Der Brillenkauf ist ein bisschen digitaler als früher, aber immer noch ziemlich kompliziert
Ich habe meine Brille zerbrochen, beziehungsweise ist sie wohl eher vor Materialermüdung zerfallen. Zwar war sie größtenteils erst vier Jahre alt, aber der defekte Bügel stammt von einer Vorgängerbrille, die ich vor zehn oder fünfzehn Jahren gekauft habe.
Vielleicht ist Schottland ja eine praktischere Gegend als Deutschland, denke ich, vielleicht kann man hier auch Brillen für Kurzsichtige im Drogeriemarkt kaufen, nicht nur “Lesebrillen”, also Brillen für Weitsichtige. Aber leider ist es genau wie in Deutschland:
Weitsichtige haben es leichter. Seltsamerweise dürfen Kurzsichtige in beiden Ländern Kontaktlinsen im Drogeriemarkt kaufen, nur eben keine Brillen.
Es ist sogar ein bisschen komplizierter, denn bei Specsavers – einer optisch und preislich ungefähr Fielmanns entsprechenden Kette – darf man mir ohne prescription überhaupt keine Brille verkaufen. Ich muss zuerst einen Sehtest machen, und der Sehtest kostet 30 Pfund.
Dafür ist er auch sehr ausführlich, viel ausführlicher als bei Fielmanns und selbst als der Sehtest, den ich vor langer Zeit einmal bei einer Augenärztin gemacht habe und der zu einer viel zu schwachen Brille führte, woraufhin ich nicht mehr zu Augenärztinnen gegangen bin.
Unter anderem wird mein Augenhintergrund fotografiert. “Beim nächsten Sehtest können wir dann vergleichen, ob sich was verändert hat”, sagt mein optician Emma. “Ich werde den vermutlich nicht hier machen”, sage ich, “könntet ihr mir das Bild vielleicht mailen?” “Da müsste ich erst fragen, ich glaube nicht, aus Datenschutzgründen ist das schwierig. Am einfachsten ist es, du fotografierst es hier vom Bildschirm ab.”
Vor und nach dem Sehtest wird mein Gesicht mit einem Tablet eingescannt, ich muss in drei verschiedene Richtungen schauen und dann sagt die Software, dass ich bei meiner Gesichtsform eine Brille tragen sollte, die “oval” und “soft-framed” ist. Man führt mir vor, dass ich in dieser Software Brillengestelle digital anprobieren könnte, belässt es aber bei der Demonstration. Vermutlich ist es einfacher und weniger personalintensiv, mich die im Laden vorhandenen Brillengestelle analog anprobieren zu lassen.
Ich frage den Brillenverkäufer, der nach dem Sehtest noch ein paar Daten erhebt, was sich in den letzten zehn Jahren in seinem Beruf am meisten verändert habe. Er mache das erst seit drei Jahren, sagt er, aber schon da habe sich so einiges geändert. Zum Beispiel dieses Tablet! Er fotografiert damit ein drittes Mal mein Gesicht und zeigt mir dann, wie meine Pupillen und die Größe des neuen Brillengestells automatisch erkannt werden. Die automatische Erkennung ist ungenau und er muss alles von Hand an die richtige Stelle auf dem Bild ziehen. Früher war das wohl noch komplizierter, ich erfahre aber nicht, wie.
Ich sage, dass ich gern Brillengläser aus Glas hatte, weil ich mal gehört habe, dass sie weniger leicht verkratzen als die aus Kunststoff. Brillengläser aus Glas? Man führe überhaupt nur welche aus Kunststoff, erklärt man mir. Es klingt, als sei es überholt und abwegig, Brillengläser aus Glas zu haben. Ist es vielleicht auch wirklich:
“Wenn Augenoptiker von ‘Gläsern’ reden, ist immer seltener mineralisches ‘Glas’ gemeint! Die meisten Brillengläser bestehen heute nämlich aus Kunststoff. Nur zehn Prozent aller Brillengläser werden noch aus mineralischem Silikat – also dem klassischen Glas – hergestellt.”
(Quelle: Fielmann-Website)
Am Ende des Vorgangs, stelle ich mir vor, werde ich eine digitale, englischsprachige prescription besitzen, mit der ich überall auf der Welt eine Brille bestellen kann, solange sich an meinen Werten nichts ändert. (In meinem Alter zugegeben unwahrscheinlich.)
Die prescription stellt sich als analoger, handschriftlich ausgefüllter Zettel heraus. Aber immerhin: Englischsprachig!
Es dauert zehn Tage, bis meine neue Brille fertig ist. In der Wartezeit suche ich im Netz, ob das nicht doch irgendwie einfacher, schneller oder billiger gegangen wäre. Bei Amazon bekommt man für insgesamt unter 10 € fünf Kurzsichtigenbrillen in verschiedenen Farben, so dass man nie mehr lange nach der Brille suchen muss und sich unbesorgt auf vier davon draufsetzen kann. Sie kommen aus China, die Lieferzeit beträgt vier bis sechs Wochen und die Kundenzufriedenheit ist so lala. Aber vielleicht hält die neue Brille ja wieder zehn Jahre lang, und bis dahin ist alles noch mal ganz anders. Oder ich werde weitsichtig und kann im Drogeriemarkt einkaufen gehen.