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Trink den Rauch
Ein besessener Botaniker entfesselt düstere Kräfte durch eine vergessene Pflanze, die das Gleichgewicht der Welt bedroht.
Von Amandus94. Lektoriert und korrigiert von Lektorat Dunkelfunkel.
Dezember – Februar 2004
Seit du ein kleiner Junge bist, träumst du vom Ruhm. Dein Studium der Archäobotanik absolvierst du an der privaten Carl-von-Linné-Universität. Die weltweit größte Sammlung an botanischer Fachliteratur in der hiesigen Bibliothek überzeugt dich, die wilden Jahre deines Lebens in einem kalten, verschlafenen Städtchen zu verbringen. Du steckst viel Zeit in Fachliteratur von Bauhin, Sukatschow und Brunfels. An einem Dezembernachmittag, kurz vor Weihnachten, rettest du dich vor einem Blizzard in ein Café. Bei kräftigem handgefiltertem Kaffee und Kirschstreuselkuchen vom Blech lernst du eine junge Frau kennen. Zimtbraunes, leicht gewelltes Haar, blasse Haut wie frisch gefallener Schnee – gepaart mit dem Verstand einer Katherine Esau. Aus einer zufälligen Begegnung wird ein zweites Treffen. Im Tropenhaus bei schwülen siebenundzwanzig Grad verfallt ihr in stundenlange Gespräche über Riesenbäume und ihre Rolle als Schlüsselarten im Ökosystem.
Du bist verliebt und ihre studentische Nebentätigkeit als Aufsicht in der Bibliothek ist für dich eine willkommene Gelegenheit. Wochenlang verbringst du jede freie Minute mit ihr. Deine Auffassung von Romantik ist das gemeinsame Lesen von Literatur um Mitternacht und in einem vertrauten Moment spürt sie deine Obsession und führt dich in den Saal der Heiligtümer, errichtet 1770. Neun aufwendig geschnitzte Figuren zieren die Regale. Du musst Pantoffeln und Handschuhe anziehen, um die teils jahrhundertealten Schriften nicht zu zerstören. Im einfallenden Mondlicht studierst du die historischen Dokumente, Aufzeichnungen und Bücher deiner Helden. Zwischen zwei Einbänden findest du einen Zettel, der dich besonders fasziniert. Mit Federkiel und Eisengallustinte schrieb Domingo Diaz im Jahr 1492 seine Anmerkungen auf gewöhnliches Papier.
Beobachtung zur schwarzen Pflanze (La Navidad, Hispaniola, 1492)
Die Ureinwohner zünden mit Feuer zusammengerollte Blätter an und trinken den Rauch. Ihre Augen werden dann schwer und sie verfallen in Trance. Nach einigen Stunden sind sie wieder bei Sinnen und berichten davon, mit den Geistern ihrer Vorahnen im Wald gewesen zu sein. Die Blätter der Pflanze nennen sie Kohiba und sie sind normalerweise grün. In der Mitte ihres Dorfes wächst eine Pflanze, die anders ist. Sie ist schwarz wie eine sternenlose Wüstennacht und sie hat riesenhafte Blätter, die dicke Adern besitzen. Die Ureinwohner scheinen sich vor der Pflanze zu fürchten, niemand darf sie berühren. Ich habe mich erkundigt, wovor sie Angst haben, doch sie zeigen nur auf den Boden und dann auf Pflanzen, Büsche und Bäume, mit weit aufgerissenen Augen.
Juan hat sich letzte Nacht hinausgeschlichen und hat die kastaniengroßen Samen aus der Blüte der gefürchteten Pflanze genommen. Sie sind hart und haben eine netzartige Oberfläche. Juan hat die Samen in einen Keramikkrug gepackt und mit Harz versiegelt. Er möchte sie in unserer Heimat anpflanzen.
