Juni. Cannes Löwen jagen. Ich komm erstmal an.
Gelandet. Wein aufgemacht. Drüber geschrieben. Cannes. - Take One. Grundstock.
Wenn man jetzt sagt, man fliegt zu den Festspielen nach Cannes, dann fragt jeder: Waren die nich schon? Richtig. Vor ein paar Wochen erst. Und dann? Nach dem roten Teppich für den grossen Film, kommt der rote Teppich für den sexy Film. Und nach der Pornomesse kommt dann die zur Schau Stellung der Werbeluden. Cannes internationales Festival der Werbelöwen. Werbefilm. Werbeideen. Goldene Löwen. Werbeagenturen, Villen, Pools und Show-Reels auf neben dem mediterranen Buffet platzierten Flatscreens. We are going to Cannes. Cannes, are you ready? Oder auch, wie es viel mit verschmitzt verschworener Miene getuschelt wird: What happens in Cannes, stays in Cannes. Soll es doch eigentlich nicht, oder? Ist doch alles für die PR, für die Show. Na egal. Nicht zu tiefsinnig. Erst mal ankommen.
Mein Eurowings Flug von Berlin über Köln-Bonn wird mir per E-Mail annuliert. Per Telefongespräch zu 20 Cent die Minute aus dem Deutschen Festnetz bekomme ich aber einen Neuen, direkt, ohne Trödeln in Köln-Bonn. So ist das gut. Wir fliegen immernoch von Tegel. Die Maschine ist voll, über den Alpen hängen zu viele Wolken als dass es sich lohnt Instagram Fotos zu schiessen. Neben mir sitzt eine ältere Frau mit einem etwas speziellen Parfüm. Ansonsten kommen wir ganz gut an, in Nizza. Es hat auch keiner gemeckert, dass ich mein Longboard mitgenommen habe, trotz Nur-ein-Handgepäck-pro-Passagier Vorab-Ermahnung.
Es ist, glaube ich, das erste Mal, dass wir beim Aussteigen der Maschine mehr Zeit brauche als beim Einsteigen, trotz nur Handgepäck und kein Warten auf Reisekoffer auf Rollbändern, ja wo bleibt das denn und so. Nein, die mürbe vor sich hin schwelende Menschenschlange muss durch die Passport Kontrolle. United Europe Gedanken ganz weit weg, jetzt wo Flüchtlinge aus Booten und Terroristen mit Plastiksprengstoff unterm T-Shirt die Nation gefährden. Für eine Sekunde die wahnsinnige Angstidee dass ich ohne Reisepass vielleicht gar nicht reinkomme nach Frankreich.
Oh Jeanette, oh Baguette, oh Claudette, bald schon wieder weg, Frankreisch, Frankschreisch.
Im Bus nach Cannes dann die ersten Werber. Young Lions. Die neue Garde. Morgen bekommen sie ihr Briefing vertrauen sie mir an, müssen dann ganz schnell was ganz Tolles aus ihrer Kategorie basteln. Ob ich vielleicht zufällig irgendwo in der Jury sitze, werde ich gefragt. Nein. Sonst wär' ich ja nicht im Bus, sondern im Heli-Shuttle, der hier ab jetzt immer hin und her fliegen wird. Frankreisch, Frankreisch.
Über das alle Hotels in den Ruin treibende AirBnB habe ich eine Art Gartenlaube gemietet, in amerikanischen Serien wird sowas immer als Pool-House serviert, nur dass der Pool jetzt hier aufblasbar ist. Aber immerhin; es hängen Trauben und Aprikosen im Garten herum und ich habe eine kleine Terrasse und dazu blau angestrichene Schalfzimmertür Fensterläden. Die Grand Dame de Maison spricht über eine Übersetzungs-App mit mir und wir vereinbaren mein Frühstück auf neun Uhr am nächsten Morgen. Erstaunt guckt sie meinen quitschgelben Rucksack an, den ich mal auf einem Basar in Kuala Lumpur gekauft habe und app-fragt, ob das Alles sei, was ich für eine Woche dabei hätte. Mein lauwarmer auf Englisch gemachter Witz über Deutsche Effektivität bleibt zum Glück dann doch in der Sprachbarriere hängen. - Jetzt aber unbedingt eine Selbstgedrehte rauchen und Wein, ja Wein brauche ich auf jeden Fall jetzt auch.
