Syrische GeflĂŒchtete: Win-win statt one-way
BlĂ€tter fĂŒr deutsche und internationale Politik Dezember 2025
Neulich in der Sauna: 40 ĂŒberwiegend WeiĂe Frauen und MĂ€nner warten dicht gedrĂ€ngt auf Said, den Mann mit den Birkenzweigen, der zu russischer Musik den Aufguss versprĂŒht. Said ist Syrer. Bis in die Sauna haben es die Syrer:innen also geschafft, und ĂŒberall in den deutschen Alltag: Sie sind Lieferanten, IT-Experten und Erzieherinnen, Frisöre, Busfahrer und Bauelektriker. Sie retten als Kardiologen AfD-WĂ€hlern das Leben, sie passen als KieferorthopĂ€den die Zahnspange der Kinder an, sie betreiben BĂ€ckereifilialen, schreiben in deutschen Leitmedien, verstĂ€rken als Bauingenieure ArchitekturbĂŒros, machen eine Ausbildung in der Kfz-Werkstatt des Vertrauens und sorgen mit dafĂŒr, dass man in fast jeder deutschen Stadt auch spĂ€tabends noch etwas Warmes und Leckeres zu essen bekommt.
Jetzt aber sollen sie nach Hause gehen, die âpatriotische Pflichtâ ruft, meint CDU-Fraktionschef Jens Spahn, von dem man etwas mehr Patriotismus im Umgang mit Steuergeldern erwarten wĂŒrde. Bundeskanzler Friedrich Merz möchte âmit RĂŒckfĂŒhrungen beginnenâ, denn nach dem âEnde des BĂŒrgerkriegsâ gebe es fĂŒr Syrer:innen âkeinerlei GrĂŒnde mehr fĂŒr Asyl in Deutschlandâ. Dahinter steckt das Wunschdenken, dass mit ihnen die viel beschworene Migrationswende gelingen könnte, schlieĂlich sind es viele (mit 713â000 die zweitgröĂte Gruppe der Schutzsuchenden) und in ihrer Heimat hat sich â im Gegensatz zur Ukraine, dem Herkunftsland der meisten GeflĂŒchteten â mit dem Sturz des Assad-Regimes vor einem Jahr Grundlegendes verĂ€ndert.
Krieg vorbei, Diktatur gestĂŒrzt, also ab nach Hause, um mit anzupacken â so die vereinfachte Botschaft der Union, die damit nicht nur die Forderungen, sondern auch den Ton der AfD ĂŒbernommen hat. Schnell erinnert man sich noch an die Christen (âgefĂ€hrdete Bevölkerungsgruppen dĂŒrfen bleibenâ) und die Ărzte und Ingenieure (âgut integrierte Syrer sind willkommenâ). FĂŒr alle anderen kreiert man ein klischeehaftes Feindbild, das die Rechten seit Jahren schĂŒren: junge muslimische MĂ€nner, die statt zu arbeiten (â500â000 BĂŒrgergeldempfĂ€nger!â) an Bahnhöfen herumlungern (âProbleme im Stadtbild!â) und blonde Frauen belĂ€stigen (âFragen Sie ihre Töchter!â).
Aber ob es dem Stadtbild hilft, wenn 250â000 sozialversicherungspflichtig BeschĂ€ftigte Deutschland verlassen, davon 80â000 in sogenannten Engpassberufen? Und wenn diese dann auch noch ihre etwa 277â000 Deutsch sprechenden Kinder und Jugendlichen mitnehmen, die hier zur Schule gehen, Freunde haben und in der Zukunft deutsche Renten sichern könnten?[1]
Aber nein, die seien ja gar nicht gemeint, beschwichtigt Friedrich Merz. Dann geht es wohl um die 120â000 unter SechsjĂ€hrigen[2] und ihre MĂŒtter sowie junge Syrerinnen ohne Kinder, von denen nur jede FĂŒnfte arbeitet, weil die meisten noch Deutsch lernen, sich beruflich qualifizieren oder Kinder betreuen? Böse Unterstellung, wĂŒrde der Kanzler erwidern, schlieĂlich liegen ihm die Töchter des Landes besonders am Herzen.Â
Den Syrerinnen könnte er den Zugang zu reglementierten Berufen in den Bereichen Gesundheit, Erziehung und Bildung erleichtern, denn genau dort haben sie frĂŒher gearbeitet und kĂ€mpfen jetzt mit den hohen HĂŒrden des deutschen Arbeitsmarktes.[3] Aber statt syrische Mathe- oder Englischlehrerinnen ins hiesige Schulsystem zu integrieren, wo sie SchĂŒler:innen mit Arabisch als Herkunftssprache besonders gut helfen könnten, besteht man darauf, dass sie zunĂ€chst ein zweites Fach studieren â in Zeiten von tausenden unbesetzten Lehrerstellen ein echtes Eigentor.
