Berlin Marathon 2018: Die Kunst der schlechten Vorbereitung und des freien Kopfes
😉 Bevor der Muskelkater morgen richtig zuschlägt nutze ich die Mittagspause um ein paar Worte zum Berlin Marathon 2018 zu verlieren. Dazu ist ein kleines Vorwort jedoch nötig, um den Zustand vor dem 16.09.2018 zu beschreiben.
(Vor-)(…)Vor-Vorbereitung
Seit letztem Jahr Oktober wohnen wir in Münster. Nachdem ich meine Halbmarathon Bestzeit im Oktober 2017 (1 Tag vor unserem Umzug nach MS) auf 1:41 stellen konnte, hatte ich mich nach einer ordentlichen, aber nicht überragenden, Vorbereitung auf den Frankfurt Marathon gefreut (wer es noch weiß, da gibt es noch immer eine offene Rechnung). Das Münster für Fahrradfahrer ein gefährliches Pflaster ist durfte ich dann knapp 2 Wochen nach dem erfolgreichen Umzug am eigenen Leibe erfahren. LKW vs. Michi war ein ungleiches Duell, folglich ging es für mich mit ein paar Schürfwunden und einem gebrochenen Radiusköpfen ins Krankenhaus statt in die Festhalle – kein Marathon für mich. Schade, dafür die ersten drei Monate in Münster in vollen Zügen genossen, ein paar Kilo zugenommen und mal wieder gelebt (nicht ganz so intensiv, wie zu Bachelorzeiten ;) - nicht, dass man als Läufer nicht lebt, aber man wird eher über Wochenleistung in gelaufenen Kilometern als Wochenleistung in Liter Bier gemessen 😜). Der Wachrüttler beim Silvesterlauf von Werl nach Soest kam zum richtigen Zeitpunkt – und ZACK – zwei Wochen später war ich Mitglied beim LSF Münster in einer Trainingsgruppe, in die ich auch nur aufgrund einer recht passablen 10km Zeit eintreten durfte! Plötzlich stand ich also alle 7 Tage auf der Laufbahn – ja wer hätte das gedacht? Ich denke meine Sportlehrerfraktion aus Schulzeiten würde spätestens jetzt den Glauben am Gelesenen verlieren und auf ALT+F4 drücken. Nachdem ich anfänglich Probleme hatte auch nur im Ansatz die vorgegebenen Tempozeiten zu halten (wohlbemerkt war ich in Tempogruppe 4 von 3 aus der gesamten Trainingsgruppe 😂) kam ich aber langsam in “Schuss”. Und die Vorbereitung für meinen Marathon in Kopenhagen verlief mehr als gut. Am 13.05.2018 stand ich also mit meinem Kumpel Flo in Kopenhagen am Start und es wurde ein “Desaster”. Völlig verbissen wollte ich aufgrund meiner neuen Bestzeiten im Halbmarathon und der guten Trainingsergebnisse die 3:37 reißen - der Schuss ging aber nach Hinten los - egal - keine weiteren Ausführungen (am Ende war ich knapp 22 Minuten langsamer. Für Flo gab es jedoch eine neue PB in 3:18).
Vor-Vorbereitung auf Berlin
Nachdem mir spätestens in Kopenhagen wieder aufgezeigt wurde, was für ein Lappen ich im muskulären Sinne bin, habe ich mich nach einer Woche isotonischer Bierpause daran aufgemacht (motiviert bis unter die Haarspitzen) ein ordentliches Stabitraining im Juni und Juli einzubauen. Auch habe ich in zwei Stunden Personaltrainig mit David Schönherr investiert, was mir sicherlich an einigen Stellen die Augen geöffnet und weitere Baustellen aufgedeckt hat - Danke dafür! Das Stabitraining hat anfangs auch gut geklappt, beinahe täglich habe ich Übungen gemacht - aber ganz ehrlich, als Läufer (auch ich zähle mich mittlerweile zu dieser Gattung), macht das einfach keinen Spaß. Yogamatte raus, TRX Band in den Türrahmen, usw usw, das ist nix für mich. Ich habe diese Übungen dann irgendwann in meinen Alltag eingebaut - Aktivierungsübungen im Büro, Ausfallschritte hier, Planks da, immerhin noch jeden Morgen Liegestütz und Situps. Aber zum Ende wurde das sicherlich wieder zu freestyle und wenig nachhaltig!
Vorbereitung auf Berlin
Freestyle, passt an dieser Stelle zufälligerweise wie die Faust aufs Auge 😉. Ich hatte im November 2017 einen Startplatz für Berlin bekommen, das hatte ich total verdrängt und mittlerweile war es August und noch kein Lauf über 20km stand seit Kopenhagen in meinem Trainingstagebuch. Um ehrlich zu sein, ich hatte nach Kopenhagen nicht das geringste Verlangen in Berlin an den Start zu gehen. Gute Ausreden zum Nicht-Laufen gibt es viele und so war es mal wieder mein alter Hannover-Held Rasmus, der mir einen “Arschtritt” gegeben hat. Rasmus, mittlerweile Mitarbeiter der BVG, hatte spontan einen Startplatz bekommen, also gab es keine Ausreden mehr und das Training wurde aufgenommen. Sicherlich optimal für mich als erfahrener Marathoni ( 🙈). 6 Wochen waren noch bis zum Start, schnell gerechnet, mit Tapering also 4? Oh man, das kann nix geben. Als dann auch noch mein letzter und einziger >30km Lauf zwei Wochen vor dem Marathon nach Hinten losgegangen ist, waren alle Hoffnungen dahin. Auf der Suche nach einem Ausweg, den es nicht gab, bekam ich viel Zuspruch von Vereinskollegen*innen und meiner Crew, den #PACEPACK Runners. Ich guckte also in meinen alten Suizitplan von Peter Greif und entdeckte einen 27km Lauf eine Woche vor dem Marathon - dieser sollte mir Selbstvertrauen geben - UND DAS TAT ER AUCH! Mit Kristin auf dem Rad an meiner Seite bin ich die ersten 21km nur so am Kanal entlanggeflogen. Zwar im gemütlichem Tempo, aber es war ein beruhigendes Gefühl, die Distanz so locker zu bewältigen (das war die Woche zuvor in gleichem Tempo noch anders gewesen). Die letzten 6km habe ich das Tempo nochmals forciert und hatte auch hier das Gefühl, dass es läuft. Also war ich doch bereit für Berlin?