Das ist ja ein bisschen hügelig drumherum, meine Unterkunft ist ein bisschen den Berg rauf, das ist nicht einfach Einkaufsstrasse rauf und runterlaufen, da muss man sich erst einmal Orentierung verschaffen. Als Linkshänder tippe ich, wenn ich vor Wegesgabelungsentscheidungen stehe gerne einfach auf Links. Das macht Vieles einfacher. Mal sehen was er hier gibt. Erster Supermarkt: hat zu. Ist ja auch Samstagnachmittag. Bin ich überhaupt noch in Cannes? Ja, ganz knapp, verrät mir ein Ortsschild; oben im Berg eben. Eine Post, ein kleiner Marktplatz, Bäckerei, Schlachter ( brauch ich ja eh nicht mehr ), alles da. Oma und meiner Mutter muss ich eine Karte aus Cannes schreiben, mache ich immer wenn ich verreise; Briefkasten auch gefunden, alles vor Ort, alles prima. Infrastruktur gesichert.
Ich betrete einen LeClerc Supermarkt und bin erstmal komplett erschlagen von der MASSE an Zeugs, Dingen, Sachen, Lebensmitteln, Lebensmittelpunkt im Kaufrausch manifestiert. Ich bin ja in meinem zweiten Vegan-Monat jetzt. Das Leben als ewiges Experiment. Aber Halt, aber ja, wenn und, das muss ich jetzt kurz erklären. Wenn man viel unterwegs ist, ist die Verleitung gross, zu eigentartigem Essverhalten; die Rittersport auf der Zugfahrt, die Reste und zwar ALLE Reste vom Catering eines Fotoshoots schnell in die Tasche für später gestopft, Kinderriegel, Duplos und liegengebliebene Pastel de Natas. Kurzum, das erste Mal in meinem Leben hatte ich einen Bauch und die Situation vis-a-vis dass mir manche Hosen nicht mehr passten. Ich will das jetzt nicht zum Drama machen, denn so schlimm is es auch wieder nicht. Aber in Berlin lebend stellt sich die Frage, WIE lebst Du, sowieso andauernd. Darmtrakt, Zuckerkonsum, Fleischeslust, Energiehaushalt, lokales Gemüse und Demos gegen die Riesenketten des Kontrollwahnsinns. Nur auf Fleisch verzichten ist nicht genug. Auch die überfischten Meere mit den Plastiktieren und: Muscheln in Frankreich? An der Cote d' Azur, Filter alles wässernden Schwermetalle am Pflock einer Mole? Nein, bloss nicht. Mules et Frites? Vergiss das mal, mein Kind. - Also vegan. Das heisst dann praktischerweise keine Industrieschokoloade, weniger Zucker, Augen auf für Neues, gut für Tier, Mensch, Mutter Natur und die Menschheit. Man kann das ja mal ausprobieren. Schon alleine um eine handfeste Meinung und vor allem ERFAHRUNG zu haben, wenn Kommentare über den Gabentisch segeln wie: Vegan, oh das wär' mir zu kompliziert. - Der Körper braucht doch Proteine und Eisen und sowas. - Ich mach doch keine Ernährung, die nur unter ärztlicher Aufsicht empfohlen wird. - Und so weiter. Kürzlich sagte einer am Tisch: Ich hatte mal 'ne Assistentin, die war Veganer, das war vielleicht eine Scheisse. - Warum denn, fragt man sich da. Also ausprobieren. Zweiter Monat jetzt. Mangelerscheinungen habe ich noch nicht. Mein Körper fühlt sich leichter an. Nach dem Essen gibt es keine Erschöpfungszustände mehr. "Uahhhh, jetzt erstmal zwei Stunden Hängematte, oder?" heisst es ja gerne mal nach dem Mittagszwiebelrostbraten. Und so richtig gut fühlt man sich nach der Burgerschlacht oder der Mitternachtspizza mit extra Cheese ja auch nicht. Vegan, Vegan, wir fahren nach Vegan!
