Das Abenteuer Annapurna Circuit hat begonnen, von ca 700 m will ich bis zum Thorung La - dem höchsten Pass der Welt - auf 5416 m wandern. Viele Kilometer und Anstrengungen aber auch wunderschöne Eindrücke warten auf mich. Hier also ein kleines Tagebuch.
Anreisetag. Von Pokhara begebe ich mich immer noch verschlafen nach Besi Sahar, dem Checkpoint für das Annapurna Areal. Es beginnt zu regnen und die geplante erste Wanderung fällt buchstäblich ins Wasser. Zu spät, um mit Sicherheit im Hellen in Bhulbhule anzukommen, befinde ich mich im Bus und lege die ersten 10 km relativ bequem und mit neuen sowie alten Bekannten zurück. In Bhulbhule (840 m) angekommen beziehen wir unser Quartier und essen erstmal. Viel gibt es nicht zu tun außer die erste Etappe zu planen.
Tag 1 - 14.10.
Bhulbhule (840) bis Syange (1095) - 15,4 km
Top motiviert begebe ich mich mit einem französischen und englischen Paar trotz leichtem Regen auf den Weg. Der Weg ist lange Zeit zugleich die Straße und teilt sich erst nach ein paar Stunden. Wir wandern durch Reisterrassen und Felder, passieren Dörfer und auch den ersten ACAP Checkpoint. Laut meiner Permit bin ich aus Australien. Auch gut. Wir essen das erste Mal Dhal Bhat - Linsen(Suppe) mit Reis, Curry und Pickles. Kraftnahrung vom Feinsten, vor allem, weil man soviel Nachschlag bekommt wie man will. Die erste Erkenntnis: die Regenjacke ist nicht wasserfest, ebensowenig wie der Regenschutz des Rucksackes. Etwas durchnässt geht es mit dem erworbenen Second Hand Regenschirm weiter und wir kommen am frühen Abend in Syange an. Es gibt nichts besseres als eine heiße Dusche (36 Grad!) und ein warmes Essen nach einem langen und verregneten Tag. Wie ich später erfahren soll ist WiFi ein wahrer Luxus auf dem Circuit, aber das ist ja schließlich Teil der Erfahrung.
Tag 2 - 15.10.
Syange (1095) bis Tal (1700) - 15 km
Etwas besser gegen den Regen ausgestattet haben wir uns auf den Weg nach Tal gemacht. Wohlgemerkt habe ich keinen Wanderurlaub im Salzkammergut, sondern in Nepal gebucht, der monsunartige Regen macht nicht viel Spaß. Die Kamera bleibt sicher verpackt im Rucksack und wir versuchen so schnell wie möglich voranzukommen. Der viele Regen verwandelt das Tal zur Gänze - der Fluss quillt fast aus seinem Bett, überall sind Wasserfälle und Bäche, die es zu überqueren gilt. Ein Balanceakt mitsamt Rucksack auf den Steinen von einer zur anderen Seite zu hüpfen. Die letzte Stunde vor Tal war fast unmöglich, der steile Anstieg hat sich in einen reißenden Fluss verwandelt und den Aufstieg zu einer nicht ungefährlichen Angelegenheit gemacht. Letztlich hat sich niemand verletzt und wir sind in Tal angekommen. Der Tagesplan hat jedoch vorgesehen nach Karte weiterzugehen. Am Ende des Ortes stehen wir also vor einem Wasserfall, der den Weg blockiert. Was tun? Wir entschließen uns DURCH den Wasserfall zu gehen und werden schließlich dennoch von einem dann doch zu reißenden Fluss aufgehalten. Spätestens nachdem wir das zweite Mal durch den Wasserfall gewandert sind waren wir komplett durchtränkt und waren über ein warmes Quartier und den Ofen in der Küche daher froh. Wann hört denn der Regen endlich auf? Müssen wir einen Tag Pause einlegen? Müssen wir gar abbrechen? Wir vertrauen darauf, dass es hilft auch den zweiten Teller Dhal Bhat brav aufzuessen, um die Götter zu besänftigen.
