Tag 122
Living on a Horsefarm in Rajasthan
Kapil ist 25 Jahre halt. Heute, am 10. Juni, feiert er seinen 5. Hochzeitstag. Stolz zeigt er mir die Bilder, die er für seinen heutigen Status auf WhatsApp zusammengestellt hat. Seine Frau wird er heute nicht sehen. Sie wohnt mit ihrem 3-jährigen Kind In Kapils Heimatdorf, das ca. 3 Motorradstunden entfernt ist. Kapil arbeitet mittlerweile seit fast 4 Jahren auf der Farm von Dhramaveers nicht weit entfernt von der Stadt Nathdwara im Süden Rajasthans. Dhramaveers, der Besitzer der Farm, ist sehr zufrieden mit Kapils Arbeit. Er ist zuverlässig, kommt gut mit den Pferden zurecht und die paar wenigen Gäste, die so wie ich immer mal wieder auf der Farm stranden, mögen ihn. Kapils Englischkenntnisse sind basic und die Verständigung nicht ganz einfach, dennoch habe auch ich ihn von Anfang an in mein Herz geschlossen. Er strahlt eine unglaubliche Offenheit und Wärme aus. Kapil liebt seinen Job. Besonders die Arbeit mit den Pferden. Das war nicht Immer so. Anfänglich hat er oft versucht mit einer strengen Hand die Pferde unter zu Kontrolle zu bekommen. Heute weiß er, dass er mir Sanftmut und Ruhe viel schneller ans Ziel kommt und die Pferde wesentlich entspannter sind. Jetzt plant er sogar sich ein eigenes Pferd anzuschaffen. Ein Tanzpferd, dass er Zuhause in seinem Dorf für Hochzeiten und Zeremonien vermieten will. Das bringt viel Geld ein und Platz haben sie Zuhause genug. An seinem Job mag er außerdem, dass er immer wieder die Möglichkeit hat Ausländer kennen zu lernen. Dafür bekommt er bei seinen Freunden viel Anerkennung. Dennoch ist der Job auf der Farm nicht immer leicht. Morgens um 6 Uhr aufstehen Tiere versorgen, Ställe ausmisten, Grünfutter ernten, Getreide für die nächste Pferdemahlzeit kochen, Hunde und Hühner füttern und so weiter bis in die späten Abendstunden. Zusammen mit dem 16-jährigen Hirah schläft er auf der Farm. Urlaub gibt es eigentlich nicht und da sein Dorf ziemlich weit entfernt ist, sieht er seine Frau und Tochter meistens nur 1-2 Mal im Jahr. Aber er beschwert sich nicht, die Arbeitsbedingungen sind dennoch gut. Er mag Dhramsa seinen Arbeitgeber und lernt viel von ihm und je länger er bleibt, desto mehr kann er verdienen. Mittlerweile ist er bei einem Monatsgehalt von 9000 Rupien ankommen. Das entspricht ca. 115 €.
Hirah, der seit 3 Monaten auf der Farm ist und Kapil bei seiner Arbeit unterstützt hat es da schon einfacher seine Familie zu besuchen. Sein Dorf ist nur eine halbe Autostunde entfernt. Seit ein paar Tagen hat Hirah Urlaub bekommen. Der wohl wichtigste Tag in seinem Leben, seine Hochzeit, steht bevor und dafür muss noch einiges organisiert werden. Kapil beschwert sich, dass Hirah deswegen ständig an seinem Handy hängt. Die Frau, die er heiraten wird, ist erst 12 Jahre alt und so wie überall in Indien ist auch dies eine arrangierte Ehe. Aber das ist ganz normal und die Jungs machen den Anschein, dass sie damit glücklich sind. Sie mögen Ihre Frauen und ganz nach indischen Stil sind gemeinsame Fotos mit Herzen und Rosen und „I muss u“ versehen. Auch wenn es ganz normal ist, dass vor allem die Männer aber auch die Frauen nach Eintritt der Ehe ihr Liebschaften haben. Aber der Ehepartner ist ein Partner fürs Leben. Man kennt sich schon von Kindesbeinen an, ist im gleichen Dorf aufgewachsen und die Familien sind befreundet und bewegen sich meistens in den gleichen Kreisen. Neben Kapil und Hirah kommt außerdem der 35-jährige Devilal zweimal am Tag auf der Farm vorbei. Morgens und abends melkt er die Kuh, was nach eigener Erfahrung ganz schön viel Händedruck bedarf. Außerdem ist er noch für den Anbau und die Ernte des Grünfutters zuständig, dass die Pferde hier täglich frisch bekommen. Devilal spricht kein einziges Wort Englisch. Trotzdem ist er sehr bemüht, schenkt mir immer nochmal was von seinem Chaitee nach und zeigt mir auf seinem alten Motoroller-Handy Fotos. Diese sind zwar aufgrund der schlechten Auflösung sehr verpixelt, sehen aber dafür aus wie Gemälde.