Am Mittag kamen vier Männer aus dem Dorf und wollten von Juan die Samen zurück. Er wurde beim Diebstahl beobachtet. Er hat sich geweigert. Drei Speere durchbohrten gleichzeitig sein Herz. Wir haben ihn aus den übrig gebliebenen Brettern des Schiffes einen Sarg gezimmert und im Schutz des Baumes mit den Weintrauben in die Erde gelassen. Gott sei seiner Seele gnädig.
Die Ureinwohner haben die schwarze Pflanze vernichtet. Unser Verhältnis ist stark angespannt, sie scheinen uns die Schuld dafür zu geben.
Zusammen rätselt ihr, welche Pflanze gemeint sein könnte. Ihr stellt gegenseitig Vermutungen an, nur damit sie der andere unmittelbar mit Fakten widerlegt. Nach drei Wochen ist der kalte Winter vorbei und neue Kurse stehen an. Du spezialisierst dich auf Ritualpflanzen, die junge Frau untersucht die biologische Intelligenz der Natur. Die gemeinsame Zeit wird seltener und der Abstand größer. Sie gibt dir einen Kuss auf deine glattrasierte Wange. Diese Geste an einem Dienstag im Februar fühlt sich nach Abschied an. Als sie einen Moment unaufmerksam ist, steckst du dir den einseitigen Bericht aus der Bibliothek in deine Umhängetasche.
Juni 2012
Kurzmeldung, Seite 4 aus dem Fernando Observer
Walnut Creek. Die Feuerwehr und Notdienste wurden am frühen Abend zur Gärtnerei von Elita Allister gerufen. Seismometer verzeichneten auf ihrem mehrere Hektar großen Anwesen ein starkes, kurzes Erdbeben. Bei Eintreffen der Einsatzkräfte fanden diese einen außergewöhnlich dichten Pflanzenbewuchs vor. Pflanzen und Pilze wuchsen stellenweise brusthoch und mussten mit speziellem Gerät entfernt werden. Im Epizentrum der Bodenbewegungen konnte ein mannbreites Senkloch identifiziert werden, das sofort gesichert wurde. Bei näheren Untersuchungen durch Spezialisten wurde die Tiefe auf mehrere hundert Meter geschätzt. Von Elita Allister fehlt jede Spur, wenngleich befürchtet werden kann, dass sie Opfer des unerwartet entstandenen Erdfalls wurde.
Oktober 2013
Lange bist du ein Suchender. Dein einziger Hinweis auf eine bisher unentdeckte Pflanzenart sind die Zeilen aus dem 15. Jahrhundert. Keine Fossilien, keine weiteren historischen Aufzeichnungen. Dein Drang, als Entdecker von dem Titelblatt des Botanical Journal zu lächeln, treibt dich an. Du stellst etliche Anträge, doch keiner ist bereit, ein Projekt auf dieser Grundlage zu unterstützen. Mehrere Jahre lebst du von deinem kleinen Lohn als wissenschaftliche Assistenz. Nachts mixt du in Bars Cocktails.
Mit einer Vortragsreihe über Ritualpflanzen und deine damit verbundenen Selbstexperimente verdienst du schließlich genug Geld. Deiner Expedition nach Haiti, dem heutigen westlichen Teil von Hispaniola, steht nichts mehr im Wege.
Die junge Frau ist zu dem Zeitpunkt bereits Teil deiner Vergangenheit. Du hast mit dem Gedanken gespielt, sie anzurufen, zu fragen, ob sie das Abenteuer mit dir zusammen wagen möchte. Du hast ihren Namen in Suchmaschinen eingegeben und da war sie, lächelnd vor ihrer eigenen Gärtnerei auf einer Farm im Westen des Landes, mit Ehemann und zwei Kindern.
