Die Ohrwurm-Falle
Am Anfang ist es fast niedlich. Du singst „La-Le-Lu“, dein Baby schläft und du denkst, du hättest die perfekte Lösung für alle Schlafprobleme gefunden. Aber dann passiert es: Das Lied bleibt. Es geht nicht mehr weg. Du gehst in die Küche, um dir einen Kaffee zu machen, und was summst du? „La-Le-Lu.“ Du stehst unter der Dusche und hörst nichts außer dem Plätschern des Wassers – und deinem eigenen Summen. „La-Le-Lu.“ Es ist, als hätte sich das Lied in deinem Kopf festgekrallt, wie eine überambitionierte Klette, die sich weigert, loszulassen. Gratulation, du hast gerade deinen ersten musikalischen Parasiten eingefangen!
Aber natürlich bleibt es nicht bei einem. Das wäre ja zu einfach, zu harmlos. Nein, der musikalische Terror eskaliert schneller als du „Schlaf, Kindlein, schlaf“ sagen kannst. Plötzlich bist du wie eine menschliche Jukebox, die nur drei Lieder kennt, und jedes davon dreht in einer endlosen Dauerschleife. „Schlaf, Kindlein, schlaf“? Klar, ich schlafe sowieso nicht mehr, warum also nicht auch mein Gehirn mit diesem kleinen Meisterwerk foltern? Ach, und „Alle meine Entchen“ schwimmen jetzt auch noch in meinem Kopf herum. Und sie schwimmen. Und schwimmen. Und hören einfach nicht auf, diese verdammten Entchen.
Ich weiß nicht, wer das geschrieben hat, aber ich vermute, es war ein Sadist. Diese Lieder sind nicht für Kinder gemacht – sie sind für Eltern gedacht, um sie systematisch in den Wahnsinn zu treiben. Es ist, als ob jemand die Gebrauchsanleitung für deinen Verstand verloren hat, und jetzt hängt dein Gehirn in einer Art Endlosschleife fest. Du gehst durch den Supermarkt, dein Kind ist zu Hause und schläft, und was summst du? „Schlaf, Kindlein, schlaf.“ Warum? Weil dein Gehirn kapituliert hat. Es hat sich ergeben. Das Kinderlied hat gewonnen.
Und dann, wenn du denkst, es könnte nicht schlimmer werden, passiert das Unvermeidliche. Du liegst nachts wach – und das wirst du übrigens die nächsten 18 Jahre lang tun – und plötzlich hörst du es: „Bruder Jakob, Bruder Jakob, schläfst du noch?“ Ich meine, ist das nicht der ultimative Schlag ins Gesicht? Schlafen? Wirklich? „Schläfst du noch?“ Nein, natürlich nicht! Aber danke, dass du mich daran erinnerst, wie wenig Schlaf ich bekomme. Und ja, ich werde jetzt in einer Endlosschleife „Bruder Jakob“ summen, während ich verzweifelt versuche, noch eine Stunde Schlaf zu bekommen.
Es gibt Momente, in denen ich glaube, mein Gehirn hat sich komplett verabschiedet. Es ist, als wäre es in den Ruhestand gegangen und hätte einem Kinderlieder-DJ die Kontrolle überlassen. Es gibt keinen Moment des Friedens mehr. Kein einziges. Selbst wenn das Baby schläft, summt es weiter in meinem Kopf. „Alle meine Entchen“ wird zum Soundtrack meines Lebens. Diese kleinen Biester schwimmen fröhlich umher, während ich wie ein Zombie durch meinen Alltag stolpere, vollkommen unfähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.
Ich frage mich manchmal, ob das eine Form von Folter ist, die noch nicht ganz entdeckt wurde. Schlafentzug kombiniert mit musikalischer Gehirnwäsche. Perfekt. CIA, ruft mich an, ich habe hier die perfekte Taktik entwickelt, um Geständnisse aus den härtesten Verbrechern zu holen: Einfach eine Woche mit einem Säugling und den immer gleichen drei Kinderliedern. Danach gestehen sie alles. Garantiert.
Und das Schlimmste? Es wird nicht besser. Die Lieder ändern sich, klar, aber das Grundproblem bleibt. Irgendwann wird aus „Schlaf, Kindlein, schlaf“ vielleicht „Häschen in der Grube“, aber der Effekt bleibt der gleiche. Das Lied nistet sich in deinem Kopf ein, frisst sich durch deine Synapsen und hinterlässt ein Trümmerfeld. Du versuchst, etwas anderes zu summen – irgendwas, um diesen Wahnsinn zu stoppen. Aber nein, dein Gehirn hat jetzt eine Vorliebe für Kinderlieder entwickelt. Es gibt kein Zurück. Du bist verloren.
Natürlich, irgendwann wird das Kind älter und du hoffst, dass du wieder „richtige“ Musik hören kannst. Vielleicht mal wieder einen Song mit Bedeutung, mit Substanz. Aber nein, denk noch mal nach. Stattdessen wirst du von den nächsten Ohrwürmern geplagt. Vielleicht „Baby Shark“ oder „Let it go“. Es gibt kein Entrinnen. Dein Gehirn ist offiziell in die Welt der Kinderlieder gezogen, und dort wird es für immer bleiben.
Ich denke, das ist das Schlimmste an der ganzen Sache. Nicht die schlaflosen Nächte, nicht das ständige Windelwechseln, nicht mal das Geschrei. Nein, es sind die Lieder. Die Musik. Diese simplen, harmlos wirkenden Melodien, die sich in dein Leben schleichen und es nie wieder verlassen. Sie sind wie die Hausgäste, die einfach nicht gehen wollen. Und während du versuchst, irgendwie die Kontrolle über deinen Alltag zurückzuerlangen, summt dein Gehirn weiter.
„La-Le-Lu, nur der Mann im Mond schaut zu…“ Ja, klar. Aber der Mann im Mond lacht sich wahrscheinlich gerade schlapp.
















