Der Raum hat etwas Seltsames an sich. Das Licht ist gedämpft und es läuft Musik, trotzdem wirkt alles klinisch und kalt. Die Wände sind schwarz gestrichen und an ihnen hängen Kerzenhalter mit Plastikkerzen. Die kleinen, elektrischen Lämpchen flackern und viele von ihnen sind bereits ausgefallen. In der hinteren, linken Ecke drängt sich ein hölzerner Tresen in den Raum und die Fensterfront vor der wir stehen ist mit Folie verklebt. Rechts von uns führt eine kleine Metalltür in einen langen Flur und der raus auf die Straße.
„Hast du das gesehen?“, fragt sie und zeigt in Richtung Bar. „Der Typ hat die Barkeeperin so extrem angezwinkert, ich wette er hat einen Sex on the Beach bestellt und hält sich dabei für besonders witzig.“
Kurze Zeit später hält der Mann tatsächlich einen Cocktail in der Hand. Mit dem Rücken an den Tresen gelehnt, ist er inzwischen damit beschäftigt verkrampft lässig George Michaels Faith mitzuschnippen und wahllos Frauen zuzuzwinkern, die nicht die Barkeeperin sind, ungeachtet der Tatsache, dass die meisten wahrscheinlich nicht einmal halb so alt sind wie er.
Es gibt keine richtige Tanzfläche und so befinden sich alle gleichermaßen am Rand und trotzdem im Zentrum. Die Frauen tragen zum großen Teil Klamotten, die zu kurz sind, in der Hoffnung sexy zu wirken und bei einigen Männern scheint das auch durchaus zu funktionieren, zumindest wird hier verzweifelt eng getanzt. Lauter Gestalten, die nicht einsehen wollen, dass die Nacht vorbei ist und es Zeit ist nachhause zu gehen, auf der Suche nach dem Moment, der es rechtfertigt heute das Haus verlassen zu haben.
Ich fühle mich hier nicht sonderlich wohl und ich glaube ihr geht es ähnlich, so wie sie immer wieder Blicken ausweicht oder energisch den Kopf schüttelt, wenn ihr wieder einmal ein Mann mit Ehering etwas zu Trinken ausgeben möchte, aber draußen ist es kalt und alle Türen inzwischen verschlossen. Ich nehme den letzten Schluck warmer Spucke aus meiner Bierflasche und überlege kurz ob es sich lohnt, jetzt noch Geld auszugeben um mich erneut zu betrinken. Ein Vollrausch ist nie Geldverschwendung, beschließe ich und als ich sie fragen will, ob ich ihr auch noch ein Bier mitbringen soll, sagt sie: „Wollen wir gehen? Ich glaube nicht, dass es sich lohnt noch länger hier zu bleiben.“
Und so öffnen wir die kleine Metalltür, taumeln den Flur entlang, drücken eine weitere Tür auf und landen auf dem Bürgersteig. Geblendet von der Sonne blinzeln wir und versuchen herauszufinden wo genau wir sind. „Ich muss zum Bus. Du auch?“
„Nein“, antworte ich. „Ich kann von hier aus zu Fuß gehen.“
„Begleitest du mich noch ein Stück?“
Die Hände in den Taschen und die Jacken bis oben geschlossen, gehen wir nebeneinander her. Meine Mütze muss ich im Lauf des Abends verloren haben, also habe ich mir die Kapuze von meinem Pullover aufgesetzt, sie hingegen hat sich ihren Schal um den Hals und das halbe Gesicht gewickelt um sich gegen die Kälte zu schützen.
„Was für ein Laden oder?“
„Allerdings. Ich frage mich immer noch, wie ich da gelandet bin.“
„Naja, es hat ja auch was Gutes. Sonst wären wir uns wohl kaum begegnet.“
Wir gehen weiter die Straße runter. Manchmal tritt einer von uns einen Becher oder einen Stein durch die Gegend. An den Bäumen hängen schon lang keine Blätter mehr, die man abreißen könnte. Dann und wann stoßen wir mit den Schultern zusammen.
„Hier. In die Straße muss ich rein. Da ist meine Haltestelle.“
„Dann ist es jetzt wohl an der Zeit sich zu verabschieden. Darf ich dich was fragen?“
„Vielleicht findest du das jetzt ein bisschen frech, aber wollen wir uns küssen?“
Kurz wird sie stutzig und mustert mich, dann lacht sie.
„Das ist in der Tat frech!“ Einen kleinen Augenblick zögert sie, dann gibt sie mir - immer noch lachend - einen Kuss auf die Wange und wir umarmen uns. Ich blicke ihr hinterher und tatsächlich dreht sie sich noch einmal um, um mir mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht zu winken. Ich muss auch grinsen und winke zurück, dann wirbeln ihre Haare, sie setzt ihren Weg fort und auch ich gehe nachhause.
Kurz bevor ich bei meiner Haustür ankomme, vibriert mein Handy. Eine Nachricht von ihr: „Vielleicht können wir uns ja mal wieder sehen. Das würde mir sehr gefallen.“
„Unbedingt!“, schreibe ich zurück und bin mir sicher, das würde mir sehr gefallen.