Tag 3 - 16.10.
Tal (1700) bis Danagyue (2300) - 12 km
Der Regen hat zum Glück aufgehört und so marschieren wir etwas später als sonst zum Ende des Tal- Tals. Der reißende Wasserfall ist nicht mehr existent, der unüberquerbare Fluss gleicht einem etwas größeren Bach. Soweit so gut. Trotzdem gilt es viele Flüsse und Wasserfälle zu überqueren, mit vollem Gepäck und immer am Rande des Abgrunds erfordert das viel Konzentration. Wenigstens kann ich endlich den Trek und die tolle Landschaft genießen, Fotos machen und auch einmal kurz innehalten. Der Weg ist zum Teil sehr steil und wir gehen die 600 Höhenmeter nicht nur einmal an diesem Tag. Wir kommen zu einer menschlichen Zeit in Danaque an und freuen uns über die heiße Dusche und vor allem über den im Speisezimmer aufgestellten Ofen. Der soziale Aspekt neben Fremden die Wandersocken und was sonst noch nass ist zu trocknen ist nicht zu unterschätzen. Die Gruppe erweitert sich um zwei Deutsche und ein kanadisch/japanisches Paar. Wir stehen also alle mit Tshirts, Socken, Unterwäsche und sonstigem rund um den Ofen und beobachten den aufsteigenden Dampf. Sämtliche Wanderschuhe reihen sich um die heiße Feuerstelle und ich schaffe es zwei Löcher in meine Wandersocken zu schmelzen. Die verwende ich besser nur noch abends. Bleibt also ein paar Socken für ca 8 Tage.
Tag 4 - 17.10.
Danaque (2300) bis Chame (2700) - 11,5 km
Unsere komplette Wäsche ist nun trocken und die Schulterlast deutlich geringer. Die Wasserflaschen aufgefüllt und die Rechnung bezahlt. Der nächste Ort ist Timang auf mehr als 2800m, wir legen in einer Stunde unfassbare 500 Höhenmeter zurück, der Aufstieg über Wurzelwerk und Waldboden kann nur mit Zuhilfenahme der Hände absolviert werden. Oben angekommen finden wir uns in fast mitteleuropäischer Landschaft wieder. Wälder mit Nadelbäumen und Farnen, die Berge schauen auch wie bei uns aus und der Geruch von leicht feuchter Walderde scheint auch sehr bekannt. Die Vegetation ist sehr abwechslungsreich, wir werden noch viele weitere Klimazonen und der damit verbundenen Flora und Fauna durchqueren. Die schwer beladenen Sherpas, die Gebetsflaggen sowie -mühlen machen einem schnell wieder bewusst, dass wir uns in Nepal befinden. Viele Höhenmeter auf- und abwärts landen wir im etwas stärker entwickelten Chame und ziehen in ein nettes aber sehr kaltes Guesthouse. Wir haben erstmals seit Tagen Wifi, wenn auch nicht gratis (5 rs pM ergibt 2,25€ die Stunde). Die heiße Dusche ist zumindest warm, jedoch ist selbst eine extra heiße Dusche sinnlos, wenn man nachher wieder ins Freie muss. Wohlgemerkt bei ca 10 Grad und Regen, wir befinden uns ja im Gebirge.
Tag 5 - 18.10.
Chame (2700) bis Upper Pisang (3310) - 16 km
Der Regen hat spätabends aufgehört und die Wolken waren am Morgen zum Großteil verschwunden, um den Blick auf Annapurna II freizugeben. Der Weg führt uns immer noch entlang eines Flusses gemächlich in höhere Gefilde, die Landschaft ändert sich wieder drastisch. Wir passieren drastische Felsformationen und -wände, machen eine Pause bei einer Apfelfarm, genießen den langsamen aber steten Aufstieg und landen schließlich in Upper Pisang. Der Ort ist schnuckelig und wir beziehen unser Quartier. Erstmals spüre ich die Höhe, habe leichte Kopfschmerzen und fühle mich müde. Meine Beine sind in top Zustand und ich war viel zu schnell unterwegs, bin gut 1 1/2 Stunden vor den anderen angekommen. Ich beschließe den nächsten Tag langsam anzugehen und bewusst nur mit halbem Tempo zu marschieren.
