Manchmal kam man zu spät. Das gehörte zum Job dazu. Aber als Klaus Schalavsky am Tatort ankam, kniete Inspektor Bienert noch neben dem unbeweglichen Körper, fluchend und mit dieser verzweifelten Hoffnung ausgestattet, die Wespe hoffentlich niemals ganz verlieren würde.
Nur der Arzt konnte jemanden für tot erklären. Deshalb drückte man weiter, selbst wenn der Verstand wusste, dass es da nichts mehr zu retten gab.
Wespes Hemd war voller Blut. Vorher war es gelb-schwarz gestreift gewesen, ein älteres Stück, das der Inspektor gerne trug und zu seinem Spitznamen passte. Jetzt war es rot. Der Junge hatte im Todeskampf offensichtlich nach ihm gegriffen, hatte Wespe ein Hemd aus Blut verpasst.
„Ich übernehme“, sagte Schalavsky und streifte die Einmalhandschuhe über, denn das war das Einzige, was er tun konnte. Weiterdrücken, bis die Notärzte eintrafen. Bis sie sagten, dass es da nichts zurückzuholen gab.
Wespe schlang die Arme um den Oberkörper und beugte sich nach vorne. Er stiess einen erstickten Schrei aus und Schalavsky zog sich das Herz zusammen. Am liebsten hätte er über den stillen Körper gegriffen, hätte Wespe zu sich gezogen, doch jetzt musste noch weitergearbeitet werden, egal wie sehr er sich jetzt lieber um Wespe gekümmert hätte.
Die Notärzte trafen drei Minuten später ein. Und Schalavsky packte Wespe am Arm, zog ihn hoch und führte ihn weg.
Der Inspektor zitterte am ganzen Körper. Adrenalin pumpte ihm zweifellos noch durch jede Ader und Schalavsky spürte die Anspannung unter seiner Hand. Deshalb griff er noch beherzter zu und führte Wespe weiter, immer weiter. Weg von dem toten Jungen, nicht einmal so alt wie TKKG. Hatte Wespe zum ersten Mal realisiert, dass es eines Tages auch einer von ihnen sein könnte?
Eine weitere Notärztin kam angerannt. Schalavsky wollte Wespe schon loslassen, ihn ihr überlassen, doch Wespe griff nach seinem Handgelenk. Schalavsky sah verblüfft nach unten, dann in Wespes Gesicht.
Wespe sah ihn aus grossen, flehenden Augen an. Lass mich nicht allein, schrie dieser Blick, der eiserne Griff um das Handgelenkt. Schalavsky nickte überrumpelt und beschloss, stehen zu bleiben.
Wespe zog den Pullover und die Hosen aus, stopfte sie in einen der Müllsäcke. Er warf die Einmalhandschuhe weg, die er sich übergestreift hatte, Schalavsky seine auch. Wespe wusch sich das Gesicht mit dem mitgebrachten Wasser, dann die Arme und nahm schliesslich von der Notärztin mit einem knappen Nicken ein Set Wechselklamotten entgegen, zog die grauen Jogginghose und das graue Shirt an.
Fremd sahen diese Farben an Wespe aus. Aber genauso fremd war dieser apathische Gesichtsausdruck, diese starren Augen. Und Schalavsky verfluchte sich dafür, dass er auch nur für eine Sekunde überlegt hatte, Wespe allein zu lassen.
„Kommen Sie“, sagte er, nachdem die Notärztin mit ihrer Untersuchung fertig war und Wespe mit einem Nicken entlassen hatte.
Wespe liess sich auf die Beine ziehen und lehnte sich sogleich gegen Schalavsky. Dieser tätschelte ihm etwas unbeholfen die Schulter und führte ihn dann sanft weg. Zu seinem Polizeiauto, etwas abseits gelegen.
Einsatzleiter war Kommissar Wimmel, dem Schalavsky mit Handzeichen zu verstehen gab, dass er sich um Wespe kümmern würde. Wimmel bestätigte ihm das mit einem Daumen nach oben. Dann sah der Kommissar wieder zu dem Haus, wo gerade von den Notärzten auf einer Bahre ein schwarzer Leichensack herausgetragen wurde. Schalavsky beeilte sich, sich umzudrehen, damit er sicher gehen konnte, dass Wespe nicht zurückblickte. Doch der Inspektor sah auf seine Schuhe, die Schultern gesenkt, als würde ihn die letzten Stunden physisch niederdrücken.