Die acht Pferde (Marotti, Dragram, Nirjila, Money, Rangoli, Jegeti und Ganga) sind das ein- und alles von Dhramsa. „Die Tiere sind meine allerbesten Freunde und haben mir aus der ein oder andern Krise geholfen“ erzählt er mir an einem unserer ersten Abende als wir gemeinsam bei einer Flasche Bier und Whiskey auf dem Paddock sitzen. Und seine Arbeit und seine gute Beziehung zu den Pferden ist auch der Grund, warum ich mich entschieden habe 3 Wochen an diesem abgeschiedenen Ort mitten in Indien zu verbringen. Was ich, als ich diesen Entschluss gefasst habe, etwas unterschätzt habe, ist die Hitze in Indiens Sommer. Auch Dhramsa war ziemlich beeindruckt als er meine Anfrage erhalten hat. 3 Wochen im Sommer, dass ist schon nicht ganz ohne. Denn schon ab 8 Uhr knallt die Sonne erbarmungslos vom Himmel und die Temperaturen steigen um die Mittagszeit gerne auf 45 Grad. Dabei weht zum Glück meisten ein trockener Wind, der nach Sand und getrocknetem Gras riecht.
Hinzukommt, dass ich eigentlich damit gerechnet hatte, hier ordentlich mit anzupacken und so die Tage mit einfacher, aber harter Farmarbeit zu verbringen. Aber schon auf unserer Fahrt zu Farm berichtet mir Dhramsa, dass ich keinen Finger rühren muss. Es ist dafür viel zu heiß und außerdem bin ich eine Frau und die körperliche Arbeit nicht gewöhnt. Ich soll mich einfach entspannen und ausruhen. Bei diesen Worten gehen bei mir die Alarmglocken an. Wie nichts tun? Drei Wochen ausruhen? Ich? Das schaffe ich niemals. Und die ersten Tage ziehen sich wie Kaugummi. Die meiste Zeit verbringe ich in meinem einfachen Zimmer und vertreibe mir die Zeit mit lesen, Amazon Prime Serien und vor mich hindösen. Durchbrochen von gemeinsamen Chai Tee- und Essenspausen, den abendlichen Besuchen von Dhramsa und meine Runden, die ich mit dem Pferd Ganga über den Paddock kreise. Da es tagsüber so heiß ist, ist dies erst ab 18 Uhr möglich und schnell wird diese Zeit so meinem Highlight des Tages. Dennoch fällt mir die Anfangszeit auf der Farm ganz und gar nicht einfach. Dhramsa hatte zwar zu Beginn alle möglichen Pläne gemacht, was wir in dieser Zeit so alles unternehmen werden, aber schnell realisiere ich, dass hier Worte und Taten nicht immer korrespondieren und so werden nicht selten an einem Tag Pläne gemacht und am nächsten Tag nicht mehr darüber gesprochen. Meine erste Woche ist daher viel von Frust geprägt und die Zeit auf der Farm meine wohl größte Herausforderung auf der Reise. Irgendwann fange ich aber dann an zu kapitulieren, lasse jegliche Kontrolle und alle Erwartungen hinter mir und schaue mir an was passiert und wie es meistens so ist, wenn man aufhört zu kämpfen, geschehen ganz unerwartet schöne Dinge und man fängt an zu entspannen und zu genießen und es sind die kleine Dinge, die ich immer mehr zu schätzen lernen. Wie die morgendliche Chai-Runde mit den Jungs in dem kleinen Zimmer von Kapil und Hirah, die frischgeschlüpften Küken beim Heranwachsen zu beobachten, die Streicheleinheiten mit den Pferden und die abendlichen Gespräche mit Dhramsa über das Leben, die Kultur Indiens und seine Pläne für die Zukunft der Farm. Und dann in Woche drei bin ich auf einmal angekommen und fühle mich richtig wohl. Ich genieße die täglichen Routinen auf der Farm, koche gemeinsam mit Kapil Chapatis, Sabji und Dhal, begleite Dhramsa bei Einkäufen und dem Besuch von Freunden und verbringe die Nächte unter der Sternenhimmel auf der Dachterasse meiner Hütte und zudem habe ich immer noch ganz viel Zeit für mich. Zeit die ich auf einmal und nach einem heftigen Kampf genießen kann.
Und an meinem vorletzten Tag, entschließt sich Dhramsa ganz spontan ein kleines Fohlen zu kaufen, dass mit seiner Mutter auf der Farm einzieht und ich bin besänftigt.