Tag 6 - 19.10.
Upper Pisang (3310) bis Brakha (3459) via Ghyaru (3660) - ca 25 km
Immer noch nicht topfit lasse ich mich heute nicht zu Leichtsinn verleiten und gehe langsam. Etwas was nicht zu meiner Persönlichkeit passt, aber ich will kein Risiko eingehen und wirklich krank werden oder gar den Trek abbrechen müssen. Von Upper Pisang gibt es einen leichten Weg, der jedoch praktisch an der Straße entlangführt oder den höheren Weg, der deutlich länger und anstrengender ist, aber auch besser zur Akklimatisation beiträgt. Ich fühle mich wie eine Schnecke und krieche mit wenn überhaupt 2 km/h den Berg hinauf. Gut 500 Höhenmeter und fast 2 Stunden später befinden wir uns auf über 3800m. Die Luft ist dünn. Die Aussicht unfassbar schön. Der Wind bläst. Der Nieselregen nervt. Erstmals trage ich freiwillig 3 Schichten und kurzweilig sogar meine dünnen Handschuhe. Nach vielen Stunden und Kilometern machen wir einen Dhal Bhat Einkehrschwung, um fit für die letzten 2 Stunden bis Brakha zu sein. Die letzten 5 Kilometer sind surreal, die Landschaft scheint wie von einem anderen Planeten zu sein. Wir haben unser Quartier dann doch (noch) nicht in Manang (3540) aufgeschlagen und sind also hier im Internet- und telefonfreiem Brakha.
Tag 7 - 20.10.
Brakha (3459) bis Manang (3540) - Akklimatisation # 1
Sidetrek zum Chongor Viewpoint (ca 4000) - ca 10 km?
Heute ist ein gemütlicher Tag, wir spazieren zum Kloster in Brakha und genießen die Aussicht auf den Annapurna III. Brakha und Manang ist voller Bäckereien - so eine Zimtschnecke kann schon was nach einer knappen Woche wandern. Manang ist sehr belebt, es gibt viele Hotels, Bäckereien, Kinos (!) und Geschäfte, die alles feilbieten, was ein Trekker potentiell kaputt machen, verlieren oder sonst benötigen kann. Nachdem wir ein Zimmer mit privatem Bad und lauwarmer Dusche (nicht so prickelnd) gefunden haben, das langsame Internet ausprobiert haben und uns mit Snacks aus der hoteleigenen Bäckereien eingedeckt haben, begeben wir uns zum Viewpoint. Über den Fluss und vorbei an einem traumhaften eisblauen See erwartet uns der Garabunga Gletscher und ein traumhafter Ausblick auf das Tal von Manang, den Gletscher selbst und die Berge ringsum. Die Landschaft gleicht einer Filmkulisse und ich fühle mich wie in einem Star Wars Film. Gut 200 Höhenmeter über dem Viewpoint ist die Luft etwas dünner, es beginnt zu schneien und die Schneefallgrenze ist in Sichtweite. Wir beschließen das Höhentraining für heute abzubrechen und kehren zurück nach Manang. Der Vortrag über AMS und die damit verbundenen Höhenkrankheuten ist sehr informativ, mein Sauerstoffgehalt im Blut wird gemessen - 93% ist sehr gut! Ich fühle mich topfit und habe null Anzeichen von AMS. Morgen legen wir dennoch einen weiteren Tag “Pause” ein, um uns bestens zu akklimatisieren.
Tag 8 - 21.10.