„Alles in Ordnung?“, fragte Schalavsky und verzog sogleich das Gesicht. Wie dumm. Natürlich war es nicht in Ordnung.
Wespe würdigte die Frage auch mit einem freudlosen Lächeln, das mehr etwas von einer Grimasse hatte.
„Das meinen Sie aber jetzt nicht Ernst, oder?“, gab er matt zurück.
Schalavsky wusste nicht ganz, was er sagen sollte, weshalb er Wespe zu der Beifahrerseite führte. Doch noch bevor er die Tür hätte öffnen können, legte Wespe sich die Hände auf die Oberschenkel, lehnte sich nach vorne und machte ein würgendes Geräusch, als müsse er sich übergeben. Schalavsky zuckte zusammen und griff instinktiv nach Wespe, stützte ihn. Wespe ging in die Knie und Schalavsky folgte ihm, sein Herz wild pochend. Sollte er nach den Notärzten rufen?
Wespe nahm ihm die Entscheidung ab, indem er ihn umarmte. Schalavskys Atem stockte und das nicht nur, weil Wespe ihn mit seinen - doch recht starken - Armen so umschlang, als möchte er ihn zerdrücken. Er hob die Schultern etwas, damit er Wespes eisernen Griff lockern konnte, damit er sich mit dem Rücken gegen das Polizeiauto hocken konnte, Wespe mit sich ziehend.
Wespe presste sein Gesicht gegen Schalavskys Hemd und Schalavsky sah in dem Zucken seiner Schultern, dass er weinte. Schalavskys Herz zog sich bei diesem Anblick zusammen und er konnte nichts anderes tun, als seine Arme um Wespe zu legen und ihn festzuhalten.
Es war nichts Neues für ihn, er hatte das schon oft gesehen. Schock. Manchmal kam er sofort, manchmal verzögert, manchmal mit Tränen, manchmal mit Wut. Einige rissen sich die Haare aus, andere lachten, wieder andere zogen sich zurück, sprachen kein Wort. Ertränken ihre Sorgen Stunden später in Alkohol oder drückten das Gaspedal des Autos durch.
Er hatte nicht gewusst, wie Wespe reagieren würde. Noch nie hatte er Wespe blutbefleckt gesehen.
Schalavsky war nicht sonderlich gut darin, Menschen zu trösten. Die richtigen Worte fand er nur selten. Er stellte lieber sicher, dass andere gar nicht erst in diese Situationen kamen. Dann halt lieber selbst den Kopf herhalten, selbst einen Schlag kassieren, selbst die Verwesung und den Tod riechen.
Wespe verstärkte den Griff, drückte sich gegen Schalavsky, als ob er mit dessen Körper verschmelzen möchte. Als wären Schalavskys Arme irgendwie ein Schutzschild gegen das, was er gerade gesehen hatte. Deshalb griff Schalavsky noch fester zu, zog Wespe zu sich, so dass Wespe wieder fast in seinem Schoss sass, so wie er es damals während ihrer Undercovermission getan hatte.
Hinter ihnen, hinter dem Polizeiauto wuselten Kollegen herum, doch alles geschah ohne Hast. Mit Blaulicht war eine Ambulanz davongefahren, eine weitere langsamer gefolgt. Dennoch war Schalavsky, als wäre das alles meilenweit entfernt. Jetzt in diesem Moment existierte in Schalavskys Welt nur der weinende Wespe.
Schalavsky schloss die Augen und vergrub sein Gesicht in Wespes Haaren. Nahm eine Hand hoch und strich ihm beruhigend über den Kopf. Das schien richtig, denn langsam verebbten die Schluchzer, das Zucken der Schultern nahm ab, Wespes eiserner Griff wurde etwas sanfter.
“Geht’s?”, fragte Schalavsky leise und strich Wespe über den Hinterkopf.
“Besser”, krächzte Wespe matt. “Sorry, ich rotz Ihnen das Hemd voll.”
“Schon gut”, murmelte Schalavsky. Noch einmal strich er Wespe durch die Haare und der Inspektor drückte als Antwort seinen Kopf gegen Schalavskys Brust. Wie lange sie so sitzen blieben, wusste Schalavsky nicht, doch langsam beruhigte sich Wespes Atem.
