"Die Fehleinschätzung, die vor allem Hecking vornimmt, ist, dass wir die Arbeit des Trainers analysieren. Es ist aber keine Trainer-, sondern eine Taktikanalyse. Ich für meinen Teil versuche als Autor einer Taktikanalyse, jene Teile eines Spiels zu filtern, die mir aus meiner Sicht (!) taktisch wichtig waren und die einen Einfluss auf das Spielgeschehen hatten. Ob der Rechtsaußen nun in die Mitte zog, weil Hecking ihm das gesagt hat, weil er sich seinem Gegenspieler entziehen wollte oder weil der Windhauch am Flügel seine Frisur zerstörte, ist für mich zweitrangig. [..] Wenn Pep Guardiola David Alaba ins Mittelfeld zieht, hat dies konkrete Auswirkungen auf das Spiel. Alaba bringt seine persönlichen Stärken und Schwächen nun auf einer anderen Position ein. Das Münchener Aufbauspiel verändert sich, der Gegner steht vor anderen Aufgaben in der Defensive. Wormuth hat Recht, dass die Qualität der Spieler und nicht die Grundordnung im Vordergrund steht. [..] Taktik ist nicht nur eine Frage der Formation. Jeder Spielverlagerung-Autor würde die Aussage, dass Zahlenspiele wie 4-3-3, 3-5-2 oder 4-2-3-1 überbewertet werden, sofort unterschreiben. Taktik endet hier aber auch nicht, sondern fängt erst an. Nicht nur der Trainer braucht die richtige „Taktik“, sondern auch Alabas Gegenspieler, damit dieser ihm nicht davonsprintet. [..] Die Meinung, Taktik sei überbewertet, wird absolut überbewertet. Trainer können sich so als Männer des Volkes geben [..] Über Spielverlagerung habe ich mittlerweile genug Einblick in das Fußballgeschäft erhalten, um guten Gewissens sagen zu können: Die Jungs, die in den Vereinen arbeiten, denken nicht groß anders als wir. Sie müssen Taktik natürlich anders vermitteln, weil sie jeden Tag mit Spielern, nicht mit Lesern zu tun haben. Aber in ihrem stillen Kämmerchen sitzen sie genauso wie wir vor ihrer Taktiktafel und machen sich Gedanken, welche Taktik denn die Richtige sei. Vergangene Woche saß ich mit Rainer Widmayer, Co-Trainer von Hertha BSC, zusammen auf dem Podium einer Veranstaltung, die sich um Taktik drehte. Widmayer analysierte dort die Taktik seiner Hertha mithilfe von Grafiken und Videos. Er erläuterte das 4-4-2-Mittelfeldpressing seiner Hertha. Später zeigte er Bis ins kleinste Detail, wie sich die Spieler bei Ballbesitz postieren sollen. Wenn wir diese Analyse exakt so auf Spielverlagerung veröffentlichen würden, würde die „Taktik ist überbewertet“-Fraktion sofort schreien: „So viel Gedanken macht sich doch kein Trainer!“ Doch, machen sie. [..] Die Woche zuvor saß ich im Publikum bei einer Veranstaltung, auf der Thomas Tuchel sprach. Er erzählte, wie er teils stundenlang in seinem Büro sitzt und seine Spieler auf der Taktiktafel verschiebt, bis er die richtige Variante gefunden hat. Julian Nagelsmann erzählte dem kicker kürzlich, der große kommende Entwicklungsschritt im Fußball sei, taktische Kriterien mithilfe von Statistiken zu erfassen. „Wie lange bewegt sich mein Stürmer im Deckungsschatten und ist nicht anspielbar? Wie ist sein Freilaufverhalten? Wie viele Spieler haben wir bei einer Balleroberung vor dem Ball?“ Fragen, die – wenn wir wie so stellen würden – das Gelächter so mancher Fans zur Folge hätte. [..] Bei Widmayer hat das Taktische etwas Zweckmäßiges, bei Tuchel etwas Künstlerisches, bei Nagelsmann etwas Wissenschaftliches. Natürlich gibt es noch andere Themengebiete, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen. Doch Taktik ist ein wesentlicher Teil ihrer Arbeit, und auch keiner, den man unterschätzen oder unterinterpretieren sollte. [..] Die Vereine zahlen viel Geld an Trainer, Scouts und Taktikanalysten, um sich exakt mit den Fragen auseinanderzusetzen, mit denen wir uns hier auf dieser Seite auch auseinandersetzen. Man muss das, was wir tun, nicht mögen, man muss sich nicht mal dafür interessieren. Jeder Fan soll Fußball so konsumieren, wie er es für richtig hält. Aber so zu tun, als wären wir weltfremde Nerds, deren Arbeit nichts mit der Praxis zu tun hat, ist einfach Quatsch."