Gute Bekannte von LIBREAS auf der iConference2014. Heute: Thomas Hartmann.
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Gute Bekannte von LIBREAS auf der iConference2014. Heute: Thomas Hartmann.
Die Big-Data-risierung des Menschen steht in der Tradition der Dokumentation und braucht Critique, meint Ronald E. Day
Ronald E. Day (2014) Indexing it all: The Modern Documentary Subsuming of the Subject and its Mediation of the Real. In: iConference 2014 Proceedings (p. 565 - 576). doi: 10.9776/14140
Kernaussagen: Für die Entwicklung der Dokumentation im 20. und 21. Jahrhundert lassen sich Entwicklungsstufen bestimmen. (sh. auch unten)
Jede dieser Stufen steht für eine höhere Stufe des Einschlusses (subsumption) von menschlichen Akteuren und Texten in zunehmend abstrakter dokumentarische Abbildungsformen.
Der Prozess wird durch die dialektische Wechselbeziehung der Verfahren und Organisationsformen der modernen Dokumentation mit den Ideologien des Spätkapitalismus (Neoliberalismus).
Im Zentrum dieser Entwicklung stehen der Prozess der Indexierung und der Stand der Indexikalität. Die Indexierung entspricht der individuellen, sozialen und textuellen Positionierung von Subjekten (Menschen) und Objekten (z.B. Texten) mithilfe von Techniken und Technologien der Dokumentation. Die Indexikalität entspricht den Modi der aus der dokumentarischen Indexierung entstehenden Zitation und Referenzierung.
In der Moderne sind Indexierung und Idexikalität zentrale und in ihrer Bedeutung wachsende Quellen / Mittel der sozialen Positionierung der Individuen.
Dokumentarische Praxen wirken demzufolge zunehmend nicht nur als Verfahren zur Vermittlung intersubjektiven Austauschs sondern auch zur Vermittlung von Identität.
Dokumentarische Verfahren und Technologien verbinden dialektisch technische UND ideologische Operationen.
Den auf permanentes Bewerten gerichteten Verfahren im Anschluss an das Social Computing, Social Big Data und neoliberale Gouvernmentalität (sh. unten) muss mit (der Möglichkeit) der Kritik (Critique) begegnet werden können. Ohne Kritik neigen Bewertungen dazu, zunehmend ideologisch und formalisiert zu werden.
Die analysierten Traditionsstufen bzw. Episteme der Dokumentation
Europäische Dokumentation (vor allem: Paul Otlet)
Anwendung von hermeneutischen und psychologischen Ansätzen des 19. Jahrhunderts
Das Buch ist kein externes Objekt sondern etwas, mit dem der Leser, seinen jeweiligen Informationsbedürfnissen folgend, in eine individuelle Wechselbeziehung eintritt.
Information, die Dokumente und das Subjekt (mit seinem Informationsbedürfnis) bilden einen Kontext, wobei sich auch der Mensch sich in diesem (über seine Informationsbedürfnisse) selbst einordnet / positioniert. Er wird damit Teil der Beziehungen innerhalb des Dokumentationssystems.
Zitationsanalyse
technologische und epistemologische Transformation des Dokumentenretrieval zum Information Retrieval (Lösung vom Träger), vor allem 1960er und 1970er Jahre
zugleich: Transformation der Dokumentationswissenschaft bzw. -kunde (documentation studies) zur Informationswissenschaft (information science)
Beide, Nutzer und Text, werden in diesem Zusammenhang zu Information im System.
Schlüsseltechnologien: automatische Zitationsindexierung (Eugene Garfields / ISI Science, Social Science, Arts and Humanities Citation Indexes), Infrastrukturalisierung von dokumentarische Verfahren (Computerisierung, Vernetzung)
ermöglicht: Analyse wissenschaftlichen Verhaltens, bibliometrisches Ranking von Autoren (=Individuen, dokumentarisches Subjekt) auf einer Ebene mit Publikationen bzw. Informationsobjekten.
folgt ideologischen Normen der Wissenschaftsgemeinschaft bzw. Reputationsgenese in der Wissenschaft
Social Computing
Web-Link-Analysen (nach den Mustern der Zitationsanalyse) UND Recommender-Systeme
Übertragung der sozialen Logik der Zitationsanalysen auf allgemeine Nutzergruppen von digitalen Informationssystemen
Elemente: - Metadaten und Texte (Webseiten, Webobjekte), die zueinander in Beziehung gesetzt und auf dieser Grundlage gerankt werden - automatisch identifizierte Ähnlichkeiten zwischen Objekten - Beziehungen zwischen Subjekten ("Friends")
Ziel: Vorhersagen über das Informationsverhalten und zu Informationsbedürfnissen
Kernbegriffe: Interpellation (nach Louis Althusser) von Subjekten und Interpolation von Daten (Interpellation bedeutet in etwa: Der Prozess der individuellen Identitätsbildung durch eine von sozialen und politischen Instanzen verkörperte Ideologie.)