Nach einer beschwerlichen Reise in einem Linienflugzeug mit nur dreißig Sitzplätzen kommst du im Nordosten Haitis an – der Wiege der Neuen Welt. Als 1492 Christoph Kolumbus mit seiner Mannschaft an Weihnachten Schiffbruch erlitt, errichtete er hier die erste Kolonie, La Navidad. Du mietest dir einen alten Land Rover und beziehst eine bescheidene Unterkunft im Arrondissement Acul-du-Nord. Dein Apartment ist über einer kleinen Lagerhalle, in der dein Vermieter Samuel in laut brummenden Kühlschränken Getränke für seinen Kiosk aufbewahrt. Morgens stellt er dir Frühstück vor die Verandatür. Rührei mit Zwiebeln und Avocado und mildem, floral duftendem Kaffee in einer French Press. Mit einem Drehscheibentelefon kontaktierst du Richard Langan, den Leiter der Ausgrabungsstätte, um dich mit ihm für den nächsten Morgen sieben Uhr bei der Bucht von Acul zu verabreden.
Richard ist ein korpulenter, älterer Herr, der dich skeptisch über seine runden Brillengläser hinweg begutachtet. Du stellst ihm viele Fragen über die Havarie der Santa Maria, dem legendären Schiff des Christopher Kolumbus, über dessen Crew, die ersten Kontakte mit den Taíno, den Ureinwohnern von Hispaniola. Und du fragst nach der schwarzen Pflanze. Du bildest dir ein Zucken in seinem Gesicht ein. Ein kurzer Moment der Stille entsteht, bevor Richard dir sagt, noch nie etwas davon gehört zu haben. Die Stimmung wird kälter, er weigert sich, dir Zutritt zu den Ausgrabungsstellen zu gewähren. Jetzt bist du dir sicher, einer großen Entdeckung auf der Spur zu sein.
Am späteren Abend, die Sonne ist bereits als kleiner Punkt im Meer verschwunden, steigst du in deinen Land Rover und fährst ohne Scheinwerfer zur Bucht. Du schulterst deine Werkzeuge im Rucksack und arbeitest dich das unwegsame Gelände hinab, vorbei an den archäologischen Stätten. Vor dem schwach schimmernden Mond treiben Wolken. Mitten in einem Traubenhain aus Coccoloba uvifera fängst du an zu graben. Ein uralter Schleier der Erinnerung erfasst deinen Verstand. Du bist dir sicher, an der richtigen Stelle zu sein. Du hast die Taschenlampe zwischen den Zähnen und gräbst mit einem Feldspaten die Erde auf. Der Stahl frisst sich in die Schichten aus Sand, Lehm und Korallenschutt. Dichte Wurzelnetze durchziehen den Boden wie Höhlensysteme. Warmer, schwerer Regen peitscht dir in den Nacken und nicht weit entfernt werfen sich die Wellen des aufgebrachten Ozeans geräuschvoll an die Küste. Du siehst es als deine Pflicht an, weiterzumachen, und du trotzt deinen brennenden Muskeln und schmerzenden Sehnen. Ein dumpfer Schlag wie Donnergrollen holt dich aus deinem ekstatischen Zustand. Der Lichtkegel deiner Taschenlampe fängt Knochen ein, die durch den langen Aufenthalt im Erdreich und Bakterienabbau dunkelbraun verfärbt und fleckig sind. Du stößt mit deiner Hand die Gebeine zur Seite und leuchtest die Mulde aus. Glücksgefühle überfluten deinen geschundenen Körper, als sich zwischen den Erdmassen eine hellbraune, geriffelte Oberfläche abzeichnet. Du streckst deinen Arm aus, streichst mit deinen Fingerkuppen sanft über die Textur. Du spürst die dunkle Macht, die dein Blut elektrisiert und zum Kochen bringt. Mit deiner Hand umklammerst du das Gefäß und ziehst es heraus, befreist es von den Resten der haitianischen Bucht. Ein dreißig Zentimeter hoher, verschlossener Keramikkrug mit Henkel und dickem Bauch, den du im strömenden Guss wie eine Trophäe in den Himmel streckst. Du schüttest das Loch wieder zu, ohne einen Gedanken an den Toten zu verschwenden, und stürmst voller neuer Kraft zum Auto.