Wen also wollen Merz, Spahn und Co. wirklich loswerden? Ganz oben auf der Liste stehen syrische StraftĂ€ter und GefĂ€hrder. Allerdings mĂŒssen auch sie nach deutscher Rechtsauffassung in ihrer Heimat sicher sein. ZunĂ€chst mĂŒssten deshalb die Haftbedingungen geklĂ€rt werden, etwa durch GefĂ€ngnisbesuche des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes. Dann könnte man mit der syrischen Ăbergangsregierung einen Tausch aushandeln â syrische GefĂ€hrder gegen deutsche IS-KĂ€mpfer. Denn wer die RĂŒcknahme von syrischen Extremisten fordert, muss auch seine eigenen zurĂŒckholen, also die etwa 30 bis 40 deutschen MĂ€nner, die seit Jahren in den GefĂ€ngnissen der kurdischen Selbstverwaltung im Nordosten des Landes sitzen.
UnerwĂŒnscht sind auch die 194â000 erwerbsfĂ€higen syrischen MĂ€nner ab 15 Jahren, die BĂŒrgergeld beziehen[4] und angeblich faul und unwillig sind. Von denen mag es einige geben, doch auch hier hilft ein Blick in die Statistik: Die Mehrheit der nicht arbeitenden syrischen MĂ€nner ist noch nicht lange im Land. Sie sind nach 2021 gekommen und deshalb mit Deutschlernen, der Anerkennung von Berufserfahrung und Weiterbildung beschĂ€ftigt.[5] Etwa die HĂ€lfte von ihnen ist als arbeitssuchend gemeldet, steht dem Arbeitsmarkt also zur VerfĂŒgung. Von der anderen HĂ€lfte sind viele geringfĂŒgig beschĂ€ftigt (sogenannte Aufstocker) oder machen eine qualifizierende MaĂnahme.
Die Zahlen ergeben folglich ein anderes Bild als von AfD und CDU/CSU gezeichnet. Je lĂ€nger Syrer:innen im Land sind, desto hĂ€ufiger gehen sie arbeiten, zahlen Steuern und Sozialabgaben. Bei den syrischen MĂ€nnern, die seit mehr als sieben Jahren in Deutschland leben, nĂ€hert sich die BeschĂ€ftigungsquote dem deutschen Durchschnitt an. Diese Syrer beantragen dann oft die deutsche Staatsangehörigkeit, seit Jahren stellen sie mit fast 30 Prozent die gröĂte Gruppe der neu EingebĂŒrgerten.[6] Das bedeutet: Wer als Syrer die Chance bekommt, Deutsch zu lernen und sich weiterzubilden, arbeitet am Ende nicht nur wie die Deutschen, sondern wird auch deutsch.
Die ĂuĂerungen deutscher Politiker:innen zeugen insofern von Unkenntnis und entlarven rassistische Vorurteile. Sie schaffen Verunsicherung unter GeflĂŒchteten und sorgen dafĂŒr, dass viele Menschen mit Migrationsgeschichte â ein Viertel der deutschen Bevölkerung â sich entfremden. Kurzum: Die Debatte um die RĂŒckkehr der Syrer:innen ist eines Einwanderungslandes unwĂŒrdig und schadet Deutschland. Dabei birgt das Thema fĂŒr alle Beteiligten groĂe Chancen, wĂŒrde man die syrische Diaspora weniger als Last, sondern vor allem als Potenzial begreifen und behandeln.Â
Mit den richtigen Weichenstellungen könnten die 1,22 Millionen in Deutschland lebenden Menschen mit syrischer Migrationsgeschichte gesellschaftliche und berufliche BrĂŒcken in ihre Heimat bauen, auf deren Grundlage Syrien und Deutschland enge Partner werden und wirtschaftlich voneinander profitieren könnten. Wirtschaftsexpert:innen, Handwerks- und Handelskammern hierzulande haben das begriffen. Schon jetzt verringern Syrer:innen den FachkrĂ€ftemangel in Deutschland und sichern die Renten, denn sie sind im Durchschnitt 26,2 Jahre alt und damit viel jĂŒnger als die Deutschen (44,6 Jahre). 40 Prozent von ihnen sind minderjĂ€hrig und kommen genau dann ins erwerbsfĂ€hige Alter, wenn viele Deutsche in Rente gehen.[7]
Auch in Damaskus blickt man mit groĂen Erwartungen auf die hiesigen Exilsyrer:innen, denn deren Expertise wird dringend gebraucht. FĂŒr den Wiederaufbau benötigt Syrien nicht nur Ingenieure, Stadtplanerinnen, Handwerker und Ărztinnen, sondern auch Juristen, die bei der Aufarbeitung von Völkerrechtsverbrechen helfen und das Justizsystem reformieren, daneben Psychologinnen, die syrische Trauma-Therapeuten ausbilden, PĂ€dagoginnen, die das verwahrloste Schulsystem erneuern und Verwaltungsexperten, die aus aufgeblĂ€hten Behörden effektive Institutionen machen. Schwerpunkte der deutsch-syrischen Entwicklungszusammenarbeit sind die Themen Gesundheit und Bildung, nicht ohne Grund haben die beiden zustĂ€ndigen syrischen Minister enge Verbindungen nach Deutschland. Der Gesundheitsminister hat in Hessen als Neurochirurg gearbeitet, der Bildungsminister in Leipzig promoviert.
