Lessons learned - Was hat der heiße Sommer der Wissenschaftskommunikation bisher gebracht?
Wo steht die Wissenschaftskommunikation in Deutschland, was ist ihr Ziel, wozu nützt sie, wie kann sie schieflaufen, kann sie schaden? Selten haben wir so intensiv und kontrovers über unseren Beruf diskutiert wie in diesem Jahr. Mir als Public-Relations-Expertin für die Wissenschaft gefällt, dass wir jetzt auf unserem eigenen Feld hinterfragt und herausgefordert werden. Was kann uns denn Besseres passieren, als die Möglichkeit zu erhalten, unsere Arbeit zu überprüfen und zu belelgen?
Die Akademien und namhafte Stiftungen befassen sich mit unseren Themen, Aufgaben und den dafür relevanten Rollen, sogar am Rande mit unserer Rolle. Aber selbst dort, wo wir ignoriert werden, hinterlässt dies deutliche Spuren in der anschließenden Diskussion.
Ich finde es vor allem stark, dass wir endlich auf einer Diskursebene angekommen sind, in der wir nicht nur über das Funktionieren bestimmter Maßnahmen, Kampagnen und Strategien reden und uns ständig selbst optimieren, sondern über die Metathemen und die gesellschaftliche Relevanz unserer Arbeit.
Noch aufregender finde ich, dass es nicht „nur“ um Wissenschaftskommunikation geht, sondern auch um die Wissenschaft selbst, die sich an den Ansprüchen der Wissenschaftskommunikation reibt und sich von ihr abgrenzt.
Diese Debatte ist gut für unsere Wissens- oder Wissenschaftsgesellschaft, und ich bin jedem dankbar, der dazu beigetragen hat, vor allem der Toepfer-Stiftung, der Volkswagenstiftung, den Akademien und der ZEIT. Und auch denen, die – sachlich und emotional – ihre Meinung eingebracht haben, wie Josef Zens.
Ich möchte, nachdem ich es spontan nach der Lektüre der aktuellen Beiträge von Joachim Müller-Jung, Holger Wormer, Josef Zens (und heute Martin Schneider) getwittert habe, aus der Sicht der Wissenschafts- und Hochschul-PR begründen, wie die Diskussion uns schon heute weitergebracht hat und warum sie noch längst nicht beendet sein sollte. Als Wissenschafts-PR-Experten und im Siggener Kreis jedenfalls werden wir an diesen Themen weiterarbeiten
Was wissen wir bisher, und was haben wir gelernt?
Wir haben gelernt, wie tief die Ressentiments und das Unwissen (gegen)über unserer Tätigkeit bei einigen Wissenschaftlern sind. (Hat uns das überrascht? Allein dass hier ausgerechnet Kommunikationswissenschaftler das Wort führen, ist schon erstaunlich.) Wir wissen also auch, dass wir hier etwas tun müssen, im Sinne von Jens Rehländers Appell „redet miteinander“.
Wir wissen, dass sich die Wissenschaftskommunikation in den letzten Jahren rapide verändert hat. Die Stellenausstattung ist in den meisten Einrichtungen deutlich gestiegen (Ausnahmen gibt es natürlich, vor allem an Hochschulen). Hier sind wir uns wohl einig. Aber insgesamt haben wir nur ein sehr diffuses Bild von der Lage. Wir wissen nicht, wie viele Stellen es insgesamt in Deutschland gibt, wo sie angesiedelt sind (zentral oder dezentral) und mit welchen Aufgaben sie sich befassen. Wir wissen, dass wir, zuallererst die Wissenschafts-PR-Experten, aber auch die Gesellschaft, die Steuerzahler, daher dringend eine undabhängige und wissenschaftlich fundierte Bestandsaufnahme brauchen.
Wir haben darüber gesprochen, dass nicht nur unser Berufsstand sich verändert hat. Auch die Gesellschaft hat sich verändert. Dazu haben wir Thesen aufgestellt und Erfahrungen geteilt. Diese können und sollten wir nun vertiefen und validieren. Das Grundvertrauen in Wissenschaft ist abhandengekommen. Klar haben zu keinen Zeiten alle Menschen an die Wissenschaft geglaubt. Das hat aber früher die Entscheidungsprozesse der politischen Eliten nicht wesentlich beeindruckt. Heute ist das anders. Wenn große Teile der Bevölkerung bestimmten Technologien oder wissenschaftlichen Ansätzen nicht vertraut, wird es schwierig mit der Förderung. In dieser Welt können sich neben Entscheidungen auch Kommunikationsfehler erheblich gravierender auswirken können als noch vor zehn bis fünfzehn Jahren.
Wir haben auch Thesen darüber aufgestellt, dass die Sozialen Medien mehr als nur ein Kanal mehr sind (bzw. ein weiteres Kapitel) und unsere Gesellschaft in einer neuen Dimension gleichzeitig abbilden und prägen. Und dass sich daraus andere Anspruchshaltungen unserer Dialoggruppen ergeben und daraus wiederum andere und anspruchsvollere Anforderungen an die Kommunikation.
Wir haben gelernt, dass es viele Möglichkeiten gibt, wie Wissenschaftskommunikation scheitern oder/oder fehlleiten kann. Und dass wir als Wissenschafts-PR-Akteure dabei eine erhebliche Mitverantwortung tragen. Wir werden nun darüber nachdenken, was das bedeutet und wie wir besser damit umgehen können.
Wir haben sehr gute Argumente dafür gefunden, dass wir auch bei noch so professioneller Wissenschafts-PR nie auf die unabhängigen Medien verzichten können.
Eins noch: Frank Marcinkowski und Matthias Kohring haben dargelegt, dass Kommunikation schaden kann, weil sie inzwischen auf die Entscheidungsprozesse und Abläufe in Forschung und Lehre zurückwirkt. Kann es sein, dass wir über diese wichtige These noch nicht hart genug verhandelt haben?
In unserer berechtigten Empörung über ihr saturiertes Selbstbild als Wissenschaftler haben wir m.E. noch nicht gut genug hingeschaut. Stehen wir hier wieder mal als Strohpuppen für unsere Leitungen und ein betriebswirtschaftlich geprägtes Management, für das wettbewerbsorientierte Fördersystem und die Wissenschaftspolitik in der Kritik? Geht es um Stellen und Ressourcen?
Oder steckt dahinter tatsächlich die Angst, die (institutionelle) Kommunikation könnte als solche tatsächlich so mächtig geworden sein, dass sie an der Unabhängigkeit der Wissenschaft kratzen kann? Das wäre interessant. Wie auch immer sich diese Unabhängigkeit definiert – sie ist ein Wert, für den es sich zu streiten lohnt – auch vor dem Hintergrund der Demokratisierung des Systems.
Wir lernen. Das finde ich bemerkenswert. Ich finde es, wie Joachim Müller-Jung, auch wunderbar schirrmacherhaft.