Gerne wäre Schalavsky weiter so dagesessen, hätte Wespe noch ewig sanft durch die Haare gestrichen, um diese Dämonen fernzuhalten, doch sein rechtes Bein schlief langsam ein.
“Können Sie aufstehen?”, fragte er deshalb.
Wespe nickte. Dennoch schien er fast etwas widerwillig das eine Bein über Schalavsky zu schwingen. Schalavsky liess sich von Wespe auf die Beine ziehen und klopfte sich die Hosen sauber. Dann liess er Wespe in das Auto einsteigen und setzte sich selbst auf die Fahrerseite.
Sie waren gerade von dem Platz gefahren, als Wespe sich leise räusperte.
“War es nicht!”, konterte Schalavsky, so vehement, dass Wespe verdutzt zu ihm hinübersah. “Es ist gut, dass Sie das rauslassen können”, sagte er schliesslich.
“Es geht jetzt hier gerade nicht um mich”, sagte Schalavsky sachlich und warf Wespe einen bedeutungsschweren Blick zu. “Geht es Ihnen gut?”
“Den Umständen entsprechend”, antwortete Wespe, doch Schalavsky glaubte ihm das nicht ganz, zu forciert war sein Lächeln, zu leer dieser Blick.
“Möchten Sie mit der Psychologin sprechen?”
“Nein”, sagte Wespe, schärfer als beabsichtigt, denn er setzte ein leiseres “das muss ich nicht”, hinterher.
“Sind Sie jetzt mein Vater?”
“Würde der Sie denn zum Psychologen schleifen?”
Jetzt lachte Wespe und Schalavsky war, als würde ihm bei diesem Geräusch ein Stein vom Herzen fallen. Jetzt lächelte Wespe und dieses Mal wirkte es schon fast ehrlich.
“Dann fahre ich Sie nach Hause”, bestimmte Schalavsky.
“Nein”, antwortete Schalavsky. “Morgen können Sie auch noch Ihre Aussage machen. Ich informiere Glockner.”
Schalavsky tat dann auch genau das. Der Funkspruch war kurz, Glockner verständnisvoll.
“Dann bis Morgen, Bienert. Passen Sie auf ihn auf, Schalavsky. City 21 Ende.”
“City 7 verstanden. Ende.”
“Haben Sie das gehört? Sie sollen auf mich aufpassen. Also sind Sie wohl doch zu meinem Vater aufgestiegen”, wiederholte Wespe, fast schon etwas stichelnd.
Schalavsky hätte zu einem anderen Zeitpunkt wohl geseufzt, die Augen verdreht. Aber in diesem Moment war er einfach nur so erleichtert darüber, dass Wespe nicht mehr weinte, dass er einfach nur fein lächelte. “Befehl von oben”, sagte er. “Dem muss ich wohl Folge leisten.”
“Dann kutschieren Sie mich jetzt nach Hause? Auf Aufforderung von Glockner hin?”
“Für Sie würde ich das auch sonst tun”, murmelte Schalavsky abgelenkt, denn er hatte gerade einen Radfahrer im Blick, der sich nicht ganz sicher war, ob er jetzt links oder rechts abbiegen sollte.
Wespe musterte Schalavsky überrascht, dann lächelte er sanft. Beides bemerkte Schalavsky nicht, denn er sah konsequent auf die Strasse. Schliesslich sah Wespe aus dem Seitenfenster, legte die Stirn gegen das Glas und schloss die Augen.
Schalavsky wusste, wo Wespe wohnte. Er hatte ihn schon zweimal für einen Einsatz von dort abholen müssen. Aber während diesen Fahrten hatte Wespe die Stille immer mit Gesprächen und Witzen gefüllt, auch wenn Schalavsky sich damals gewünscht hatte, er würde doch bitte etwas weniger reden. Jetzt sehnte er sich nach dem redseligen und witzelnden Wespe, denn der ihm war tausendmal lieber als dieser nachdenkliche Wespe, der jetzt gerade neben ihm sass. Schalavsky wusste jedoch selbst auch nicht, was er denn sagen sollte, um diese Stille in dem Auto zu durchbrechen, weshalb er schwieg. Und wieder war er sich bewusst, dass das zweifellos falsch war.
Sie kamen bei Wespes Wohnung an. Wespe blinzelte und wandte Schalavsky dann langsam den Kopf zu. “Kommen Sie noch schnell mit rauf?”
