Christoph Menke: Aesthetics of Equality / Ästhetik der Gleicheit. DOCUMENTA (13) 100 Notes – 100 Thoughts No. 010:
„Hitler sagt: Es gibt in der Politik nur zwei Möglichkeiten. Entweder man ist Faschist. Dann weiß man: Für alle reicht es nicht. Es war nie genug da für alle, nicht genug an Gütern, Raum, Zeit, Freiheit, und es wird nie genug da sein für alle. Es wird immer zu wenig sein, um alle zu speisen, unterzubringen, zu berücksichtigen. Also muss man unterscheiden. Man muss zwischen denen unterscheiden, die teilnehmen, weil sie wie wir sind, und denen, die nicht teilnehmen, weil sie – kulturell, ethnisch, technologisch, ökonomisch oder sonst wie – nicht wie wir sind; die also nicht teilnehmen können, weil sie nicht können. Zwischen uns, für die es reicht, ja unter denen es vielleicht für alle gleichermaßen reichen soll, und denen, für die es nicht reicht, zu unterscheiden, heißt, so Hitler, Faschist zu sein. Aber, so sagt Hitler auch, man muss nicht nur wissen: für alle reicht es nicht, und deshalb zwischen uns und denen, die nicht Teil von uns sein können, unterscheiden, man muss sich vor allem und vorweg von denen unterscheiden, die nicht so unterscheiden. Das sind die Kommunisten. Der Kommunist weigert sich, zwischen uns und den anderen zu unterscheiden. In seinem Unterscheiden zwischen uns und den anderen unterscheidet sich der Faschist von dem nichtunterscheidenden Kommunisten. Der Faschist kämpft für die Unterscheidung gegen die Kommunisten, die für die Nichtunterscheidung kämpfen. Der Faschist glaubt, dass der Kommunist nicht unterscheidet, weil er zu schwach ist. Kommunismus, so meint der Faschist, ist Unterscheidungsvermeidung aus Unterscheidungsschwäche. Aber der Kommunist unterscheidet auch. Der Kommunist sagt: KEINER ODER ALLE. Entweder – Oder: Entweder es reicht für alle oder keiner gilt irgendetwas; ein Drittes gibt es nicht. Für den Kommunisten ist der Faschist der Unterscheidungsschwache. Denn er trifft nur eine schwache Unterscheidung: eine Unterscheidung, die von den ökonomischen Bedingungen des Endlichen diktiert ist. Faschismus ist die letzte Konsequenz des Ökonomismus. Der Kommunist dagegen trifft in seinem Sichunterscheiden vom Faschisten eine starke Unterscheidung: die Unterscheidung zwischen einem Zustand, in dem alle zählen, und jedem anderen Zustand. Denn jeder andere Zustand ist ein Zustand der Subtraktion: wir = alle minus x. Für den Kommunisten ist es gleichgültig wie groß x ist. Wenn x größer als null ist, ist der Zustand „alle minus x“ für den Kommunisten nicht ein Zustand, in dem wenigstens – und immerhin! - noch einige, vielleicht sogar viele zählen und damit besser als nichts, sondern ein Zustand der so gut (oder schlecht) ist, als ob keiner zählte. Für den Kommunisten gibt es kein Mehr oder Weniger. Es gibt nur Alle oder Keiner. Es gibt nur das Unterscheiden oder die Gleichheit. (...)“














