In seinem Regie-Debüt am Münchner Residenztheater brachte der talentierte Österreicher Arthur Schnitzlers REIGEN als eisig-verschwitzten Alptraum auf die Bühne.
Alexander Altmann, Bayerische Staatszeitung

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In seinem Regie-Debüt am Münchner Residenztheater brachte der talentierte Österreicher Arthur Schnitzlers REIGEN als eisig-verschwitzten Alptraum auf die Bühne.
Alexander Altmann, Bayerische Staatszeitung
REIGEN von Arthur Schnitzler (2012)
Residenztheater München
Regie: Patrick Steinwidder
Ausstattungskonzept: Bob Bailey Bühne: Anneliese Neudecker Kostüme: Lili Wanner Dramaturgie: Veronika Maurer Mit Guntram Brattia, Sophie von Kessel und Anne Stein In zehn Dialogen umgarnen und umtänzeln sich jeweils ein Mann und eine Frau, stoßen sich gegenseitig ab und ziehen einander wiederum nah zu sich – bis die Gespräche in den Koitus münden. Oder in die Gewalt? Die zehn Figuren kommen aus unterschiedlichsten sozialen Schichten, und die erotische Spannung zwischen ihnen speist sich aus Machtunterschieden. Was Schnitzler im Wien des Fin de siècle ansiedelt, legt die intime Keimzelle einer Gesellschaft offen, die noch immer die unsere ist. Zu seinen Lebzeiten waren Aufführungen des “Reigen” nur mit Polizeischutz möglich. Die Frage bleibt offen, ob sich die gesellschaftliche Abwehr auf die moralische Freizügigkeit bezog oder auf den sozialen Zündstoff von Schnitzlers Stück.
Kritik zu REIGEN (2012)
STEINWIDDERS REDUKTION DES VERSTÄNDNISSES VON SEX ALS GEWALTERFAHRUNG (SO RADIKAL UND ABSTOßEND DAS WIRKEN MAG) IST BEDENKENSWERT.
Münchner Merkur über REIGEN (2012)
…BEACHTLICHER MUT ZUR RADIKALEN ZUSPITZUNG. ZUMAL ER … AUF FEINERE NUANCEN NICHT VERZICHTET… BEMERKENSWERTES DEBÜT
Bayerische Staatszeitung über REIGEN (2012)
Notizen aus einem Gespräch mit Patrick Steinwidder
"Reigen" ist Schnitzlers radikalstes Stück. Nicht nur formal, sondern auch inhaltlich: weil es um die Leere geht, die zwischen Mann und Frau verbleibt, obwohl oder weil sie Sex miteinander haben. Im sexuellen Akt machen wir eine Grenzerfahrung, wir berühren eine traumatische Sphäre, die dem Tod nahe kommt. Es geht dabei um Gewalterfahrungen und Gewaltfantasien. Zurück bleibt ein schwarzes Loch zwischen Mann und Frau.
Man kann den "Reigen" von vorne nach hinten lesen oder von hinten nach vorne; man kann überall zu lesen beginnen und man kann sich zahlreiche andere "Reigen" vorstellen, die von jeder der Figuren aufs Neue ausgehen.
Der "Reigen" ist ein düsteres Stück, die Szenen spielen oft abends oder nachts, im Dunkeln, es kreist letztlich um den Tod – oft ist der Vergleich zum Totentanz gezogen worden. Aber darüber liegt diese Schicht von leichtem Geplänkel, von erotischer Tändelei. Dem geht man leicht auf den Leim. Aber am Ende der Szenen stehen oft Figuren, die ins Dunkel hinausrufen, allein.
Die Dialoge der Figuren: "Komm her!", "Geh weg!", der Rhythmus der Szenen – alles das ahmt Sex nach; das heißt, der Sex gibt die Form vor, bleibt aber eine reine Äußerlichkeit. Es findet keine innere Verbindung der Figuren statt. Der Reigen dreht sich weiter, und die Figuren verharren weiter auf derselben Ebene. Nichts entwickelt sich oder löst sich.
Ein Skandal ist das, was den Kitt aus den Fugen der Gesellschaft löst. Unsere Gesellschaft braucht Kitt in Form von Ideologie – z.B. Ideen der romantischen Liebe, Hoffnung usw. – um über ihre Brüche hinwegzutäuschen. Ein Stück wie der "Reigen" reißt diese Verkleisterung auf, es versagt diesen Kitt und weist auf die Brüche. Die Erzählung romantischer Liebe z.B. bleibt im "Reigen" vorenthalten. Und wenn sich im gegenwärtigen Neoliberalismus die Machtgefälle weiterhin verschärfen, werden die Fugen der Gesellschaft noch scharfkantiger. Das macht den "Reigen" heute so interessant. Interview: Veronika Maurer, Residenztheater
Patrick Steinwidder über REIGEN von Arthur Schnitzler (2012) Residenztheater München Interview: Veronika Maurer