Gorillas
Ich absolviere sehr höflich einige angebotene Schnäpse, als mir die zunehmende Frequenz nicht-zuordenbarer Berührungen meines unteren Rückens auffallen. Möglicherweise hat mein Freund, der am anderen Ende des Raumes tanzt, echt verflucht lange Arme?! Go-Go-Gadget-o-Arschbackengrabscharm. Zunächst genügt mir trotz großzügigen Platzangebots „Ist ja auch ganz schön voll hier!“ als Erklärung, alles okay; kein Grund, sich künstlich aufzuregen. Hallo Buffet, ich unterhalte mich mit dem Nudelsalat, essen beruhigt.
Die Schnäpse haben die Blase erreicht. Die Klotür schließt bis auf einen recht deutlichen Spalt, aber sie lässt sich von Innen mit einem einfachen Haken verriegeln; ich bin zufrieden und entspanne... huuuuuu... Eine Hand schiebt sich durch den Türspalt und hebelt geschickt den Haken aus der Öse, die Tür öffnet sich. Hnnnnnn... ähm, nein? Kurz huscht dem verirrten Gentleman Erstaunen über‘s Gesicht – verschlossene Klotür, und dann noch jemand, der dahinter auf der Toilette hockt; das muss ihn wirklich völlig aus dem Konzept gebracht haben. Zu meiner Erleichterung deutet er an, zu gehen – dreht sich dann jedoch urplötzlich um und verkündet lachend „Ach was soll’s – wir sind doch alle erwachsen, oder? Ich gucke auch weg!“ und bleibt. Da sitze ich mit meinem nackten Arsch und der noch immer halb vollen Blase und komme mir irgendwie nicht ernst genommen vor. Muss ich da jetzt durch? Weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich strullen muss wie ein irisches Grubenpony und keine Geduld für eine Grundsatzdiskussion habe. Ich hoffe, dass er oberflächlich genug ist, den Anblick meiner Cellulite als Strafe zu empfinden. Vorgang abgeschlossen, tschüss du Idiot, haha ja alle erwachsen und so, wie dem auch sei. Ich ärgere mich, dass ich nicht „Mann, ich kacke hier!“ gebrüllt habe, aber nehme mir fest vor, die nächste Gelegenheit beim Schopfe zu packen.
Bisschen tanzen, da bei den anderen. Wirklich ausgesprochen schlechte Musik - links, tip, rechts, tip. Nur nicht zu doll die sekundären Geschlechtsmerkmale bewegen – könnte missverstanden werden. Manchmal überlege ich, was sich wohl ein Wesen, das das Konzept von Musik und Tanz nicht kennt, beim Anblick einer dicht gedrängten Horde rumhampelnder Menschen denken muss. Egal, Zeitvertreib. Plötzlich klebt ein Typ an meiner Seite – gut, gut, dann tanzen wir ein bisschen gemeinsam, nette Idee. Ach ja, bist du nicht der, der vorhin mitten im Gespräch ohne jeglichen Zusammenhang meine Brüste kommentiert hat? Hm, bin mir nicht sicher, Allerweltsgesicht. Möchte niemanden zu Unrecht anfeinden. Nach kurzer Zeit fühlt er sich bemüßigt, mir ein zensurbedürftiges Angebot ins Ohr zu speicheln; er schlägt ein Nebenzimmer als Lokalität vor, um mich ganz romantisch „richtig ordentlich durchzuknallen“. Kommt gleich zur Sache, schön für ihn! Ist eine bewundernswerte Eigenschaft; nur den eigenen Vornamen hätte man eventuell zunächst in einem Nebensatz fallen lassen können. Einigermaßen perplex suche ich nach einer geeigneten Antwort. Ich überlege kurz, ob ich ihn darauf aufmerksam machen sollte, dass es hier außer einer separaten Toilette gar kein Nebenzimmer gibt, doch das erscheint mir wenig zielführend. Normalerweise bin ich, och, ja, doch irgendwie stolz darauf, unverschämt und präsent zu sein. Jetzt aber bringe ich nur recht kleinlaut den freundlichen Hinweis auf meine männliche Begleitung hervor. Rückblickend finde ich das ganz schön armselig: die schwächliche Prinzessin fühlt sich bedroht und verweist hilfesuchend auf den Ritter, oder Retter, oder so. Ich meine es aber prinzipiell gut mit mir und verbuche dies nachsichtig unter Kurzschlussreaktion infolge Überforderung. Herr Ritter befindet sich in Sichtweise, mein kleiner schwacher Prinzessinnenfinger zeigt auf ihn – „Na und?