In deinem Apartment öffnest du die Versiegelung mit einem Korkenzieher. Vorsichtig kippst du den Krug und zwei walnussgroße, schwarze Samen kullern in deine Handfläche. Die Saat ist unbarmherzig kalt und schwer wie Bleikugeln. Tränen schießen dir in die Augen. Noch bevor die Sonne aufgeht, sitzt du in einem Nachtflug auf dem Weg zurück in dein neues Leben.
Februar - Mai 2014
Kommentierter Anzuchtbericht: Schwarze Tabakpflanze (Nicotiana tabacum nigrofolia)
Allgemeine Infos zur Pflanze
Die Nicotiana tabacum nigrofolia (von mir benannt, wissenschaftlich bislang nicht beschrieben) ist eine bisher unentdeckte Form der Nicotiana tabacum. Die mir vorliegenden zwei Samen sind über fünfhundert Jahre in einem luftdicht versiegelten Keramikkrug gelagert worden. Für die Anzucht orientiere ich mich an vergleichbaren Formen dieser Gattung.
18.02.2014
Die Vorkultur führte ich im Spätwinter bis Frühfrühling (Februar bis April) in einem geschlossenen System durch. Zunächst habe ich die beiden Samen in mit steriler, nährstoffarmer Erde befüllte Anzuchtschalen eingebracht und nur leicht angedrückt. Die Temperatur im Gewächshaus wird konstant bei 24 Grad gehalten. Lichteinfall sowie eine hohe, gleichmäßige Luftfeuchtigkeit sind in den ersten zwei Wochen entscheidend für eine erfolgreiche Keimung. Die Radicula (Wurzel) bricht bereits nach zwölf Stunden aus. Kurz darauf folgt der Sprossdurchbruch an die Substratoberfläche. Die Entwicklung verläuft ungewöhnlich schnell. Innerhalb weniger Tage nach dem Auflaufen bilden sich die Kotyledonen (Keimblätter) mit deutlich ausgeprägter, dunkler Nervatur.
28.02.2014
Nach Etablierung der Keimwurzel wird der Keimling in ein größeres Kulturgefäß umgesetzt. Bereits wenige Tage danach bilden sich tiefreichende, kräftig verzweigte Haupt- und Seitenwurzeln aus. Die Rhizosphäre ist äußerst aktiv im Vergleich zu anderen Arten der Nicotiana tabacum. Parallel dazu setzt ein extremes oberirdisches Wachstum ein.
14.03.2014
Die Abhärtungsphase war erst Anfang Mai geplant, doch ich muss vorzeitig beginnen. Die Pflanze ist bereits über zwei Meter hoch. Die schwarzen Blätter sind fast über sechzig Zentimeter lang, leicht behaart und mit sehr ausgeprägten Adern.
19.03.2014
Die Pflanze wächst weiter. Schatten, Kälte und Frost scheinen sie nicht zu stören. Heute habe ich sie dauerhaft ins Beet umgepflanzt.
01.04.2014
Sechs Wochen nach Beginn bilden sich trichterförmige Blüten mit eingeschlossenen Samen und fünf Zipfeln. Die Blätter sind dick, schwarz und verströmen einen holzig-morbiden Duft. Ich vernehme Noten von Weihrauch, Agarholz und Labdanum. Die Nicotiana tabacum nigrofolia zeigt bereits erntereife Merkmale, obwohl kein Übergangsstadium dokumentiert werden konnte. In wenigen Tagen werde ich die Blätter von unten nach oben mit einem Messer abschneiden.
12.05.2014
Im Schuppen hängen die Tabakblätter bereits sechs Wochen. Am Anfang waren sie graphitschwarz. Mittlerweile sind sie durch die Lufttrocknung tiefschwarz, ein Schwarz, das jede Form auslöscht und die einfallenden Sonnenstrahlen verschluckt. Nun werde ich die getrockneten Blätter drei Monate reifen lassen, damit sich durch die Fermentation das volle Aroma entwickeln kann.