Die Herausforderungen sind riesig. Syrien ist ein Land voller bewaffneter MĂ€nner und offener Rechnungen, auch ein Jahr nach dem Ende der Assad-Herrschaft ist das Land nicht geeint. Es kommt zu Massakern, Racheakten und AnschlĂ€gen, weil 54 Jahre Diktatur und 14 Jahre eines brutal gefĂŒhrten und vom Ausland befeuerten Krieges nachwirken.Â
Gewalt, Armut, zerstörte Infrastruktur
Hinzu kommt eine Konzentration von Macht in den HĂ€nden von ĂbergangsprĂ€sident Ahmed al-Scharaa. Mit diesem autoritĂ€ren und zentralistischen HerrschaftsverstĂ€ndnis hat er Vertrauen im Innern verloren, konnte sich jedoch international als glaubwĂŒrdiger Partner fĂŒr die Transformation Syriens etablieren. Das ist wichtig, denn ohne UnterstĂŒtzung von auĂen wird Syrien nicht auf die Beine kommen.
90 Prozent der Menschen leben nach wie vor in Armut, 16,7 Millionen sind auf humanitĂ€re Hilfe angewiesen. Laut UNDP sind ein Drittel der Gesundheitszentren und fast ein Drittel aller Wohneinheiten zerstört oder schwer beschĂ€digt, gleiches gilt fĂŒr mehr als die HĂ€lfte der Wasseraufbereitungsanlagen und Abwassersysteme sowie 70 Prozent der Kraftwerke und Ăbertragungsleitungen.[8] Eine groĂe Gefahr sind Landminen: Syrien zĂ€hlt zu den am stĂ€rksten von KampfmittelrĂŒckstĂ€nden verseuchten LĂ€ndern der Welt. Bei 650 ZwischenfĂ€llen in den ersten neun Monaten dieses Jahres starben 570 Personen, mehr als ein Drittel der Opfer sind Kinder.[9]
Auch wo Syrien nicht zerstört ist, sind die Folgen des Krieges in Form von bettelnden Kindern, Versehrten und psychisch Kranken sichtbar. Fast die HĂ€lfte der Kinder bis 15 Jahre geht nicht zur Schule â eine weitere verlorene Generation droht heranzuwachsen.
Die Vorstellung, hier lebende syrische Familien mit schulpflichtigen Kindern, die nicht einmal genug Arabisch sprechen, um dem Unterricht zu folgen, in diese RealitĂ€t zurĂŒckzuschicken, ist absurd. Zumal sie mit einem deutschen Schulabschluss und etwas Berufserfahrung Syrien zukĂŒnftig helfen könnten, statt es jetzt zu ĂŒberfordern.Â
Warum aber sollte ein Familienvater, der hier erfolgreich ist â als Unternehmer, Handwerker, Gastronom oder Arzt â, sich nicht schon jetzt vor Ort engagieren können? Nach der Logik der CDU darf er nicht nach Syrien reisen, weil er dadurch seinen Aufenthaltsstatus verliert â will er seine Mutter besuchen, vielleicht die Schule im Heimatort wiederaufbauen helfen oder nach GeschĂ€ftspartnern fĂŒr einen Laden suchen, muss er seine Existenz in Deutschland beenden und mit der ganzen Familie zurĂŒckkehren. Dazu sind aktuell nur wenige bereit, weil man damit den Lebensweg der Kinder erschwert, die ohne deutschen Pass nicht einmal ihre Schulfreunde besuchen oder spĂ€ter hier studieren können.
