Dieser Vortrag von Joachim Bruhn (Ça ira Verlag) ist sagenhafte 23 Jahre alt, enthält ein Intro von Stephan Grigat und hat nichts von seiner Aktualität verloren. Es geht um den Zionismus und Kommunismus:
https://www.youtube.com/watch?v=DUnMAVSTQfU
Die Geschichte des 20. Jahrhunderts, kulminierend in Auschwitz und dem Scheitern des Staatssozialismus, hat jeden naiven Glauben an einen automatischen Fortschritt oder einen einfachen, linearen Weg zur universalen Emanzipation zerstört. Jeder zukünftige emanzipatorische Gedanke muss von der Realität der Katastrophe ausgehen. Der Universalismus kann nicht mehr als abstrakte Forderung über die Köpfe der konkreten, leidenden Menschen hinweg dekretiert werden, sondern muss sich an seiner Fähigkeit messen lassen, das partikulare Leben vor der Vernichtung zu schützen. Im Vortrag wird u.a. folgendes angemerkt:
1. Bruhn unterscheidet 2 Kommunismen:
1. a) Der historisch-empirische Kommunismus ist für ihn der real existierende Staatssozialismus nach 1917 (Bolschewismus, Stalinismus). Er charakterisiert ihn nicht als Versuch der Befreiung, sondern als "eine weitere Form zur Verewigung von Herrschaft, diesmal mit "proletarischen Mitteln". Dieser Kommunismus sei strukturell antisemitisch gewesen, was sich in Stalins Nationendefinition manifestierte, die Juden ausschloss und zu absurden und brutalen Projekten wie der Republik Birobidschan führte. Der heutige Antizionismus von Teilen der Linken sei die direkte Fortsetzung dieser antisemitischen Tradition.
1. b) Der philosophisch-systematische Kommunismus ist für Bruhn das Resultat einer "gewissenhaften Kapitallektüre". Er ist keine politische Bewegung, sondern eine revolutionär-materialistische Theorie, die auf der unteilbaren Einheit von Staats- und Kapitalkritik basiert.
2. Die Kritik der Staats- und Reformismuskritik:
Bruhn, unter Berufung auf Johannes Agnoli, verwirft die linke Standardkritik, die zwischen dem "guten Staat an sich" und der "schlechten Regierungspolitik" unterscheidet. Diese reformistische Haltung, die sich fragt, ob man lieber "von Schröder oder von Stoiber" verwaltet werden möchte, sei grundlegend verfehlt und führe im Fall Israels zu antisemitischen Konsequenzen. Die Behauptung, man wisse es besser als die Israelis, was gut für sie sei, entlarvt er als paternalistische und antisemitische Anmaßung, die Israel unter Kuratel stellt. Radikale Kritik müsse verstehen, dass Staat und Kapital, Herrschen und Ausbeuten, untrennbar sind.
3. Die Kritik der Arbeitsontologie:
Bruhn identifiziert eine strukturell antisemitische Tendenz in der klassischen linken Geschichtsphilosophie. Diese sei auf das "Wesen der Arbeit" zentriert und begreife Geschichte als dessen Selbstverwirklichung. Eine solche Philosophie erzeugt zwangsläufig ein "Anderes" der produktiven Arbeit: die "parasitäre", "einseitig aneignende" Tätigkeit – eine klassische antisemitische Projektionsfläche, die Juden mit dem zirkulierenden, abstrakten Kapital identifiziert.
4. Zionismus als negatives Katastrophenbewusstsein:
Im Gegensatz zur progressiven Geschichtsphilosophie der Linken deutet Bruhn den Zionismus nicht als nationale Befreiungsbewegung, sondern als "politik gewordenes Katastrophenbewusstsein". Er sei die praktische Konsequenz aus einer negativen Geschichtsphilosophie, wie sie Walter Benjamin und Theodor W. Adorno formulierten. Geschichte wird hier nicht als Fortschritt, sondern als "Zusammenhang der Katastrophen" begriffen. Der Zionismus handle so, als hätte er Benjamins Thesen verinnerlicht: Er agiert nicht in der Hoffnung auf eine lichte Zukunft, sondern in der Abwehr der kommenden Katastrophe.
5. Israel als "Abschlagszahlung auf den Kommunismus":
Nachdem die bürgerliche Aufklärung und die proletarische Weltrevolution ihre Emanzipationsversprechen gebrochen haben, sei Israel die "gelungene erste Abschlagszahlung" auf eine staaten- und klassenlose Weltgesellschaft. Es ist das "vorläufige Endresultat der Geschichte", ein Inbegriff der Niederlagen, aber gleichzeitig die einzig verbliebene, konkrete Form der Rettung vor der Vernichtung. Israel ist daher für Kommunisten nicht nur zu verteidigen, sondern ein "Erkenntnisproblem allerersten Ranges", an dem sich eine neue, nicht-ideologische kommunistische Theorie und Praxis erfinden müsse.
6. Die Kantische Rechtfertigung des Zionismus:
Bruhn liefert die für ihn "philosophisch bestmögliche Rechtfertigung des Zionismus" durch einen Rückgriff auf Immanuel Kants Schrift "Zum ewigen Frieden". Das Recht auf gemeinschaftlichen Besitz der Erdoberfläche impliziere, dass niemandem das Recht auf Existenz an einem Ort der Erde verweigert werden dürfe. Wenn dieses Recht verweigert wird, entstehe daraus das Recht, sich dieses Sein auf einem Stück Erde zu erzwingen. Dies sei der schärfste Einwand der Aufklärung gegen ein völkisches "Recht des Erstgeborenen".
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Dieser Vortrag von Joachim Bruhn (Ça ira Verlag) ist sagenhafte 23 Jahre alt, enthält ein Intro von Stephan Grigat und hat nichts von seiner