August 2014
Die Wurzel der Sanguinaria canadensis (Kanadischer Blutwurz) gibt beim Anschneiden mit einem Cutter eine blutrote Flüssigkeit ab. Wie ein Showmaster hältst du sie in der Hand und lässt die Tropfen auf deinen Unterarm fallen.
Im Lehrinstitut ist dein Vortrag zu Ritualpflanzen indigener Völker trotz der glutartigen Temperaturen gut besucht. Der einzige Ventilator surrt unermüdlich und kämpft gegen die Hitze an. Du stehst vor deinem Publikum, wie du es gerne nennst. Deine dunkelblonden, mittellangen Haare sind sauber mit etwas Pomade zurückgekämmt, der wilde Zehn-Tage-Bart gibt dir einen rebellischen Touch, als wärst du mit der Natur verbunden.
Der Projektor wirft ein Bild von glänzend, dunkelbraunen Samen der Anadenanthera peregrina (Yopo-Baum) an die kalkweiße Wand. In ihrer Gesamtheit wirken sie wie ein historischer Schatz antiker Münzen. Du diskutierst mit dem Plenum ihre halluzinogene Wirkung als Schnupfpulver, die schon vor Jahrtausenden von Schamanen zur Kontaktaufnahme mit Göttern und Geistern genutzt wurde.
Du kommst auf die Entdeckung der Neuen Welt zu sprechen, auf die erste europäische Kolonie La Lavidad und auf La Isabela, die erste dauerhaft angelegte europäische Siedlung auf Hispaniola und auf den Beginn der Aufzeichnungen der rituellen Pflanzen. Du verweist insbesondere auf die Schriften des spanischen Missionars Ramón Pané, die als erste ethnographische Abhandlung über ein indigenes Volk der Neuen Welt gelten und in denen die spirituellen Zeremonien der Taíno als Sinnesreisen in das Reich unter den Wurzeln beschrieben werden.
Du zeigst kolorierte Illustrationen der Nicotiana tabacum (Virginischer Tabak), referierst über die Anbaupraktiken der Taíno und die Nutzung als Genussmittel. Du erzählst eine Anekdote über berauschte Seefahrer, die getrocknete Tabakblätter als Gastgeschenk überreicht bekommen haben.
Du baust ein paar intelligente Pointen ein und lockerst damit die Stimmung auf. Der Ablauf ist automatisiert. Den Vortrag hast du schon hunderte Male gehalten, du kannst ihn wie das Ave-Maria in der Kirche vor dem Priester runterbeten. Doch heute ist es anders. Du stehst da und kannst deine Aufregung nur mit Mühe verbergen. Niemand weiß, was du besitzt. Der Atem des wissenschaftlichen Ruhms haucht dir feucht und fordernd in deinen Nacken, und du übst dich in Geduld. Bald ist es so weit. Die junge Frau ist in deinen Erinnerungen längst verblasst – wie klang ihre Stimme, wie roch ihr Haar? Nur manchmal denkst du an sie, in kalten, einsamen Nächten, und ein Gefühl von Vermissen keimt auf, doch ist es sie als Mensch oder sie als Platzhalter für die Zeit in der Bibliothek, in der alles begann. Du ertappst dich bei dem Gedankenspiel, wie dein Leben heute aussehen würde, mit ihr an deiner Seite, doch ihre Träume waren zu klein und nur die Besessenen, die sich für ein Leben in Rastlosigkeit entschieden haben, werden in Erinnerung bleiben.
