@schrott-fuer-alle
Er war ein Künstler, dessen war er überzeugt. Kunst - Wie sonst sollte man es nennen, sich innerlich angeekelt und darauf bedacht ja niemanden in der stinkenden Kneipe zu berühren, aber äußerlich aufreizend wie immer und mit seinem lasziven Trademark-Lächeln durch die Menge zu schlängeln? Auf Elysium hatte sich Schauspiel wie dieses zumindest bezahlt gemacht, obwohl dort niemand klebrige, roststaubbedeckte Hände hatte, die ihm seinen perlweißen Anzug ruinieren konnten. Hier herrschten stark erschwerte Bedingungen und trotzdem konnte er froh sein, wenn man für seine Tanzeinlagen und … gewisse andere Dienstleistungen ein abgestandenes Glas Plörre übrig hatte. (Natürlich war das nur eine dramatische Hyperbel um seiner Misere Ausdruck zu verleihen, aber auf Elysium hätte man für das Geld auch mehr nicht bekommen.)
Als er es endlich fertig gebracht hatte sich ohne all zu schlimme Zerrungen bis zur Bar vorzukämpfen ließ er sich (nachdem er das Taschentuch aus seiner Brusttasche geangelt und es auf den fleckigen Sitz gelegt hatte) auf einen Hocker fallen. Der Wirt beäugte ihn skeptisch ob seiner auffällig un-deponianischen Kleidung und verzerrte noch skeptischer das Gesicht, als Flori ihm nur verspielt zuzwinkerte.
“Ein Glas Kaktussaft, bitte~”, flötete er dem leicht verstörten, alten Mann zu und lehnte sich dann etwas zurück, während jener sich kopfschüttelnd in ein Hinterzimmer verzog.
Natürlich hatte er Geld bei sich, aber er legte es nicht drauf an selbst zu bezahlen. Ein paar Stühle weiter saß eine kleine Gruppe beschwipster Männer, die sicher das nötige Kleingeld in der Tasche hatten, aber erfahrungsgemäß waren die Deponianer etwas … konservativer eingestellt. Bei Männern hatte er bis jetzt nur Erfolg gehabt, wenn er sie abgesondert von ihren testosteronsprühenden Kameraden erwischt hatte.
Aber heute war es ihm nicht danach, sich im Männerklo auf die Lauer zu legen. Stattdessen fiel sein Blick auf eine junge, rothaarige Frau zwischen ihm und den gröhlenden Typen. Sie sah auch nicht unbedingt aus als würde sie ihr Haus mit Goldbarren bauen, zudem war es immer etwas schwieriger aus Frauen ein paar Zlotti zu leiern, da sie es meistens nicht ganz so nötig hatten, aber das machte es ja nur interessanter.
“Entschuldigen Sie”, sprach er die Fremde, charmant wie eh und je an. “Ich glaube Sie haben da etwas hinterm Ohr …”
In der innigen Hoffnung nicht den Arm gebrochen zu bekommen strich er ihr ganz “zufällig” über die Wange, während er aus ihren Strähnen eine leicht mitgenommene Plastikblume hervorholte. Das arme Ding hatte zwar schon etwas gelitten, aber Deponianer schienen nicht wirklich Standards zu haben, was Pflanzen anging. Mit einer schnellen Handbewegung ließ er sie wieder verschwinden. Auf Elysium hatte er haufenweise gehabt und war damit auch sehr freigiebig gewesen, aber leider war das hier seine letzte und er konnte es sich nicht wirklich leisten sie einfach so zu verschenken.
Sie hatte schon mehr als genug von dem Tag. In der Werkstatt wollte Ein Kunde nicht bezahlen, ein anderer meinte, dass er ihre Arbeit besser machen könnte und blickte ihr ständig über die Schulter bis sie ihn wütend aus dem Raum gejagt hat um in Ruhe die Maschine weiter zu reparieren.
Und nun, war Terry hier, in der abgeranzten Bar vom anderen Ende der Straße. Prof sagte ihr, es wäre wieder Zeit unter Leute zu gehen. Noch ein Pluspunkt für ihren Tag. Yay. Ihr Plan war es einfach nur etwas zu trinken und dann wieder heim zu gehen. Ihr Blick war auf ihr Glas Plörre gerichtet und ihre Gedanken waren überall außer beim Geschehen. Terry wurde jedoch wieder zum Boden der Tatsachen gezogen als sie von einer ungewohnt charmanten Stimme angesprochen wurde. Bevor sie antworten konnte strich der Mann ihr übers Gesicht und zauberte förmlich eine Blume hervor. Bis dahin sah sie noch nicht sehr beeindruckt aus doch dieser Trick hat sie überrascht.
“Wie zur–?”, murmelte sie leise vor sich mit leicht geweiteten Augen bevor sie sich schnell aufraffte und den rothaarigen Fremden fokussierter ansah. “Wollen Sie etwas?”, fragte Terry und musterte ihn streng während sie noch einen Schluck Plörre trank. Er sah zu mindest nicht aus wie jeder zweite zwielichtige Typ dem man sonst überall begegnet.
Flori begegnete dem überraschten Blick der Deponianerin mit selbstsicherem Stolz, aber irgendwo auch Erleichterung, dass sein erster Annäherungsversuch auf so vergleichsweise positive, zumindest nicht negative Resonanz traf. Auf diesem Drecksplaneten war es ihm auch schon anders ergangen - Seine Angst vor einem gebrochenen Arm kam nicht von irgendwo.
“Nur ein nettes Gespräch”, antwortete er betont unschuldig und stützte sich mit dem Ellenbogen auf die Theke. Seine Intentionen waren in etwa so subtil wie sein Äußeres. “Tut mir Leid dich so zu überrumpeln, aber ich musste dich einfach ansprechen. So hübsche Mädchen sind hier unten fast ‘ne Rarität ... Du kannst mich übrigens Flori nennen, wenn ich deinen Namen auch erfahren darf.”
Gott bewahre dem armen Idioten der hier nachher den ganzen Schmalz wegwischen musste. Wenn er zumindest nicht so abgestanden wäre, aber Flori schien noch nicht ganz begriffen zu haben, dass die Supermarktkassen-Schnulzenroman-Masche nur bei Elysianerinen in der Midlife Crisis zog.
Inzwischen hatte sich auch der Wirt bequemt und knallte ihm ein eingestaubtes Glas mit trüber, grüner Flüssigkeit vor die Nase. “Kein Schirmchen?”, scherzte der Rothaarige - Keine Reaktion - und begann durch einen spröde aussehenden Strohhalm zu schlürfen.