Es ist klar, dass nach dem Zusammenbruch des Assad-Regimes die wichtigsten FluchtgrĂŒnde entfallen sind â politische Verfolgung und systematische Staatsfolter, MilitĂ€rdienst und Bombardierungen durch die syrische und russische Luftwaffe. Da es trotzdem vielerorts nicht sicher ist und die humanitĂ€re Lage bei Entscheidungen ĂŒber den Schutzstatus berĂŒcksichtigt wird, werden die Gerichte sich jeden Fall einzeln anschauen mĂŒssen. Angesichts von 667â000 Syrer:innen mit befristeter Aufenthaltserlaubnis ein illusorisches Unterfangen.[10] Der Fall Syrien zeigt: Nicht alles, was juristisch korrekt ist, ist auch politisch sinnvoll, wirtschaftlich klug und praktisch umsetzbar.
Besser wĂ€re deshalb die Förderung einer mittelfristigen freiwilligen RĂŒckkehr. DafĂŒr gilt: Je sicherer der Aufenthalt hier, desto gröĂer die Bereitschaft, zurĂŒckzukehren. Entscheidend ist nicht eine Starthilfe von 1000 Euro pro Person, die bis Ende Oktober zu 2900 Ausreisen gefĂŒhrt hat, sondern der Aufbau der syrischen Infrastruktur und die Möglichkeit fĂŒr wirtschaftlich unabhĂ€ngige Syrer:innen, mit Go-and-see-Visum vorĂŒbergehend in die Heimat zu fahren.
Bisher sitzen in den Fliegern nach Damaskus und Aleppo nur Syrer:innen mit deutschem Pass. Sie bringen Taschen voller Bargeld und viele Ideen mit, wie sie ihrem Land helfen können. Dutzende Ărzt:innen sind bereits durch das Land gefahren, um Patient:innen zu behandeln und herauszufinden, was vor Ort gebraucht wird. Architekt:innen restaurieren antike WohnhĂ€user in Aleppo und bilden mit deutschen Spendengeldern Steinmetze und Maurer aus. Und die syrischen Ingenieure in Deutschland haben einen Verein gegrĂŒndet, um Fachwissen nach Syrien zu bringen und den Wiederaufbau zu unterstĂŒtzen.
Fragt man diese Syrer:innen, was ihnen wirklich dabei helfen wĂŒrde, ihrer âpatriotischen Pflicht nachzukommenâ, sind die Antworten stets dieselben: DirektflĂŒge nach Damaskus, Aleppo und Qamishli, die Möglichkeit von GeldĂŒberweisungen auf syrische Bankkonten, deutsche Schulen fĂŒr ihre bislang auf Deutsch lernenden Kinder und flexiblere Aufenthaltsregelungen, die all jenen, die einen befristeten Schutzstatus haben und keine Sozialleistungen beziehen, zunĂ€chst ein Pendeln ermöglichen wĂŒrden.
Hat die Bundesregierung diese Weitsicht? Ein langjÀhriger Diplomat ist skeptisch. Die Syrer:innen werden es schaffen, aber nicht dank, sondern trotz der deutschen Politik.
[1]Â Vgl. Mediendienst Integration, Syrische FlĂŒchtlinge, mediendienst-integration.de.
[2] FachkrĂ€fte â Syrer könnten die demografische LĂŒcke im Arbeitsmarkt fĂŒllen, handelsblatt.com, 10.11.2025.
[3]Â Anika Jansen, Sarah Peirenkemper und Fabian Semsarha, Syrerinnen und Syrer auf dem deutschen Arbeitsmarkt, in: APuZ, 6.6.2025, bpb.de.
[4]Â Peter Piekarz, Ein Jahr Heimatbesuch bei vollem BĂŒrgergeld fĂŒr Syrer â Faktencheck, buergergeld.org, 19.10.2025.
[5] Anton Klaus und Ehsan Vallizadeh, Arbeitsmarktsituation von syrischen Staatsangehörigen. Arbeitsmarktberichterstattung der Bundesagentur fĂŒr Arbeit, statistik.arbeitsagentur.de, 8.1.2025.
[6]Â Pressemitteilung: 291â955 EinbĂŒrgerungen im Jahr 2024, destatis.de, 10.6.2025.
[7]Â Vgl. Jansen/Peirenkemper/Semsarha , a.a.O.
[8]Â United Nations Development Programme, The impact of the conflict in Syria, undp.org, 24.2.2025.
[9] The UXO Threat: Syriaâs Hidden War Against Landmines and Explosives, karamshaar.com, 24.9.2025.
[10] Vgl. Mediendienst Integration, a.a.O.
Neulich in der Sauna: 40 ĂŒberwiegend WeiĂe Frauen und MĂ€nner warten dicht gedrĂ€ngt auf Said, den Mann mit den Birkenzweigen, der zu russisch