Da war etwas seltsames in seiner Stimme, das Schalavsky aufhorchen liess, ihn in Alarmbereitschaft versetzte. Deshalb nickte er. Folgte Wespe in den zweiten Stock.
“Sind Ihre Mitbewohner nicht da?”, fragte Schalavsky, als Wespe die dunkle Wohnung aufschloss.
“Nein. Beide fürs Wochenende weggefahren.”
Schalavsky folgte Wespe in die Wohnung und kaum hatte er die Tür hinte sich geschlossen, als Wespe ihn auch schon packte, gegen die Tür drückte und küsste.
Schalavsky war darüber so verdutzt, dass er zunächst gar nicht reagierte. Dann schloss er die Augen und liess sich von der Sensation treiben, genoss das Gefühl von Wespes Lippen auf seinen, von den Händen in seinem Hemd. Eine Sekunde, nur eine Sekunde, liess er sich treiben. Doch dann holte ihn die Realität ein und er stiess Wespe von sich weg.
Der Inspektor stolperte rückwärts, fing sich wieder und starrte Schalavsky dann an.
„Das ist eine dumme Idee“, sagte Schalavsky schliesslich in die drückende Stille.
Die Verwirrung auf Wespes Gesicht machte einem Ausdruck Platz, den Schalavsky am besten als Welpe-der-gekickt-wurde beschrieben hätte.
„Wenn Sie nichts von mir wollen, ist das okay“, sagte Wespe und seine Stimme klang roh und blutend. „Aber hören Sie auf, mir solch verwirrende Signale zu senden.“
„Ich…“, begann Schalavsky, doch er wusste nicht weiter. Wespe ballte eine Faust an seiner Seite und seine Stimme klang belegt als er weitersprach.
„Sie legen mir die Hand auf den Oberschenkel und rennen dann weg, Sie umarmen mich, streichen mir über den Rücken, berühren mich, dann stossen Sie mich weg. Dann kümmern Sie sich um mich, halten mich, fahren mich nach Hause… Hören Sie auf, mir gottverdammt nochmal Hoffnung zu machen!“
Die letzten Worte hatte Wespe lauter gesagt als beabsichtigt und schien etwas überrascht über sich selbst zu sein. Schalavsky starrte ihn seinerseits an.
„Das ist das Trauma“, sagte er beschwichtigend. „Sie wollen nicht…“
„Herrgott!“, stiess Wespe genervt aus, was Schalavsky sogleich verstummen liess. Wespe raufte sich frustriert die halblangen Haare und machte sie damit noch wilder als sonst. „Hören Sie auf, mich zu bevormunden! Hören Sie auf, mir Worte in den Mund zu legen! Was, wenn ich Sie küssen will? Schon seit langem? Und ich dachte… dass Sie auch…“
Wespe sprach nicht weiter. Stattdessen sah er zur Seite, tat einen tiefen Atemzug. Schalavsky starrte ihn an, dieses so vertraute Gesicht, das jetzt ganz ungewohnte Emotionen präsentierte. Schmerz, Enttäuschung, Resignation.
Wespe wollte ihn also küssen. Schalavskys Herz tat einen Sprung bei diesem Gedanken.
„Ich bin zu alt für Sie“, wiegelte er trotzdem ab, sein Rücken immer noch gegen die Tür gelehnt. Gegen die Wespe ihn vor einigen Minuten noch gedrückt hatte. Was, wenn Schalavsky das zugelassen hätte, die nervige Stimme in seinem Inneren niedergerungen? Wären Sie dann schon in Wespes Schlafzimmer?
Wespe schnaubte missbilligend. „Da ist es schon wieder!“, beklagte er. „Keine klare Antwort. Drücken Sie sich nicht so umständlich aus, Herr Kollege! Das ist eine Ja Nein Frage, keine wissenschaftliche Abhandlung.“
Jetzt spürte auch Schalavsky, wie Wut in ihm aufstieg. Wespes Gefühlswelt mochte simpler sein als die von Schalavsky, wurde nicht von den gleichen Stürmen heimgesucht.
„Wir arbeiten zusammen, es gibt so etwas wie eine Dienstordnung“, konterte Schalavsky.