Du kannst es nicht abwarten, nach Hause zu kommen, in deinen Lloyd-Wright-Bungalow mit dem beachtlichen nach Süden ausgerichteten Garten. Deinen SUV parkst du in deiner Einfahrt hinter deinem Cabrio. Du gibst den Code deines Sicherheitssystems ein. Mehrere Kameras und Alarmanlagen machen dein Anwesen zu Fort Knox, einem Stützpunkt. Nach einer langen, heißen Dusche riechst du nach Zypresse-Zitrone. In Loafern aus Wildleder, einer cremefarbenen Chino und einem weißen Leinenhemd betrittst du deine Terrasse. Neun Stufen führen nach unten in die wilde Natur. Versteckt hinter Rosenbüschen und Dahlien wächst dein Geheimnis.
Die schwarze Tabakpflanze ist gigantisch. In der Höhe ragt sie wie ein Baum empor und hat sich in der Breite weit ausgedehnt. Ein dichtes Gewirr aus Zweigen, Trieben, Blättern und Blüten bildet ihre gewaltige Krone. Ihre majestätische Aura scheint die Pflanzen in ihrer unmittelbaren Nähe zur Ehrfurcht zu zwingen – als würden die Pflanzen ihre Blütenköpfe vor ihr verneigen. Du bist stolz und choreographierst in deinem Kopf, wie du dich für die Fotografen ideal vor ihr in Szene setzen kannst.
Du lässt dich in einen Sessel auf deiner Terrasse sinken und stopfst den pechschwarzen Tabak in eine Pfeife aus Bruyère-Holz der Erica arborea (Baumheide) mit enger Maserung. Du zelebrierst diesen bedeutenden Moment der Wissenschaft ganz allein für dich. Der Trubel wird kommen. Du reibst ein langes Streichholz an der Zündfläche der Packung lang. Die rotgelbe, tropfenförmige Flamme lodert auf und brennt das getrocknete Blattwerk nieder. Du ziehst an dem Mundstück und ziehst den Rauch tief ein. Er schmeckt dunkel würzig, sakral und schwer. Du spürst ein Kribbeln in deiner Wange , deine Lippe wird taub. Der Erdboden beginnt zu beben; das Beben hat eine Stärke von 6,6 auf der Momenten-Magnituden-Skala. Du springst auf, Panik bahnt sich über deine Kehle zu einem Schrei, doch der gewaltige Lärm der Umgebung lässt dich zweifeln, ob überhaupt auch nur ein Ton deinen Mund verlässt.
Deine Terracotta-Steine brechen auf und ein drei mal drei Meter großes Loch entsteht, in dem sich eine Kolonie ausbreitet. Du stehst am Abgrund. Kaltes, pulsierendes Licht blendet dich. Millionen dämonischer Sporen und Samen werden stoßweise aus dem tiefen Rachen ausgehustet und steigen wie ein Feuerball in die Atmosphäre. Sie verbreiten sich mit dem Wind und ihre Nachkommen an neuen Standorten, um endlich den Krieg gegen die Schöpfung zu beginnen und den Planeten zurückzuerobern. Ihr einziges Ziel ist Chaos und Zerstörung. Du bist ungläubiger Zeuge, wie dein Architektenhaus von Prunkwinden umarmt wird und die Fassade nach und nach verschwindet.
Honiggelbe Pilze mit schuppigen Hüten wachsen gedrängt und bilden einen blickdichten Teppich auf deinem Grundstück. Das unterirdische Netzwerk aus feinen Pilzfäden verbindet hunderte Kilometer von Pflanzen und Bäumen und dient als Kommunikationssystem. Sie senden elektrische Impulse und treiben sich gegenseitig an. Hinter deinem Rücken schießt eine monströse Drosera (Sonnentau) in die Höhe. Die langen grünen Tentakel mit roten Haaren strecken sich nach deinem Hals und kleben sich mit glänzendem Schleim an dir fest. Du weißt, du bist berauscht und nichts davon kann echt sein, doch existenzielle Angst überfällt dich, als der Druck auf deine Halsschlagader zunimmt und jeder Atemzug weniger Sauerstoff in deine Lungen bringt. Du ziehst dein Gärtnermesser aus der Hosentasche und schneidest das Blatt wild ab. Der nächste Tentakel schwingt nach dir und du blickst in den Abgrund. Die zuckende Masse lockt dich wie eine Nymphe in die Tiefe und du siehst keinen anderen Ausweg und lässt dich fallen. Deine Reise nach unten beginnt.
