Erwin
Der Blick in den Spiegel morgens, nur ganz kurz, weil ich auch gleich los muss. Da ist sie, eine kleine
Wölbung am oberen Ende der Nase, bei dem Übergang zur Stirn. Später lerne ich bei Google, dass es sich hierbei um die sogenannte T-Zone handelt, ich lerne noch viel mehr bei Google, aber dazu später.
Ich stehe da, auf dem Sprung zur Arbeit, mir sind Pickel eigentlich egal, solange sie nicht mitten in meinem Gesicht prangen. Versuche ihn auszudrücken machen alles viel schlimmer, denn jetzt prangt in meiner T-Zone ein riesiger knallroter Knubbel, der sich weigert Ausgedrückt zu werden.
Egal, denke ich, das wird schon irgendwie. Doch der Pickel lässt mir keine Ruhe, ich beginne ihn zu fühlen, ich konzentriere mich gar nicht mehr auf die Arbeit, ich bin beschäftigt einen gefühlt riesigen Knubbel am einen Ende meiner Nase zu spüren. Was tut man schließlich, wenn man einen riesigen Knubbel-Pickel spürt? Genau, man spielt unauffällig daran rum.
In der Pause sehe ich, dass das gar keine gute Idee war, der Pickel ist mittlerweile röter als ein Ampelmännchen. Letzter Ausweg im 21ten Jahrhundert ist also das Problem zu Googeln.
Da lerne ich, dass sich eben dieser Knubbel in meiner T-Zone befindet und das es sich um einen unterirdischen Pickel handelt, der Zeit braucht bis er soweit ist auszubrechen und ja, ich lese auch:
Bitte nicht daran rum drücken, warten Sie, tupfen Sie ihn mit Teebaumöl ein und wenn Sie es eilig haben, machen Sie Ziehsalbe drauf, aber Achtung, das macht den Pickel erst einmal schlimmer.
Da ich eindeutig nicht daran interessiert bin, dass dieser Pickel noch schlimmer wird, beschließe ich ihn auf den Namen Erwin zu taufen und zu warten. Ich warte darauf, dass sich Eiter dazu entschließt weiter an die Oberfläche zu dringen.
Soweit so gut, der Feierabend und der nächste morgen stellen mich auf die Probe, denn ich darf nicht an Erwin rumdrücken, da Google sagt:
Ich soll warten.
Meiner Meinung nach ist Erwin über Nacht sogar etwas gewachsen, doch ich tupfe ihn mit Teebaumöl ein und überschminke ihn nicht, weil Google sagt, dass das auch nicht gut ist.
Der Tag läuft ganz gut mein unterirdischer Erwin und ich arbeiten, wie man eben arbeitet, wenn man keinen Erwin hat, also alles normal, bis zur Pause. Eisern hielt ich mich daran, nicht an Erwin rumzudrücken und zu warten, ja ich habe ihn manchmal sogar vergessen.
Doch dann in der Pause schaut mich eine Kollegin an, sie schaut mich an, schaut kurz weg, schaut mich wieder an schließlich:
“ Aha, heute also als Einhorn unterwegs.“
Ich verstehe erst gar nicht was sie meint, doch sie deutet auf Erwin. Ich lächle das Einhorn einfach weg, schnappe nach Luft um etwas witziges zu sagen, doch der Kollege von gegenüber meint schon:
“ Wohl eher drittes Auge.“. Lächelnd sage ich:
“ Ach das ist einfach nur ein Doofer Pickel.“
Nehme aus Spaß meine Mütze und ziehe mir sie so tief ins Gesicht, dass sie Erwin verdeckt.
Den Rest des Tages darf ich mir immer wieder irgendwas doofes über Erwin anhören und es nervt mich, ja, Erwin ist ein Pickel, ein unterirdischer sogar, was Erwin für mich sogar zu etwas besonderem macht.
Jeder Mensch hat immer wieder mal einen Erwin ob über- oder unterirdisch, wahrscheinlich benennen sie ihre Pickel gar nicht oder geben ihnen andere Namen, wie Gisela.
Nur weil man nicht die makellose Haut aus einer Hautcreme-Werbung hat, man Erwin nicht mit Produkten aus der Kosmetikindustrie verdeckt, weil man sagt:
“Hey das ist mein Körper, der hat heute eben mal so richtig Bock auf einen Erwin, deswegen verstecke ich ihn nicht. Ich stehe zu Erwin!“
Ist es scheinbar für Menschen eine Einladung Grenzen zu überschreiten und den Träger des Erwins unermüdlich mit doofen Sprüchen darauf hinzuweisen, dass Erwin nicht ins Bild der heutigen Gesellschaft passt.
Nach drei Tagen warten ist Erwin einfach verschwunden, er hat noch nicht mal Tschüss gesagt oder seine Nummer hinterlassen.