Man spart Zeit. Das ist tatsächlich so. Weil man eben nicht wie man glauben könnte Stunden damit zubringt jedes Etikett genau zu lesen und immer wieder abzuwägen, geht das jetzt, was heisst das bloss, schnell nochmal Google angeworfen oder einen Code ge-app-scanned. Nein, man hat recht schnell im Griff: Okay, die 700 Meter Käsetheke, können wir uns sparen, die abgepackte-Wurst- und Schicken-Arie, hier im LeClerk ungefähre 1,7 Kilometer lang, ebenfalls umgehen ohne Reue. Toll. Wein, Öl und so, also da nehme ich es nicht so ganz vegan, überhaupt mag ich das Wort Veganer nicht so besonders, Marsianer klingt auch nicht weniger militant; wenn also ein Wein oder ein Öl mal mit Gelantine geklärt wurde auf dem Weg in die Flasche, dann ist mir das egal. Hauptsache das Tier ist nachher nicht mehr drin. Und ein Makromillirgendwas Honig im Brot? Na, mein Gott! Ich will ja nur keine Butter mehr, kein Ei im Teig, keine überflüssige Milch im Kaffee, Käse, Schinken mit Nitratsalzen von verängstigt guckenden Ohneringelschwanzschweinen und überhaupt Fleisch von Lebewesen, die kaum länger gelebt haben, als ich für den Verzehr ihres Körperteils brauche. Also weglassen. Erstmal zum Champagner. Ganz schön voll der Laden. Naja, Samstagnachmittag. Nachher ein Fussballspiel der EM. Warum soll das hier anders zugehen als im Real-Markt in Bad Lippspringe. Der Champagner ist im Schnitt 4 Euro billiger als bei uns. Das ist interessant. Aber, naja, ist ja auch Frankreich, Champagne und so. Da liegt das nahe. Das günstigste Bier was es einzeln also nicht als Dosen-24-Pack gibt, ist Paulaner Hefeweizen naturtrüb. Also das ist jetzt wirklich interessant. Ich kaufe irgendeinen Roséwein, im Angebot, statt 7,80 nur 5,50, das muss gut sein. Roséwein trint man ja hier unten ander Cote d'Azur wie Wasser und immerzu; woanders auf der Welt dann eher so gar nicht. Also mal gleich 3 Flaschen. Da die Einkaufswagen so gigantische, bullige Biester waren in der Dimension eines Autoscooterfahrzeugs, habe ich mich für einen kleinen Rally-Flitzer entschieden. Das ist ein Plastikkorb, den man aber in ein fahrbares Gestell klicken kann; ungemein wendig das Ding, was wichtig ist, wo doch eine gefühlte Million temporärer Mitbewohner der Grand Nation hier nach Essen-wie-Gott-in-Frankreich hecheln.
Ich geh' ganz gerne einkaufen und kenn mich ein bisschen aus mit den Strukturen eines Supermarktes, was mir hier hilft, denn das hier erinnert mehr an ein Raumschiff als an einen Laden; so gross wie die Enterprice, ehrlich. Wie viele Würste kann ein Land ertragen, so viele Ringsalami dass man damit eine Kette durchs Mittelmeer legen könnte. Aber: keine Einnahme tierischer Fette für mich bitteschön. Dankeschön. Weiter.
Perrier, das legendäre Wasser gibt es nur in Plastikflaschen. Was soll das denn jetzt? Perrier! Das ist doch DER Klassiker. Kommt gleich nach Champagner und gehört einfach dazu, das heisst auf den Tisch, wenn man schreibend oder rauchend oder essend auf seiner Terrasse sitzt. Aber Plastikflaschen? Ich kaufe also San Pellegrino. Du musst Deine Zielgruppe kennen, Herr Wasserbaron, sie verstehen. Aber dem Mop der Masse ist das wahrscheinlich egal. Auf nem Roller rasend, die Einkäufe ballancierend, ist Plastikflasche vermutlich der Gewinner der Sympathie. Bei mir eben nicht.
Auf zu den Pasten und Hummussen, dem Siegerflieger der Veganen und Veggiejünger. Muss es doch geben. Hier, am Mittelmeer stehen wir doch quasi schon mit halben Fuss in Nordafrika. Immerhin, tunesische Datteln, und davon gleich 57 Sorten, natur, klebrig, matschig, hart, gross, dick, klein und in Schokolade, die aber ja nicht für mich. Ich drehe die Packungen hin und her und lege sie immer wieder zurück, was den Regalauffüller ein bisschen aus der Fassung bringt, der gerade die Systematik seiner frisch angelegten Stapel gefährdet sieht. Tut mir leid, ich bin vegan, wir sind kompliziert, alles immer erstmal achtzehnmal angucken und anfassen. - Dann: endlich die Pasten und Taboules und Olivenavocadocremes gefunden. Gotcha.