Social Computing vermittelt menschliche Interaktionen über technische Infrastrukturen von Empfehlungssystemen, Boole'schen Verknüpfungen, rekursiven Algorithmen und Sprachverarbeitungssystemen, deren Zweck es ist, den semantischen Gehalt und semantische Ähnlichkeiten zu bestimmen.
Adroid Robotics
Ziel: Übertragung menschlicher Fähigkeiten (menschlicher Subjektivität) auf technische Systeme
Während die Dokumentation das Ziel verfolgte, Inhalte aus Dokumenten zu den Nutzern zu übertragen, sollen in der Künstlichen Intelligenz bestimmten intellektuelle Kapazitäten in die Maschinen hineingecodet / geskriptet werden.
Computer sind nicht Übertragungskanäle der Kommunikations zwischen Menschen (human to human interaction) sondern werden selbst Kommunikanten (human to computer interaction).
Social Big Data und neoliberale Gouvernementalität
zentrale Anwendung des Social Computing zur gouvernementalen Zwecken: Große Datenmengen werden mittels Inter- und Extrapolation zu Vorhersagen zum individuellen Verhalten und als Basis für soziale und politische Entscheidungen und Steuerungen benutzt
Dokumentarische Objekte und Subjekte werden dabei als data-points verknüpft, in denen Interessen und Ableitungen aus dem Datenbestand zusammengeführt werden. Auf dieser Basis werden die Subjekte nach Interpellationen (Identitätsbildung / Identifizierung durch ideologische Einordnung) und sozialen Positionierungen, als Datum zusammengefasst mit dokumentarischen Objekten, analysiert. Für ein Individuum können Daten und Aufzeichnung in Echtzeit und rückwirkend relationiert und auf Ableitungen und Vorhersagen hin ausgewertet werden.
Die daraus entstehende Gouvernementalität, deren Kernmerkmale Eigenpositionierung (vielleicht auch: Evaluation) und Wettbewerb sind, ist durch umfassende Prozesse der Kontrolle und Eigen-Kontrolle gekennzeichnet mittels großer und rekursiver Datenbestände gekennzeichnet. (cybernetic governance)
(bk, 05.03.2014)
Desinformation ist eine Fehlinformation, deren Funktion es ist, irrezuführen, meint Don Fallis
Don Fallis (2014) A Functional Analysis of Disinformation. In: iConference 2014 Proceedings (p. 621 - 627). doi: 10.9776/14278
Kernaussage:
Desinformation ist eine Fehlinformation, deren Funktion es ist, jemanden irrezuführen. ("Disinformation is misleading information that has the function of misleading someone.", S. 625)
Weiteres:
Die analysierten informationswissenschaftlichen und informationsphilosophischen Konzepte sind:
Luciano Floridi (1996): Brave.net.world: The Internet as a disinformation superhighway? In: The Electronic Library. Vol. 14 Iss: 6, S. 509 - 514. DOI: 10.1108/eb045517 Kernaussage (nach Fallis): Fehlinformation tritt immer dann auf, wenn der Informationsprozess fehlerhaft ist.
Luciano Floridi (2005): Semantic conceptions of information. In: Stanford Encyclopedia of Philosophy. http://plato.stanford.edu/entries/information-semantic/ Kernaussage (nach Fallis): Wenn der semantische Inhalt falsch ist, handelt es sich um Fehlinformation (misinformation). Wenn sich die Quelle der Fehlinformation der Fehlerhaftigkeit der Information bewusst ist, handelt es sich um Desinformation (disinformation).
James H. Fetzer (2004): Disinformation: The use of false information. In: Mind and Machinens. Vol. 14, Issue 2 (May 2004) S. 231-240 DOI: 10.1023/B:MIND.0000021683.28604.5b Kernaussage (nach Fallis): Desinformation entspricht mehr oder minder dem Handlungsrahmen der Lüge. Sie ist intentional irreführend.