Du stürzt und rauscht an bläulich schimmernden Pilzen vorbei, die aus der moosbewachsenen Wand der Passage sprießen. Du versuchst, dich an Schlingpflanzen festzuhalten, aber sobald deine Haut die Blütenrispen berührt, sorgt eine stinkende Flüssigkeit für säureartige Verbrennungen an deinen Händen. Du hast noch nie einen vergleichbaren Trip erlebt und im Namen der Wissenschaft hast du schon viele Ritualpflanzen geraucht, eingeatmet oder geschnupft. Dir bleibt nichts anderes übrig, als dein Schicksal zu akzeptieren und zu hoffen, dass die Wirkung schnell nachlässt. Wolkenbetten türmen sich unter dir auf. Du gleitest durch sie hindurch und bist im freien Fall Richtung Boden.
Du landest auf dichten Sträuchern, die sich wie Sprungkissen ausgebreitet haben und die Geschwindigkeit deines Sturzes abfedern. Du rollst dich ab und kommst am Ufer eines reißenden Flusses zu dir. Der Horizont ist kirschrot und wird von zuckenden Blitzen durchschnitten. Donnergrollen wie das Dröhnen einer Armee heranrollender Panzer zerreißt die Stille. Steile, farnbehangene Felswände, wie sitzende grüne Riesen, säumen die gegenüberliegende Seite des Stroms. Du bist versucht, dich mit Wasser zu erfrischen, doch dieses hier ist zäh und dunkelgrau, als wäre es mit Asche vermischt. Du drehst dich um und blickst in einen undurchdringlichen Urwald. Die Unterwelt ist keine verdorrte Ebene. Die Unterwelt ist ein fruchtbarer Dschungel, ein endloses Reich aus allen Nuancen von Grün. Du irrst umher, die Grenzen zwischen Realität und Rausch verschwimmen zu einem Meer aus Fragen. Starkregen setzt ein, dieselbe gummiartige Masse wie sie im Fluss fließt, spritzt auf dich herab. Wie ein Soldat stürzt du dich in die grüne Hölle und wirst langsam verschluckt. Der Boden wird weicher. Laub und verrottete Äste geben unter deinen Loafern nach. Jeder Schritt knackt gedämpft. Du stolperst und landest mit deinem Gesicht voran auf dem Untergrund. Eine Vergangenheit aus Knochen bricht hervor. Tausende menschliche Skeletteile sind mit den Wurzeln verwoben. Du raffst dich auf und suchst nach irgendjemandem, der dir helfen kann.
Du gerätst auf eine große Lichtung. Das Unwetter verzieht sich und weicht einer glühend schwarzen Sonne. Ein hektargroßes Feld, das kein Ende zu haben scheint, erstreckt sich vor dir. Dein Herz setzt für einen Schlag aus. Die schwarze Pflanze wächst tausendfach engmaschig nebeneinander. Du kommst näher. Unter dem dunklen Dickicht liegen Menschen. Keine bloßen Knochen wie im Wald. Unbeschädigte, vollständige Körper. Du siehst, wie sich im Gleichtakt langsam die Brustkörbe heben und senken. Ihre Münder stehen offen und gartenschlauchdicke Wurzeln wachsen ihren Rachen heraus. Du willst weg, weg aus dieser klaustrophobischen Welt, in der der Mensch Nährboden für die Natur zu sein scheint. Du fängst an zu rennen, betest, dass die Halluzinationen nachlassen und du auf deiner Terrasse aufwachst. Aber am Ende all dessen wartet nur einer auf dich: ich.