Habe ich schon gesagt dass dieser Laden RIESIG ist? Ach so. Langsam habe ich den Grundstock meiner Ernährung für die kommenden Tage zusammen. Obst und Gemüse geht ja immer. Auch hier Quadratkilometer. Immerhin ist die Organic-Bio-Section wesentlich kleiner, ich bleibe also innerhalb der healthy Zone. Was mir irgendwie noch fehlt ist Öl. Butter geht ja nicht mehr. Und Gemüse soll nur in Verbindung mit Öl im Magen irgendwas freisetzten was gut für dich ist. Öl, wo zur Hölle ist denn bloss Öl? Das ist doch auch das Land der Vinegrette. Find' ich nicht. Nirgends. Rauf und runter. 5 Kilometer in die eine, dann wieder in die andere Richtung. Meinen Shopping-Racer habe ich um die Ecke geparkt. All die französischen Sauereien, also nicht die vom Schwein, sondern die Süssen, Torten, Tartlettes, Schokospielereien Kategorie Kalorie deluxe, die sind schwer zu umgehen. Geht aber dann doch. Noch immer kein Öl. Olivenerzeugnisse wo seid ihr bloss. Dann aber: Noch so ein Bioregal. Warum die, thematisch doch fast gleich, in verschiedenen Gegenden aufgebaut sind, erschliesst sich mir nicht sofort. Doch da gibt es bestimmt eine Consumer Strategie. Da dann Öl. Bio. Na umso besser. Mit meinem Öl in der Hand laufe ich wieder zurück. Ist das diesselbe Richtung aus der ich gekommen bin? Jedenfalls ist mein Einkaufskorbwagen weg! Häh? Kann doch jetzt nicht, oder? Vergebens. Hin und her, wie joggen ohne Route und Healthanalyse-App am verschmitzten Arm. Zero. Rien ne va plus, nichts geht mehr.
Ich verlasse das Raumschiff im Fluchtschritt, knalle mich in die erstbeste Bar und bestelle drei Bier pressure. Vegan gefiltert oder auch nicht ist doch jetzt auch schon egal.
Im Grunde interessiere ich mich ja nur bedingt für Werbung. Ich meine Werbung, wenn man den sonst keine Hobbies hat. Aber warum nicht? Ich ja auch interessant. Ist ja ein Phenomen. Erinnert sich noch jemand an die Werbejahrbücher die MAX, die damals legendäre Lifestyle-Zeitschrift, herausbrachte? Da waren alle Kampagnen drin, und die Macher, die wurden Kampagneros genannt und immer vorgestellt, Helden des Alltags, Helden des Glamour. Allesamt verantwortlich dafür, dass ganze Heere von verstreuten Schulabgängern in die Werbung wollten und sich die Kalauer um "was in den Medien machen" entwickelte. Ganze Generationen danach strömten in unbezahlte Praktika und einen Überstunden-Lifestyle. Kennen wir ja. Fanden wir alle cool; eine Zeit lang. Ich war da ja auch mittendrin. Diese Werbejahrbücher habe ich noch, von 1994, '95 und '96, als C&A noch dachte, mit grossen wie aus einem Traum stammenden Kampagnen, cool werden zu können. H&M hat das Rennen um die jungen Menschen dann aber trotzdem gewonnen. Geld verbrennen, Träume wachrütteln, von Lofts und Dachterrassenparties reden, alles Werbung. Bei meinem ersten Praktikum in einer grossen Düsseldorfer Werbeagentur war ich dann aber tatsächlich eher an eben dieser Dachterrasse interessiert als am eigentlichen Ausdenken von neuen Ideen für Produkte. Auch mochte ich die langen Gänge von wo aus in kleinen Zimmerchen immer ganz quirlig an Irgendwas gearbeitet wurde, alles junge Menschen, fast alle schön. Kennen wir alles. Lebendige Klischees. Und es gab einen futuristischen Raum, super Set-Design, in dem man, ohohohohoh, das INTERNET benutzen konnte. Die erste populäre Seite mit ausgezogenen Mädchen hiess damals Candy-List und man sah nur die bekloppten Lutscherschulmädchentitel und keine Vorschaubildchen und musste sich dann da durchklicken bis man was "Passendes" gefunden hatte. Egal. Und Chat-Rooms waren das ganz grosse neue Ding. Mit wildfremden Menschen in Kontakt treten und sich durch getippte Spitzfindigkeiten in sekundenschnelle interessant machen. Speeddating im Übungsmodus.
Jedenfalls war das Drumherum immer sehr reizvoll. Das Machen von Werbung selbst? Naja, ging so. Das war aber, glaube ich, auch nicht schlimm. Immerhin interessiere ich mich ja auch wieder nur bedingt für Mode und bin trotzdem ab und zu ein ganz gern agierender Modefotograf. Wie schon gesagt, wer sonst keine Hobbies hat, warum nicht?
Viele meine Freunde haben ihre Karrieren in der Werbung gemacht, sich davon Wohnungen, ganze Häuser und/oder Burn-outs gezimmert. Heute haben wir eine Menge davon überlebt soweit. Und darum feiern wir jetzt, in Cannes, ein bisschen herum wie mir scheint. Cannes, qui, qui, bien sur, Jeanette, Claudette, Florian, Fabian, Baguette, Rabbicorns und Soleil deluxe. Auf geht's.











