Letztes Wochenende bin ich mit Krishna nach Hyderabad im Staat Andhra Pradesh gefahren. Er fährt alle zwei Wochen nach Hyderabad, um dort seine Familie zu besuchen. Er fragte mich, ob ich ihn nicht begleiten wolle, und weil ich ja hier bin um etwas zu erleben, habe ich dann schließlich zugestimmt. So haben wir uns am Freitagabend nach der Arbeit getroffen, um gemeinsam zum Bahnhof zu fahren. Auf dem Weg dorthin haben wir noch einen Bekannten von Krishna eingesammelt, der ebenfalls auf dem Weg nach Hyderabad war. Er fährt jedes Wochenende von Bangalore nach Hyderabad, um zum einen seine Familie zu besuchen, und um zum anderen nach dem Rechten in seiner eigenen kleinen Firma zu schauen, die er neben seiner normalen Tätigkeit auch noch in Hyderabad unterhält. Dort entwickelt er mobile Applikationen fürs iPhone und iPad, so dass wir direkt ein gutes Gesprächsthema hatten.
Am Bahnhof stand bereits ein Zug, der voller Leute war. Krishna erklärte mir, dass es für diesen Zug (zumindest für den Großteil der Wagons) keine Reservierungen gäbe, und deswegen kämen die Leute schon Stunden vorher, um sich einen Sitzplatz zu sichern. Für unseren Zug hatten wir zum Glück im Internet Plätze reserviert, und lustigerweise hängen an jedem Wagon Zettel mit den reservierten Namen. Wir hatten die Sleeper Class mit Klimaanlage gebucht, und der Zug würde rund 11 Stunden brauchen bis nach Hyderabad. Uns stand also eine lange Fahrt bevor, und als ich die Wagons dann von innen sah, wusste ich, dass ich hier wohl kaum Schlaf finden würde. Auf kleinstem Raum sind hier 3-Etagen-Betten untergebracht, so dass man sich schon ganz schön stapelt. Meine Füße hingen zudem weit in den Flur hinein, weil ich ja nicht so ganz der indischen Normgröße entspreche. So wurde die Nacht ziemlich lang für mich, ab und an kamen noch Zugbegleiter durch und baten Tee und Snacks an.
Blick in einen Schlafwagen
Am nächsten Morgen so gegen 10 Uhr sind wir dann in Hyderabad gelandet. Mit einem Taxi ging es zu Krishnas Familie. Genauer gesagt zu seinem Onkel, seiner Tante und deren zwei Kindern Vyshnavi und Nihar. Ich wurde sehr herzlich empfangen und wir bekamen erst einmal ein leckeres Frühstück. Danach haben wir uns dann kurz frisch gemacht, bevor es mit der Sightseeing-Tour losging. Krishna hatte einen Wagen samt Fahrer für den Tag gemietet, um mir die Stadt zu zeigen. Als erstes fuhren wir zum Birla Tempel. Ein wirklich schöner Tempel aus weißem Marmor, zudem hat man von dort einen tollen Überblick über die Stadt. Leider waren auf dem Gelände keine Fotos erlaubt.
Anschließend ging es in das Salar Jung Museum. Das Gebäude sah von außen echt schön aus, und innen konnte man zigtausende Exponate aus aller Welt bewundern, die von Mir Yusaf Ali Kahn (a.k.a. Salar Jung III.) zusammengetragen wurden. Das Museum scheint auch ein begehrtes Ausflugsziel für Schulklassen zu sein, da wir direkt mehrere dort trafen. Für die kleinen Schüler war ich aber wohl das begehrteste Exponat, mich schauten sie viel lieber an als die anderen Ausstellungsstücke. Als dann der erste Junge auf mich zukam, mir die Hand schüttelte und ich dies erwiderte, brachen auch die Dämme bei den anderen Schulkindern und alle wollten mir die Hand schütteln. War gar nicht so leicht, aus der Nummer wieder rauszukommen ;-)
Danach fuhren wir zum berühmtesten Bauwerk von Hyderabad, dem Chaminar. Er wurde vom damaligen König für seine Frau als Zeichen der Liebe erbaut, ähnlich wie der Taj Mahal. Das imposante Gebäude besitzt vier Türme (daher auch der Name) und vier Torbögen, die jeweils in eine Himmelsrichtung zeigen. Früher konnte man wohl mal bis in die Türme hinauf, die Zugänge sind aber mittlerweile gesperrt.