Wespe lachte bitter und verwarf die Hände. „Ja genau, die ach so heilige Dienstordnung! Ihr Schwert und Ihre Rüstung! Dahinter können Sie sich verstecken, denn was nicht sein darf, ist nicht, oder wie? Mann, ich will doch bloss eine Antwort von Ihnen, von Klaus Schalavsky, nicht von Kommissar Schalavsky!“
Aber diese beiden Männer waren untrennbar miteinander verbunden, einer der andere. Und momentan versuchten beide, den jeweils anderen zu ersticken, obwohl es ihr eigener Untergang bedeutete.
„Warum ich?“, brachten beide Schalavskys schliesslich hervor, eine Frage, die ihm schon seit Ewigkeiten auf der Zunge brannte. Eigentlich seit Wespe ihm das Wasser gebracht hatte. Das Eis gekauft.
Die Frage schien viel von der Wut zu verpuffen, die Wespe noch vor einigen Sekunden gespürt hatte. Stattdessen nistete sich jetzt ein verdutzter Ausdruck auf seinem Gesicht ein.
„Warum ich?“, wiederholte Schalavsky, immer noch das solide Gewicht der Tür im Rücken. „Sie könnten so viel Bessere haben. Warum jemand wie ich? Ich weiss doch, dass ich ernst bin, auf die Dienstordnung poche… Es gäbe tausende, ach was, Millionen, die besser für Sie wären. Sie haben jemand besseres verdient!“
Wespe starrte ihn an, als ob ihm ein zweiter Kopf gewachsen wäre. Und jetzt, da Schalavsky diesen Damm gebrochen hatte, konnte er die Worte nicht mehr zurückhalten. „Sie sind so clever, so jung, so… so voller Lebenslust. Sie lassen sich nicht vorschreiben, wie Sie zu sein haben. Einer wie ich würde Sie doch bloss runterziehen. Wie… wie könnte ich Ihnen das antun?“ Er sah zur Seite. „Egal, wie sehr ich es vielleicht möchte.“
Schalavsky sah aus den Augenwinkeln die Bewegung. Sah, wie Wespe einen Schritt auf ihn zumachte. Spürte, wie sein Gesicht in sanfte Hände genommen wurde, wie Wespe seinen Kopf drehte und ihn zwang, ihm ins Gesicht zu sehen.
Wespes Blick aus braunen Augen war sanft, verständnisvoll und irgendwie auch… traurig.
„Sie denken, Sie verdienen mich nicht?“, fragte er leise.
Schalavsky wusste darauf keine Antwort. Stattdessen starrte er bloss in Wespes Augen. Die Wärme der Hände benebelte seine Sinne. Trotzdem nickte er.
„Als ich es realisiert habe, dass ich mich in Sie verliebt habe (Schalavskys Atem stockte bei dem Wort verliebt), da dachte ich mir schon Nein, warum er?‘“, begann Wespe. Schalavsky schnaubte freudlos, doch Wespe verstärkte den Griff nur noch. „Vielleicht haben wir oberflächlich nicht viel gemeinsam. Aber… Sie sind treu. Gewissenhaft. Sie tun, was getan werden muss, vielleicht nicht ohne sich ordentlich auf dem Weg dorthin zu beschweren, aber Sie tun es! Sie bleiben Ihren Prinzipien treu und Sie sind so verdammt aufopferungsvoll!“ Jetzt griff Wespe zu, als möchte er Schalavsky nie wieder loslassen. Zwischen seinen warmen Händen behalten für den Rest der Zeit. „Sie stellen sich selbst an letzte Stelle, weil Sie denken, dass das Ihre Pflicht verlangt. Aber bitte, bitte, opfern Sie sich nicht selbst, nur weil Sie denken, es sei das Richtige. Verdammt, Sie sind doch nicht Atlas!“
Schalavsky war darüber so verdutzt, dass er Wespe einfach nur anstarrte. „Sie kennen den Mythos von Atlas?“
Jetzt lachte Wespe und das Geräusch wärmte Schalavskys Herz. Wespes Griff wurde sanfter, seine Daumen strichen über Schalavskys Wangen.
„Kommissar Schalavsky sagt, das sei gegen die Dienstordnung“, murmelte Wespe. „Aber was sagt Klaus?“
Klaus sagte gar nichts. Klaus lehnte sich nach vorne und küsste Wespe.
Wespe seufzte gegen seine Lippen, zog ihn mehr zu sich herunter, griff nach seinem Gesicht, als möchte er Schalavsky davon abhalten, wieder einmal davonzurennen.