Manang (3540) Akklimatisation # 2
Sidetrek zum Ice Lake bzw. Viewpoint (ca 4500) - ca 22 km
Um uns bestens auf den Pass vorzubereiten, probieren wir den Trek zum Ice Lake (4600). Das Wetter ist erstmals seit dem Start wunderschön, die Sonne scheint, der Himmel ist wolkenfrei und strahlend blau. Wir sehen erstmals das Annapurna Massiv, Annapurna 3 und 4, Gangapurna und Tilicho Peak. Von Brakha wandern wir in Summe 4 1/2 Stunden und gute 1000 Höhenmeter Richtung Kilcho Lake. Die Aussicht ist fantastisch und ich habe erstmals das Gefühl im Himalaya zu sein. So ein Aufstieg ist anstrengend, vor allem, wenn man zuwenig Wasser mit hat. Eine halbe Stunde und nur ca 100 Höhenmeter vor dem Ziel will mein Körper dann nicht mehr und reagiert mit Schwindel, ich fühle mich müde. Ich kehre schweren Herzens aber klaren Verstandes um und werde von einem nepalesischen Guide den Berg heruntergeleitet. Ich fühle mich müde wie seit Tagen nicht mehr und trinke binnen kürzester Zeit 2 Liter Wasser. Wenn die Elektrolyte nicht mehr salzig schmecken, ist der Körper eindeutig dehydriert. Nach der ersten Dusche seit Tagen und der ersten richtig heißen Dusche seit einer Woche fühle ich mich gleich besser. Dank des schönen Wetters funktioniert die Solar Anlage endlich!
Tag 9 - 22.10.
Manang (3540) bis Yak Kharka (4050) - 9 km
Was tun. Noch einen Tag in Manang verbringen und es uns gut gehen lassen uns von den Tagen zuvor ausruhen. Oder weiterziehen gen Thorung La, um der Mission Passüberquerung einen Schritt näher zu kommen. Ich fühle mich immer noch sehr müde und will am liebsten nicht aus dem Bett. Natalie ist auch nicht in Hochform und ist ebenso unschlüssig. Letztlich beschließen wir es langsam anzugehen und unsere Zelt in Manang abzubrechen. Wir machen uns auf den Weg nach Yak Kharka und ziehen bei Kaiserwetter am Annapurna und Gangapurna Massiv vorbei, die Landschaft wird immer karger und die Bäume verschwinden zur Gänze. Übrig bleibt eine Mondlandschaft und fantastische Felsformationen. Wir sind schon sehr spät dran und kommen im Dunkeln an. Von unseren französischen Freunden fehlt jede Spur. Es gibt kein Zimmer mehr für uns. Eine Tasse Masala Tee später sind wir beruhigt, das Hotel hat für uns ein Zimmer organisiert (ein Porter und Guide haben ihr Quartier für uns aufgegeben und schlafen im Speisezimmer). Erstmals fallen die Temperaturen unter den Gefrierpunkt. In unserem “Zimmer” ist es genauso kalt wie draußen - voll bekleidet im Schlafsack und unter einer Decke kann ich dank Wärmeflasche dennoch relativ gut schlafen. In dieser Höhe schläft es sich aber ohnehin nicht mehr so gut.
Tag 10 - 23.10.
Yak Kharka (4050) bis Thorung Pedi (4430) - 7 km
Um nicht wieder ohne Quartier dazustehen, verlassen wir schon relativ früh unser Lager (wenn man 9 Uhr noch als früh bezeichnen kann). Alles ist gefroren und wir haben erstmals mehrere Schichten beim Wandern an. Sobald die Sonne in das Tal einfällt ist es fast schon heiß, kurzärmlig geht es also weiter. Der Weg ist nicht zu anstrengend, der Ausblick ist spitzenklasse. Natalie fühlt sich nicht gut und entschließt sich kurz vor Thorung Pedi umzudrehen. Das letzte Stück marschiere ich also alleine, der Weg ist schmal und nicht ungefährlich. Thorung Pedi besteht quasi aus 3 Hotels, als ich ankomme ist alles ausgebucht. Einziger Trost: selbst wenn ich 2 Stunden früher dran gewesen wäre, hätte es kein Zimmer mehr gegeben. Ich muss also wie viele andere im Speisesaal übernachten - ungeheizt und sehr kalt. Die Freude ist enorm. Ein Grund mehr die Passbesteigung am nächsten Tag anzugehen!
Fotos und Details zur Passüberquerung folgen gesondert!