Blick runter vom Chaminar auf die Straßen Hyderabads
Neben dem Chaminar befindet sich die Mecca Masjid, eine der größten Moscheen der Welt mit Platz für 10000 Gläubige. Das Betreten war aber leider nicht möglich, und von außen wirkte die Moschee nicht grade so besonders, vielleicht wurde da auch gerade restauriert. Anschließend haben wir uns ein typisches Mittagessen in Hyderabad gegönnt, Chicken Biryani. Biryani wird aus Basmati-Ryeis und vielen verschiedenen Gewürzen hergestellt, das Gericht schmeckte wirklich richtig gut.
Restaurant Niagara in Hyderabad
Nach dem Mittagessen ging es zur Golkonda Fort. Auf einem riesigen Areal steht die Festung aus dem 16. Jahrhundert. Oben auf einem Granithügel steht die Zitadelle des damaligen Königs, und umgeben ist der Hügel mit vielen Schutzwällen und Mauerblöcken, die vor Angreifern schützen sollten. Eine ausgeklügelte Akustik in der Festung sorgt dafür, dass man Geräusche in der Eingangshalle auf dem ganzen Gelände wahrnehmen kann.
oben befindet sich die Zitadelle
Abends teilte mir Krishna dann mit, dass er am Wochenende noch zu den Eltern seiner zukünftigen Frau müsse, sie wollten ihn gerne kennenlernen. Eigentlich wollte Krishna am Sonntagmorgen aufbrechen, jedoch entschloss er sich spontan, doch am Samstagabend zu fahren. Er bat mir auch an mitzukommen, jedoch hätte das wieder jeweils drei Stunden Hin- und Rückfahrt mit dem Zug bedeutet, und ich zog es dann doch vor, noch etwas von der Stadt zu sehen. So nahmen mich am Samstagabend Krishnas Onkel und sein Sohn Nihar mit ins Kino. Krishnas Onkel arbeitet in der Filmindustrie und bekommt daher immer Karten für Kinofilme in einem besonderen Saal, der nur erlesenen Gästen zugängig ist. In dem Film saßen dann auch nur rund 40 Leute. Der Film hieß Sri Rama Rajesh und handelte von dem hindischen Gott Rama und seiner Frau Sitah. Gesprochen wurde in Telugu, der Landessprache von Andhra Pradesh. Viel habe ich also nicht verstanden, jedoch hat mir Nihar wichtige Stellen des Films erläutert. Er hatte vorher gewettet, dass ich im Film einschlafen würde, weil ich die Nacht vorher nicht geschlafen hatte, wir in der Spätvorstellung waren und der Film natürlich wieder Überlänge hatte. Aber ich habe tapfer durchgehalten! :-) Der Film war total bunt und bestand aus langen Dialogen der Hauptdarsteller. Die Inder waren total angetan von den graphischen Effekten des Films, für mich sah das aber eher nach einem überzeichneten Kinderfilm aus. Aber die Inder lieben es ja ein bisschen kitschig…
Filmplakat für Sri Rama Rajesh
Da Krishna unterwegs war, habe ich dann in seinem Zimmer alleine schlafen können und konnte mich gut ausruhen. Am nächsten Morgen habe ich mich mit Nihar auf den Weg zum Lumbini-Park gemacht. Von dort hat man eine gute Aussicht auf eine der größten freistehenden Buddha-Statuen der Welt. Sie befindet sich mitten in dem großen See Hussain Sagar, mit Booten kann man zur Plattform der Statue fahren.
