Die Stockgare beim Sauerteig richtig einschätzen – mein Weg zur Dough-Temping-Methode
Ich erinnere mich noch gut an die Phase, in der mich die Stockgare beim Sauerteigbrot regelmäßig zur Verzweiflung gebracht hat. Wie lange lasse ich den Teig gehen? Ist er schon bereit zum Formen, oder braucht er noch Zeit? Zu oft hatte ich überfermentierte oder zu dichte Brote aus dem Ofen geholt – bis ich auf die Dough-Temping-Methode von The Sourdough Journey gestoßen bin.
Diese Methode hat mein Verständnis für die Sauerteig-Fermentation grundlegend verändert. Da sie bislang vor allem in englischsprachigen Quellen erklärt wird, findest du hier meine Einführung auf Deutsch – so verständlich, wie ich sie mir damals selbst gewünscht hätte.
Was ist Dough Temping – und warum funktioniert es?
„Dough Temping" bedeutet nichts anderes, als die Teigtemperatur während der Stockgare zu kontrollieren. Das klingt erstmal technisch, folgt aber einer wunderbar einfachen Logik: Je wärmer dein Teig ist, desto schneller fermentiert er.
Sobald der Teig in den Kühlschrank wandert, verlangsamt sich die Fermentation dramatisch. Bei etwa 4 °C kommt sie praktisch zum Stillstand. Das bedeutet: Nicht nur wie lange dein Teig geht, sondern vor allem bei welcher Temperatur er das tut, bestimmt das Ergebnis.
Genau hier liegt der Unterschied zu anderen Methoden. Statt nach einer festen Zeit oder der oft zitierten „Verdopplung des Volumens" zu arbeiten, kombiniert das Dough Temping zwei Größen: Teigtemperatur und Volumenzunahme. Das Ergebnis ist ein deutlich zuverlässigerer Anhaltspunkt dafür, wann deine Stockgare wirklich abgeschlossen ist.
Du benötigst nur zwei Dinge:
einen ausreichend großen Messbecher (Faustregel: Mehlmenge × 3, also zum Beispiel 1.500 ml bei 500 g Mehl)
ein Küchenthermometer, das du tief in den Teig stecken kannst
Schritt 1: Das Startvolumen bestimmen
Direkt nach dem Kneten bestimmst du das Startvolumen deines Teigs. Es liegt meist bei etwa Mehlmenge × 1,5. Bei meinem Standardrezept mit 500 g Mehl ergibt das ein Startvolumen von rund 750 ml.
Ich gebe den Teig dafür direkt in den Messbecher. Zugegeben: Das Dehnen und Falten ist im Becher etwas fummelig. Deshalb mache ich meine Folds oft noch in einer Schüssel und transferiere den Teig erst nach der letzten Runde in den Messbecher – spätestens dann muss er aber umziehen, damit du das Volumen ablesen kannst.
Schritt 2: Die Teigtemperatur messen
Steck das Thermometer in die Mitte deines Teigs und notiere den Wert. Diese Messung ist der Dreh- und Angelpunkt der ganzen Methode.
Zur Methode gehört eine Tabelle, die dir angibt, um wie viel Prozent dein Teig zunehmen sollte – abhängig von der gemessenen Temperatur. Wichtig: Die Zeitangaben in dieser Tabelle sind nur grobe Orientierungen. Was zählt, ist ausschließlich das Volumen.
Ein konkretes Beispiel: 21 °C Teigtemperatur
Angenommen, du misst 21 °C. Laut Tabelle sollte dein Teig um 75 % an Volumen zunehmen, bevor du ihn formst und in die Kühlschrank-Stückgare gibst.
Bei einem Startvolumen von 750 ml bedeutet das:
750 ml + 75 % = ca. 1.310 ml Zielvolumen
Die genaue Zahl musst du nicht auf den Milliliter treffen – eine Abweichung von ±50 ml ist absolut in Ordnung.
Wenn du deinen Starter um 7:00 Uhr eingemischt hast, könnte dein Teig theoretisch gegen 19:00 Uhr bereit sein. Aber: Das ist nur eine Schätzung. Was wirklich entscheidet, ist der Blick in den Messbecher.
Zeigt er um 19:00 Uhr erst 1.200 ml? Dein Teig braucht mehr Zeit.
Zeigst du schon um 16:00 Uhr 1.350 ml? Dann ist die Stockgare abgeschlossen – egal, wie früh das ist.
Mein Tipp: Miss die Teigtemperatur etwa zur Halbzeit noch einmal nach. Hat sie sich verändert – zum Beispiel, weil es in deiner Küche wärmer oder kühler geworden ist – passt du das Zielvolumen entsprechend an. So behältst du die Kontrolle, selbst wenn sich die Bedingungen ändern.
Warum ich diese Methode wirklich empfehle
Was mich am Dough Temping so überzeugt hat: Es zwingt dich, deinen Teig wirklich zu beobachten – statt blind auf die Uhr zu schauen oder auf Rezeptangaben zu vertrauen, die in deiner Küche vielleicht ganz andere Ergebnisse liefern.
Gerade für Einsteiger in die Sauerteig-Bäckerei ist das enorm wertvoll. Du lernst Schritt für Schritt, wie ein reif fermentierter Teig aussieht und sich anfühlt. Dieses Gespür – diese Intuition, die erfahrene Bäcker oft gar nicht mehr erklären können – lässt sich mit dem Dough Temping viel schneller entwickeln, als ich es erwartet hätte.
Probiere es bei deinem nächsten Sauerteigbrot aus. Ich verspreche dir: Der Unterschied ist spürbar.