Luiciano Floridi (2001): The Philosophy of Information. Oxford, New York: Oxford University Press. Kernaussage (nach Fallis): Fehlinformation (misinformation) entspricht in korrekter Form dargestellten und sinnvollen Daten, die falsch sind. Desinformation ist Fehlinformation, die mit dem Ziel der Irreführung des Empfängers kommuniziert wird.
Don Fallis (2009): A conceptual analysis of disinformation. In: iConference 2009 Papers. http://hdl.handle.net/2142/15205 Kernaussage (nach Fallis): Desinformation ist irreführende Information, deren Ziel es ist, diese Irreführung auszulösen bzw. die vorhersehbar irreführend wirkt.
Brian Skyrms (2010) Signals. Evolution and Learning. Oxford, New York: Oxford University Press. Kernaussage: Wenn Fehlinformation systematisch gesendet wird und dem Sender einen Nutzen auf Kosten des Empfängers einbringt, ist sie als Täuschung (deception) zu bewerten.
(bk, 04.03.2014)
Informationszugang ist ein Menschenrecht und lässt sich anhand von fünf Facetten überprüfen, meint Kay Mathiesen
Kay Mathiesen (2014): Facets of Access: A Conceptual and Standard Threats Analysis. In: iConference 2014 Proceedings (p. 605 - 611). doi:10.9776/14265
Kernaussagen:
Informationszugang ist ein Menschenrecht. Daraus ergibt sich notwendig die Frage, nach den Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit eine Person dieses Recht wahrnehmen kann.
Kay Mathiesen (University of Arizona) definiert Information in Anlehnung an Luciano Floridi als "semantischen Inhalt."
Informationszugang ist eine Beziehung zwichen einem Menschen und der Information, der von fünf Facetten bestimmt wird:
Verfügbarkeit (availability)
Auffindbarkeit (findability)
Erreichbarkeit (reachability)
Verständlichkeit / Verstehbarkeit (comprehensibility)
Nutzbarkeit (useability)
Kay Mathiesen definiert dabei den Zugang zu Information folgendermaßen:
Eine Person hat Zugang zu Information, wenn er /sie die Freiheit oder Möglichkeit besutzt, diese Information zu beziehen, zu verwenden und aus ihr einen Nutzen zu ziehen. [A person has access to information when he/she has the freedom or opportunity to obtain, make use of, and benefit from that information.]
In Rückgriff auf die von Mathiesen PhIS-Analysis genannten Ansatz von Gary Burnett, Pail Jaeger und Kim Thompson (The Social Aspects of Information Access. In: Library & Information Science Research. 30 (1), 2008, S. 56-66), die das Phänomen Zugang in die Kategorien: - Physischer Zugang - Sozialer Zugang - Intellektueller Zugang
differenzieren, ist es möglich die einzelnen Facetten über bestimmten Fragen auf konkrete Einzelfälle hin zu qualifizieren. Kay Mathiesen erläutert dies für die Facette der Verstehbarkeit und erstellt eine Fragenraster, mit dem eine Zugangsbeziehung zwischen einem Menschen und der Information, einem Informationssystem bzw. einer Informationsdienstleistung evaluiert werden kann:
Welche physischen Bestimmungsgrößen beschränken/ermöglichen die Verstehbarkeit auf Seiten der Information/des Systems/ der Dienstleistung? (zum Beispiel: die Lesbarkeit einer Kopie)
Welche physischen Bestimmungsgrößen beschränken/ermöglichen die Verstehbarkeit auf Seiten der Person, die diese Information benötigt? (Zum Beispiel eingeschränkte visuelle Wahrnehmungsfähigkeit)
Welche intellektuellen Bestimmungsgrößen beschränken/ermöglichen die Verstehbarkeit auf Seiten der Information/des Systems/ der Dienstleistung? (zum Beispiel: Expertenjargon)
Welche intellektuellen Bestimmungsgrößen beschränken/ermöglichen die Verstehbarkeit auf Seiten der Person, die diese Information benötigt? (zum Beispiel Defizite bei der Lesefähigkeit)
Welche sozio-kulturellen Bestimmungsgrößen beschränken/ermöglichen die Verstehbarkeit auf Seiten der Information/des Systems/ der Dienstleistung?
Welche sozio-kulturellen Bestimmungsgrößen beschränken/ermöglichen die Verstehbarkeit auf Seiten der Person, die diese Information benötigt?
(bk, 03.03.2014)