Weil niemand mehr mit mir leidet als Mama.
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Weil niemand mehr mit mir leidet als Mama.
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Leid
Leid ist ein Wort, das wir in den verschiedensten Zusammenhängen bemühen. Doch was ist Leid? Was bedeutet es für die Betroffenen? Ich habe mich in dieser Episode bemüht, eine tragfähige Definition für Leid zu finden und diese auch zu erklären. Ich freue mich auf Eure Rückmeldungen an [email protected]. Hier kannst Du die Episode “Leid” hören.
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Tag 347 / Tränen, Schwächen und Verzweiflung teilen
In der Präambel der Anonymen Alkoholiker steht, dass in der Gemeinschaft "Erfahrung, Kraft und Hoffnung" geteilt werden. Mir hilft oft mehr, wenn andere ehrlich über Scheitern, Misserfolg, Schwächen, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Angst und Scham sprechen. So wie gestern in einem Meeting. Mich berührt es zutiefst und mir schießen Tränen in die Augen, wenn Menschen vor der Gruppe reden, die 24 Stunden, 48 Stunden oder drei Monate trocken sind. Ich spüre und erinnere dann ziemlich genau wie es mir ging, wie ausweglos das war und ist, nicht mehr "normal" trinken zu können und nicht zu wissen wie man aufhört. Es ist noch nicht mal ein Jahr her, als ich auch da vorne stand und meinen ersten Chip für 24 Stunden Trockenheit, Applaus und Verständnis geschenkt bekam. Denen, die gerade frisch versuchen, aus der Sucht "auszusteigen" fühle ich mich viel verbundener als denen, die drei, sechs, zwölf, fünfundzwanzig Jahre trocken sind. Und ich bin ihnen ja auch näher. Sowohl in der Anzahl trockener Tage als auch in der Verzweiflung, der Kraftlosigkeit und vermutlich auch im Kampf gegen Suchtdruck. Zwei Mütter berichten heute wie sich die Beziehung zu ihren Kindern verbessert hat, seit sie abstinent leben. Das ist so traurig, wenn man an Kinder trinkender, besoffener, ausnüchternder Alkoholiker denkt und es ist so herzergreifend, wenn man erfährt wie viel mehr Liebe und Freude zwischen den Kindern und ihren suchtkranken Erziehungsberechtigen ist, seit sie trocken sein können. Love-you-all ist rückfällig geworden. (Tag 328) Aber er sitzt schon wieder da. War er drei oder vier Monate zuvor nahtlos trocken und clean gewesen? Auf jeden Fall ist er nicht im Rückfall hängengeblieben, auch wenn er mehr als einmal konsumiert, eine kleine Rückfallserie gedreht hat. Er ist hier und hier immer und immer wieder willkommen. Das ist groß! Das ist bewundernswert! Und ich schäme und verurteile mich, dass mich manchmal meine Eitelkeit davon abhält, in AA-Meetings zu gehen, weil ich meine, nach elf Monaten trocken, darf ich so nicht aussehen - mit dem dunklen Haaransatz, mit den Pickeln, mit der Gesichtsfarbe, mit dem Fettbauch. Bullshit! Irgendwer hat gestern auch von einer Sober-App berichtet. Auch das finde ich mega wichtig. Denn es gibt nicht nur das Eine, einzig Wahre, das hilft, trocken zu werden, nüchtern zu leben, clean und abstinent zu bleiben. Es ist eine Summe vieler kleiner und großer Hilfsmittel. AA ist sicher eins der größeren Hilfsmittel für mich und viele andere auch. Aber keine Trockenheitsgarantie wie ja auch ab und zu Rückfälle zeigen. Und weil in diesem Meeting gestern wieder einige offen sagen, dass sie ein Problem mit Gott haben oder nicht an Gott glauben oder "die höhere Macht" nicht essentieller Bestandteil ihrer Trockenheit ist, kommt mir der Gedanke: 'Verhaltet euch doch bitte genau so tolerant wie ihr mit dem Gott-Begriff seid auch Anonymen Alkoholikern gegenüber, die keine offizielle "Schrittearbeit" machen, die keinen offiziellen "Sponsor" haben.' Doch ich schweige heute im Meeting, gehe still zufrieden zur U-Bahn und lasse mir dieses Gefühl auch nicht von acht Stakkato-Textnachrichten von ein und derselben Person zerstören.
Tag 259 / Suchtfacetten
Frauen, Anfang zwanzig, die ihren Ehemännern den Stoff abpacken. Ehemänner, Mitte zwanzig, die ihre Frauen schlagen, während sie das Kind auf dem Arm haben. Frauen, Ende dreißig, die überall, wo sie mit ihren Kindern hingehen, Alkohol bestellen und konsumieren. Männer, Ende zwanzig, die ihre Ehefrauen immer wieder betrügen, wenn sie druff sind. Frauen, Mitte vierzig, die morgens kotzen und dann direkt Hartalk nachschütten, bevor sie mit dem Auto zur Arbeit fahren. Kleinkinder, die mit ihren Händen gegen die Balkontür schlagen und immer wieder fragen müssen: „Papa, wann kommst du? Papa, wann kommst du endlich?“, weil gemeinsames Spielen dem Konsum gegenüber nachrangig ist. Frauen, Mitte zwanzig, die ihren Freund bisher nur druff auf Opioiden erlebt haben. Die den Entzug mit dem Partner durchstehen, die psychotischen Episoden, die Wutausbrüche, neben dem Schweißgebadeten liegen, seine Tritte spüren, sein Krampfen, seine Panik. Männer, keine zwanzig, die sich um die kriminellere Vergangenheit batteln, wer schon mehr Bewährungsstrafen, wer schon mehr § 35-Rehas hatte. Kinder im Grundschulalter, die ihren einen Elternteil am Wochenende in der Suchtklinik besuchen, im Speisesaal mitessen, im Beistellbett schlafen, den Vater oder die Mutter zur Atemalkoholkontrolle begleiten. Kinder in der Pubertät, die alltäglich zwölf bis fünfzehn oder zwanzig bis vierundzwanzig Wochen getrennt vom eigentlichen Erziehungsberechtigten sind, der eine Suchtmittelentwöhnungstherapie absolvieren muss. Männer, Mitte zwanzig, die endlich bei ihren Eltern ausziehen wollen nach der Therapie, weil beide täglich konsumieren. Kleinkinder, die nicht verstehen, warum die Mutter sich so verändert jetzt, warum sie so viel regeln und reden will, seit sie nicht mehr kifft.