Berlin - Wettkampf
Ich spare mir Einzelheiten zur Unterbringen (DANKE FRANK, Onkel von Kristin und Fotograf der Bilder am Ende des Textes), Messe usw. usw. Es geht direkt an den Start.
Mit Rasmus und Elmar (oder Julius? 😂) standen wir in Block E - ich konnte mich mit meiner HM Zeit aus dem April noch 3 Blocks nach vorne “katapultieren” und so durften wir zusammen starten. Aufgrund der Massen war es uns kaum möglich im Trio zu laufen und so waren wir (glaube ich) ab KM10 getrennt. Ich hatte zwar einen kleinen Rennplan, aber hatte mir vorher gesagt: “Verlass dich auf dein Gefühl, mach dich frei von Zeiten und lauf einfach was du kannst.” und genau das habe ich auch getan. Als Rasmus plötzlich wieder an meiner Seite war (KM13) habe ich auf seine Frage nach der Zeit das erste mal etwas bewusster auf die Uhr geguckt und festgestellt, dass das ziemlich toll mit meinem unterbewussten Rennplan übereinstimmt. “Ich hau jetzt einfach raus was geht und breche dann gleich einfach ein!” - waren Sekunden später überraschend die letzten Worte von Rasmus bis KM 34. Mir fiel zu diesem Zeitpunkt ein kanadisches Ehepaar auf, das sicherlich in AK 50+ am Start war, aber ein unfassbar schönes und gleichmäßiges Tempo angeschlagen hatte. Ich entschied mich einfach dafür, dass ich mich anschließe. Die Frau hatte sich leider bei der Halbmarathonmarke verabschiedet und nahm einen Gang raus, aber Peter lief weiter und war mein Fixpunkt. Wir liefen und liefen und um ehrlich zu sein, so leicht sind mir die Kilometer von 21 bis 32 noch nie im meinem Leben gefallen. Das Tempo war konstant und es war ein schönes Gefühl, welches ich so extrem auch noch nie erlebt habe, dass wir nach und nach immer mehr Leute einkassierten, die bereits hart zu kämpfen hatten. Bei KM 32/33 gab es Wasser und plötzlich blieb Peter stehen, das verunsicherte mich - soll ich warten? Laufe ich weiter? Wir hatten uns nicht abgesprochen oder ähnliches, ich war einfach ein stiller Begleiter, oder war er meiner geworden? Ich entschied mich zum weiterlaufen und dachte jetzt in Gels - noch 2,5 km bis zum nächsten Gel und zack, ein Fuß vor den anderen. Abgesehen von ein paar Schmerzen im Hüftbeuger noch keine Probleme. Bei KM34 musste ich auf der Suche nach meinen Salztabletten, die mir anscheinend aus der Hose gefallen sind, ein Stück gehen, was ein folgenschwerer Fehler gewesen war. Rasmus, den ich irgendwo überholt hatte, kam hier von hinten angerauscht und schrie mich an: “Michi, weiter jetzt!” (Er wusste ja nicht, dass ich was suche, und daher die Gehpause eingelegt hatte). Ab dem Punkt bin ich aber leider (MAN ICH KÖNNTE MIR IN DEN AR*** BEIßEN) in alte Muster zurückgefallen. Ich konnte lange Gehpausen zwar vermeiden, aber das Tempo fiel bemerkbar. Rasmus musste ich trotzdem wieder überholt haben, denn bei KM37 kam er wieder an mir vorbei. Jetzt wagte ich nochmals einen echten Blick auf die Uhr und stellte fest - eine Bestzeit lässt sich kaum mehr vermeiden - GEIL, wer hätte das gedacht? (Um langsamer als PB zu sein hätte ich 8 Min/km laufen müssen, das war quasi ausgeschlossen.)
Ich hatte zwar brettharte 5 KM, ca. 300 Meter vorm Ziel gab es einen krassen Krampf, nachdem mein linker Fuß mit der Fußspitze auf 2 Uhr stand und ich irgendwas gemacht habe, woran ich mich aber nicht mehr erinnern kann, um dieses Problem zu beheben. Ich konnte anschließend zu einem (für mich fast schon epischen) Zielsprint ansetzen und bin überglücklich über die Ziellinie gelaufen!
Jetzt kann der Urlaub auf Jamaika kommen 😀.
Auf dem Weg zur Messe.
Die Eintrittkarte.
Pasta für 3,90, und die waren sogar gut.
Die letzten Meter, gar nicht so eingefallen, wie es sich angefühlt hat.
Da ist das Ding - wohlverdient behaupte ich mal.
Vermutlich zu dritt so viele Vorbereitungskilometer, wie jede*r andere alleine im Startblock E (wenn überhaupt) 😂.
P.S. Vielleicht verdiene ich mir ja im nächsten Herbst meine Mitgliedschaft in der LSF Trainingsgruppe (Sub 3:30 🙈), sonst fliege ich wohl bald aus dem Team 🙈 !