Buddha-Statue im Hussain Sagar
Danach durfte ich meine erste indische Hochzeit miterleben, die Nachbarn meiner Gastfamilie heirateten. Gefeiert wurde mit mehreren hundert Leuten in einem großen Saal. Die eigentliche Trauung haben wir aber wohl knapp verpasst. Bei dieser werden die Kleider des Brautpaars miteinander verknotet und das Brautpaar muss sieben Mal ein heiliges Feuer umkreisen. Anschließend bestreut sich das Hochzeitspaar gegenseitig mit Reis. Danach darf dann jeder der Gäste dem Hochzeitspaar die Hand schütteln und ihre Hochzeit segnen. Dafür bildeten sich dann lange Schlangen, und von jedem Gast wurde auch ein Foto mit dem Hochzeitspaar gemacht. Im Anschluss daran gab es ein Essensbuffet im Nachbarsaal. Ich fands schade, dass hier nur die Gäste für sich aßen, das Hochzeitspaar isst abends mit der Familie gesondert. So fand ich die Hochzeit zwar interessant, aber insgesamt doch ein bisschen unpersönlich, und mir fehlte auch die ausgelassene Stimmung mit Musik und Tanz. Aber bei anderen Hochzeiten ist das wohl deutlich festlicher, und getanzt wird wohl auch mehr im Norden Indiens.
das Hochzeitspaar mit den Familienangehörigen
alle Gäste dürfen dann dem frischvermählten Ehepaar die Glückwünsche übermitteln
Nach der Hochzeit bin ich dann noch mit Nihar und Vyshnavi zu einem Basar nahe der Hitech-City gefahren. Hitech-City ist ein Areal, wo sich viele große IT-Firmen angesiedelt haben, ähnlich wie in Bangalore. Überhaupt ist Hyderabad eines der wichtigsten IT-Zentren Indiens. Besonders Schulungen werden hier überall angeboten. Laut Krishna wird hier einen Tag nach Erscheinen einer neuen Software bereits eine Schulung dazu angeboten. Auf dem Bazar gab es dann viele kleine Stände mit einheimischen und selbstgemachten Sachen, wie z. B. Kleider, Taschen, Perlen und Holzkunstwerke. Eine kleine Anekdote am Rande: Während eines Gesprächs mit Nihar und Vyshnavi kamen wir auch auf die Fußball-WM zu sprechen, und beide kannten Paul, die Krake aus dem SeaLife in Oberhausen. Fand ich schon sehr amüsant ;-)
ein Blick in den indischen Basar
Werbung für IT-Schulungen
Abends kam dann auch Krishna wieder von seiner Reise. So wie ich von Nihar erfahren habe, will Krishna die indische Frau gar nicht heiraten. Jedoch haben seine Eltern im wohl schon einige Vorschläge gemacht, die er alle abgelehnt hat, und nun muss er diese eine anscheinend heiraten. Indische Sitten können manchmal schon ganz schön absurd sein. Wir haben noch alle zusammen zu Abend gegessen und dann haben Krishna und ich uns auf den Rückweg gemacht. Ursprünglich hatte Krishna einen normalen Bus ohne Klimaanlage gebucht. Als wir auf dem Weg zu diesem Bus mit einem anderen Bus mit Sleeper-Class und Klimaanlage fahren mussten, fragte ich ihn, ob es schwer wäre, auch so einen Bus zu nehmen. Er sagte, den müsse man frühzeitig reservieren, aber er wolle sich drum kümmern, ob wir nicht auch umbuchen können. Und tatsächlich konnten wir gegen Aufpreis den Bus nochmal umbuchen. So lagen wir im Schlafbus in der letzten Reihe, quer zur Fahrtrichtung. Doch wer die indischen Straßen kennt weiß, wie sehr es besonders in der letzten Reihe schaukelt und hoppelt, und so war auch bei der Rückfahrt für mich nicht an Schlaf zu denken. Aber wenigstens war die Fahrt nicht ganz so lange wie mit dem Zug, nach rund sieben Stunden kamen wir morgens in Bangalore an und haben dann auch direkt einen Anschlussbus bekommen. So war ich nach dem Wochenende schon ganz schön kaputt, aber ich bin doch froh, diesen Trip gemacht zu haben. Hyderabad ist wirklich eine Reise wert, und vor allem die Gastfamilie war so herzlich zu mir und hat mir alle meine Wünsche von den Lippen abgelesen, das war schon einmalig!