a.m. homes - may we be forgiven
Vor 10 Wochen habe ich meine Magisterarbeit abgegeben, in der ging es um amerikanische Literatur, von Frauen geschrieben, und Wahnsinn. Während der Bearbeitungszeit las ich viel, theoretische Texte und Primärliteratur. Nach der Abgabe war ich lesemüde. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren und das einzige, was ich las, war ein deutscher Unterhaltungskrimi, ähnlich wie eine Folge einer mittelmäßigen Serie. Der Unterhaltungswert war vorhanden - gesehen, gelacht, vergessen. Gelesen, gelacht, vergessen. Aus unerfindlichen Gründen war ich es leid, nach Büchern zu suchen. Ich habe oft gelesen, was mir zugetragen wurde, in der Schule, der Uni, von Freunden und Familie, und selten habe ich das Risiko auf mich genommen ein Buch von einem mir unbekannten Schriftsteller zu kaufen. Was, wenn ich es nicht mag? Geld in den Sand gesetzt und die Enttäuschung, sich in den nächsten Tagen nicht mit einem Buch zu verkriechen.
Der letzte Besuch bei einem großen Buchhandel war also ein kleines Abenteuer. Das erste Buch nach der großen Arbeit - es sollte unterhalten, aber auch Tiefgang haben. In der recht limitierten Sektion der englischsprachigen Literatur fand ich ein Taschenbuch, grün und dick, extrem kleine Schrift. Auf dem hauseigenen Hinweisschild wird auf einen Literaturpreis hingewiesen. Wichtiger für mich, auf der Rückseite ein Vergleich mit Jonathan Franzen und Siri Hustvedt. Hustvedt ist für mich wichtig. What I loved war im Englisch-Leistungskurs eine der eindrücklichsten Lektüren meines Lebens und auch ihre anderen Romane, wenn auch mehr oder weniger lesbar als WIL, trugen immer Elemente in sich, die mir den Eindruck gaben, dass die Bücher für mich geschrieben waren und von mir handelten - ein überaus egozentrischer Gedanke, aber die Geschichten berührten mich. Zurück zum Thema, die Nennung von Hustvedt lies mich das Buch kaufen.
May we be forgiven ist eine Familiengeschichte. Harry und George sind Brüder, wobei Harry (Erzähler) der verstaubte, emotionslose, von R.M. Nixon besessene Professor ist und George der rücksichtslose, gewalttätige Erfolgsmensch. Ein Vorfall führt dazu, dass Harry Georges Platz einnimmt und über diesen Rollenwechsel gezwungen wird, sein eigenes Leben neu zu ordnen. Es geht um den American dream, um die Rolle von Geschichte, der Vergangenheit und der Zukunft, um Schicksal und Zufall, um Liebe und Hass und um die wiederkehrende Erkenntnis, dass Pläne und vorgefasste Meinungen meistens zu Staub zerfallen, sobald man bereit ist sich auf das Hier und Jetzt einzulassen. Glaubt man an postmoderne Literatur, so findet man in May we be forgiven genau das, allerdings leichter und heller als die düsteren Versionen der Nachkriegszeit. Wo sich andere Autoren vorher mit den unfassbaren Grausamkeiten des Zweiten Weltkrieges auseinandersetzten, wird in May we be forgiven gezeigt, wie Harry als Individuum seinen Platz in einer ihm vorher gänzlich unbekannten Gemeinschaft findet und sich diese Gemeinschaft gleichzeitig nur mit seinem Zutun bilden kann. Angst wird ausgelöst durch Verlust und mangelndes Vertrauen in die Fähigkeit des Menschen, sich neuen Umständen zu stellen. Der Roman endet ein Jahr nach Beginn der Geschichte und hat ein leicht klischeehaftes Happy End.
Der Roman ist unterhaltsam, lustig, traurig und tragisch zugleich. Meiner Meinung nach ist er Hustvedts Summer without men und Sorrows of an American näher als WIL und gleichzeitig fehlt May we be forgiven ein Teil von Hustvedts Tiefgang, was dem Roman keinesfalls schadet.
Höchst lesbar und erhebend!
A.M. Homes - May we be forgiven, 2012, Granta Publications, London, 480 S.