Sieben Monate Dichten mit ChatGPT: Ein Zwischenstand
Seit September 2024 habe ich jeden Tag zusammen mit ChatGPT ein Gedicht geschrieben. Die Ergebnisse kann man bei mastodon.social/@robotgernhardt nachlesen, unter https://mastodon.social/tags/RobotGernhardtExplained sieht man, welche Gedichtteile von wem sind. Inzwischen weiß ich genauer, was ChatGPT (in der aktuellen Version GPT4o) kann und was nicht.
Was ich zum Beispiel sehr oft sage: "Wie könnte die dritte Zeile lauten? Sie muss sich auf "Fliegen" reimen. Das Reimwort darf aber nicht selbst "Fliegen" sein! Bitte achte darauf, nur reine Reime zu verwenden. Das heißt, das Reimwort MUSS mit den Buchstaben "iegen" oder "igen" enden."
Wenn ich das nicht jedes Mal alles dazusage, wird ChatGPT zehn Vorschläge machen, von denen zwei oder drei einen guten Reim auf "Fliegen" enthalten, ein paar enden auf "-ichten" oder "-eiben", und der Rest hat "Fliegen" als Reim auf "Fliegen".
Es ist auch sinnlos, irgendwas mit Silben zu verlangen. ChatGPT hat keine Ahnung, was Silben sind und rät nur herum. Wenn ich eine Lücke im Gedicht mit drei Silben füllen möchte, muss ich mir Beispiele ausdenken und diese Beispiele bei meiner Frage mitliefern, dann klappt es gut.
Das kommt mir nebenbei wie ein ganz gutes Training für den Umgang mit dementen Menschen vor: Man muss bestimmte Informationen einfach immer wieder mitliefern, auch wenn man es schon sehr oft getan hat. Man muss herausfinden, was die Gesprächspartner nicht können oder nicht verstehen (obwohl sie so tun, als ob), und dafür andere Lösungen finden. Und man darf sich dabei nicht ärgern.
Weil ich für ChatGPT nicht bezahle, habe ich immer nur ein paar Versuche. Dann schaltet es zurück auf die vorige Version, GPT4, die beim Dichten weniger hilfreich ist. Ich kann mir damit Vorschläge für fehlende Wörter machen lassen, aber nicht viel mehr. Erst nach ungefähr sechs Stunden kann ich mit GPT4o weiterdichten.
Andere Gratis-Sprachmodelle, die ich in dieser Wartezeit gelegentlich ausprobiert habe: Claude-3.7-Sonnet, Claude-3-Creative und WriteAnythingNow (alles bei poe.com, wo es verschiedene Modelle zur Auswahl gibt) und DeepSeek. Sie waren alle ungefähr auf GPT4-Niveau und das heißt, für meine Zwecke nicht so brauchbar.
Vor ein paar Tagen habe ich mit Hilfe von ChatGPT (und eigener Nachbearbeitung) ein paar dieser Gedichte ins Englische übersetzt. Das ging schnell und gut, ich hatte den Eindruck, dass ChatGPT Englisch doch noch etwas besser kann als Deutsch. Es ging sogar viel besser als mit den hauptberuflichen Übersetzungswerkzeugen DeepL und Google Translate, die einfach nichts von Gedichten verstehen.
Ein Beispiel, wobei ChatGPT hier an der deutschen Version nicht beteiligt war, nur an der englischen:
Die Aggression beim Hören von Sonetten,
wenn alle offensichtlich nur drauf gieren
sofort das eine Ding da zu zitieren,
von diesem Gernhardt, kann man echt drauf wetten –
Die Aggression beim Hören von Sonetten.
The rage that rises when you read a sonnet
and every crowd predictably draws near
to quote THAT Gernhardt piece with giddy cheer –
you know it’s coming, you could bet upon it.
The rage that rises when you read a sonnet.