Schalavsky dachte immer noch, dass das eine dumme Idee war. Dass er Wespe eigentlich nicht küssen sollte, dass er jetzt vorhin ein Machtwort hätte sprechen sollen. Ein besserer Mann hätte das wohl getan. Aber verdammt, Schalavsky wollte Wespe küssen. Wollte die warme Haut wieder unter seinen Fingern spüren, wollte ihm diese grässlichen Kleider, die nicht zu ihm passten, ausziehen und jeden Quadratzentimeter Haut kartographieren, bis er sie auswendig kannte.
Er zog an Wespes Pullover und Wespe unterbrach den Kuss nur widerwillig, damit Schalavsky ihm das Kleidungsstück hastig abstreifen konnte.
„Sie verlieren keine Zeit“, murmelte Wespe atemlos, aber er klang nicht unzufrieden. Im Gegenteil sogar. Schalavsky antwortete nicht. Eigentlich hatte er schon viel zu viel Zeit verloren. Hatte sich in seinem Leben schon so viele Dinge nicht gestattet. Hätte auch seine Gefühle für Wespe nicht zugelassen, wenn Wespe nicht so hartnäckig geblieben wäre. Deshalb presste er dankbar seine Lippen gegen Wespes Hals. So wie er es im Nachtclub am liebsten getan hätte. So wie er es in seinen viel zu vielen schwachen Momenten vorgestellt hatte, zu tun.
„Tiefer“, mahnte Wespe ihn und schob Schalavskys Kopf etwas weiter. „Sonst hat Glockner morgen Fragen.“
Schalavsky brummte bestätigend. Vielleicht hätte der Gedanke an Glockner ihn aus dieser Situation herausreissen sollen. Dieses Mal tat er es jedoch nicht, stattdessen küsste er Wespes Schulter, fuhr mit seinen Händen über Wespes Rücken, den er schon einmal so unter den Fingern gespürt hatte. Damals hatten sich die Berührungen gestohlen und hastig angefühlt. Jetzt waren sie langsam, bewusst.
Wespe wollte das, wollte ihn! Schalavsky beschloss, für einmal selbstsüchtig zu sein und dieses Geschenk anzunehmen, es gegen seine Brust zu drücken und wie ein trotziges Kind nicht wieder hergeben zu wollen. Wespe hätte einen anderen verdient, dennoch, dennoch, ausgerechnet ihn auserkoren. Und Schalavsky würde verdammt sein, wenn er zuliess, dass Wespe seine Wahl bereute.
Wespe zog ihm das Hemd aus der Hose, nestelte hastig an den Knöpfen, presste einen Kuss gegen Schalavskys Ohr, gegen die Wange.
„Ich hätte Sie im Club küssen sollen“, murmelte Wespe keuchend, Knopf um Knopf mehr Haut offenbarend. „Mit dem Bart. Ich frage mich immer noch, wie der sich anfühlt.“
„Ich kann mir wieder einen stehen lassen“, gab Schalavsky zurück, während er mit den Händen über Wespes Seite fuhr, was den Inspektor wohlig erschaudern liess. „Dann wissen Sie’s.“
Wespe brummte zufrieden. Dann zog er auffordernd an Schalavsky. Eindeutig. Hungrig. Schalavsky liess sich bereitwillig mit sich ziehen.
Als Wespe ihn auf das Bett schubste, auf ihn kletterte, da umschlang Schalavsky ihn. Drückte Wespe gegen sich, genoss die Wärme, die durch seine Haut zu dringen schien, sein Herz umschloss und seinen ganzen Körper fiebrig warm werden liess.
Wespe küsste ihn noch einmal, sanfter, als Schalavsky es in dieser Situation erwartet hätte.
“Ich werde mein bestes geben, damit du das nicht bereust”, murmelte Wespe. Schalavsky hätte beinahe gelacht. Hatte er nicht etwas ähnliches vor einigen Minuten gedacht? Deshalb griff er Wespes Gesicht und küsste ihn noch einmal. Versuchte die kleine, nagende Stimme in seinem Hinterkopf zu ersticken, die nie ganz Ruhe zu geben schien.
Und als Wespe seine Hand tiefer wandern liess, zugriff, da war es in Schalavskys Kopf endlich einmal still. Zurück blieb nur Wespe.