“ Ja, stimmt eigentlich, auf diese zugegeben etwas pampige Nachfrage kann ich nichts Substanzielles entgegen; stattdessen ärgere ich mich im Stillen über so viel selbstbewusste Grobschlächtigkeit und stehe mit offenem Mund da. Besser schnell zu machen das potentielle Fellatio-Zubehör, bevor ich noch ein zweites Angebot ablehnen muss. Unser Tänzchen ist damit jedoch beendet. Ich bekomme noch mit, wie er sich bei meinem Freund entschuldigt „Also hätte ich gewusst, dass das deine Freundin ist, dann hätte ich sowas ja nicht gesagt!“. Für einen Moment überlege ich, ob ich vielleicht schlichtweg eine Einladung zum ganz unschuldigen Dirty Talk zu wörtlich genommen habe, dann würde auch das mit dem nicht vorhandenen Nebenzimmer Sinn ergeben: „Ich würde dich jetzt gern auf dem Klo so richtig ordentlich“ und-so-weiter-und-so-fort kann man ja nun wirklich nicht bringen, das wäre völlig niveaulos. Och nö, komm, erscheint mir dann doch krampfhaft verständnisvoll. Allerweltsarschgesicht hat meine Empathie nicht verdient.
Derangiert schwanke ich zur Sinfonie aus Alkohol und Testosteron – was ist hier eigentlich los? Ich wäre jetzt lieber unter brünstigen Gorillas. Erneut entschließe ich mich zu einem deeskalierenden Zwiegespräch mit dem Nudelsalat. Der ist leider schon ohne mich weg. Gut, trink ich was. „Hey, na? Bekomme ich einen Kuss?“ Wer spricht da? Offenbar bin ich in einer Art Survival-Spiel gelandet, bei dem ich mich völlig unvorbereitet ständig neuen, spannenden aber vor allem ausgesprochen nervtötenden Abenteuern stellen muss. Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, wann ich mich für dieses beschissene Spiel angemeldet haben soll, aber mit etwas Glück ist dies hier der Endgegner. Zugegeben, er hat wirklich hervorragend gezupfte Augenbrauen, da könnte ich mir ein paar Tipps geben lassen. „Äh?“ – mehr fällt mir mal wieder nicht ein. Er ist so freundlich, sich zu wiederholen. „Nein, was hastt du denn davon?“ Warum sage ich das und welche Antwort erhoffe ich mir davon? Herpes kann er bekommen, der Idiot, wenn er will. Habe gerade leider keinen da; Mist, äußerst schwache Verhandlungsposition. Im Verlauf unseres merkwürdig zirkulierenden Gespräches versuche ich ihn davon zu überzeugen, dass diese unvermittelte Forderung wirklich völlig sinnfrei für uns beide ist, und er sich mal über seine Prioritäten klarwerden sollte. Er lallt „Also jedenfalls weiß ich, dass ich mich nicht belehren lassen muss.“ und ich beglückwünsche ihn – er ist anscheinend doch schon ein großer Junge! Leider entschließt er sich, wenig später zu meinem Freund zu wanken und ihm „Du hast heute Abend wirklich die süßeste Begleitung dabei!“ zuzuraunen. Ich kotze mir ein bisschen in den Mund und verstehe die Welt nicht mehr. Schnaps und Wut treiben mir langsam ein paar Tränchen in die Augen, besser nach Hause jetzt. Was bin ich?
(Bildquelle leider unbekannt)








