]
F.Schlegel: Lasst uns doch einfach abstimmen. Wer ist für Heinrich? Okay, und wer für Georg?
[Die Mehrheit entscheidet sich für Heinrich.]
Scharffenstein (halb wütend, halb resigniert): Wenn ihr meint. Aber dann kann ich auch gleich zurück nach Stuttgart. [geht mit Schiller, es bleiben die Schlegels und Kleist.]
A.W.Schlegel: Der soll sich nicht so anstellen, der is eh weiter.
[zustimmendes Achselzucken]
[Kleist und Scharffenstein vor der Jury, sie halten sich bei den Händen, Kotzebue daneben]
Anna Amalia: Vor mir stehen drei wunderschöne, talentierte junge Knaben. Drei Knaben, die in den letzten Wochen eine enorme Entwicklung durchgemacht haben. Georg und August, ihr wart von Anfang an unter unseren Favoriten. Ihr habt alles, was ein weltgewandter Dichter braucht, denn ihr bringt nicht nur Motivation und Redegewandtheit mit, sondern auch, was viele oft unterschätzen: Manieren. Aber in letzter Zeit ruht ihr beide euch zu sehr auf deinen Lorbeeren aus und wenn ihr nicht aufpasst, überholen euch die Anderen bald. Und du, Heinrich, du bist roh, ungeschliffen und manchmal echt unflätig (sie lacht). Aber du bringst auch frischen Wind hier herein. Vielleicht zu viel? Wir denken ja, aber deine Kameraden sehen das anders und haben dich gesafed. Es ist jetzt an dir, uns davon zu überzeugen, dass sie recht mit der Wahl hatten. Herzlichen Glückwunsch, du bist in der nächsten Runde. [Verhaltene Freude der Knaben]
[Anna Amalia wartet und lächelt.]
Anna Amalia: Bleibt noch ihr zwei. Die Entscheidung ist uns echt nicht leicht gefallen. Ihr hättet es beide so sehr verdient, weiter zu kommen. Aber ihr wisst: Nur einer von euch kann Weimars nächster Dichterfürst werden. Nur einen von euch erwarten ein Exklusivvertrag mit der Cottaschen Buchhandlung. Nur einer von euch schafft es auf das Cover des Musenalmanachs. Und nur einer erhält 3000 Taler im Jahr bar und einen Adelstitel. Aber wer von euch darf weiter hoffen?
[Dramatische Musik, Schweigen, dieselbe Szene aus drei Einstellungen, alle mit dramatischem Zoom.]
Anna Amalia: Es tut mir Leid, Georg, ich habe heute leider keinen Scherenschnitt für dich.
[Entsetzen bei Kleist und den Schlegels. Kotzebue umarmt mit einem beinahe bedauernden Lächeln Scharffenstein und nimmt seinen Scherenschnitt. Schiller wartet auf Scharffenstein und umarmt ihn dann.]
[Einzelinterview Scharffenstein.]
Scharffenstein: Ich hab’s mir ja fast gedacht. Schade, ich wäre echt gern unter die Top Ten gekommen. Aber jetzt drück ich einfach dem Friedrich die Daumen. Der hat es so verdient und dann schafft es immerhin einer aus der Carlsschule!
[zeigt Daumen hoch und lächelt bedauernd in die Kamera]