»Warum bist du hier?« Du zögerst.
»Ich habe denselben Weg genommen, den du gewählt hast, nur aus anderen Gründen.« Du hebst deine Augenbrauen.
»Ich halluziniere. Die schwarze Pflanze ist stärker als alles, was ich bisher kenne. Wo sind wir? In der Unterwelt? Wo sind die Menschen?«
»Du suchst verstorbene Menschen, die in den verschiedenen Kaskaden ihr Nachleben zelebrieren, als gäbe es eine zweite Chance oder ein Leben nach dem Ende der irdischen Existenz. Du bist das Sinnbild der menschlichen Arroganz. Jede unserer Kulturen hat einen anderen Namen für diesen Ort: Hades bei den alten Griechen, Xibalbá bei den Maya, Helheim in der nordischen Mythologie, Uku Pacha bei den Inka. In jeder visionären Vorstellung dieses Ortes geht es um Menschen. Millionen von Pflanzen, Bäumen und Pilzen sind ausgestorben, oft waren wir daran schuld. Wusstest du, dass neunundneunzig Prozent der Biomasse aus Pflanzen bestehen? Wir sind für das Ökosystem wertlos.; es braucht uns nicht, um zu funktionieren.«
»Wie kommst du an diesen Ort?«
»Ich habe den dritten Samen genommen.«
»Es waren nur zwei.«
»Das glaubst du.«
Du wirst lauter.
»Ich habe das Grab des Spaniers ausgehoben. Ich war als Erster da. Es war meine Entdeckung! Das Gefäß war versiegelt.«
Du verziehst deine Stirn vor Zorn.
»Wie komme ich wieder zurück?«
Wir sehen uns lange schweigend an.
»Zurück wohin? Es hat bereits begonnen. Die Welt dort oben wird bald aussehen wie diese hier. Es gibt keine Grenze mehr zwischen beiden. Das Tor ist längst offen.«
Deine weitere Existenz ist ein Abbild deiner Angst. Du vegetierst in der Unterwelt, ohne Vermächtnis und ohne Ruhm. Was bleibt dir, wenn die Natur jeden Stein, jede Stadt und jeden Namen verschlingt und beweist, dass der Mensch nie mehr war als ein flüchtiger Gast?
Juni 2020
Titelblatt - Fernando Observer
Walnut Creek. Acht Jahre nach ihrem mysteriösen Verschwinden auf ihrer Farm ist die Wissenschaftlerin Elita Allister zurückgekehrt. Im renommierten Botanical Journal hat sie ein viel beachtetes Dossier veröffentlicht. Es gilt als fundierter Tatsachenbericht zur Ursache und Wirkung der Grünen Apokalypse – jener vernichtenden Katastrophe, der 93 % der ursprünglichen Weltbevölkerung zum Opfer fielen. Allister wird sich nun Ideen und Strategien widmen, wie die verbleibenden Menschen in Zukunft als Diener der Natur in gemeinsamem Einklang existieren können.
Winter 2111
Oberwelt, Zone E / Saal der Heiligtümer
Enzyklopädie der Unterweltflora
Nicotiana tabacum var. elitae
Schwarze Tabakpflanze, erstmals beschrieben um 1492 durch spanische Seefahrer in Hispaniola (heute Haiti, Oberwelt, Zone C). Die Art galt über Jahrhunderte als ausgestorben. 2012 wurde sie von der Botanikerin Elita Allister wiederentdeckt und im Rahmen experimenteller Kultivierung erfolgreich angezogen. Die Reaktivierung der Spezies gilt retrospektiv als initiales Ereignis der Öffnung der Unterwelt.
Beilage, Datenträger der vegetalen Signalstruktur
Die Schwarze Tabakpflanze wird als Ursache des Aussterbens von Homo sapiens klassifiziert.
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Source: Trink den Rauch
Spielwarenabteilung
Photographer: me