Und sieh! die tage die wie wunden brannten · In unsrer vorgeschichte schwinden schnell .. Doch alle dinge die wir blumen nannten · Versammeln sich am toten quell
stefan george: maß und mitte
In Georges Versen erkenne ich eine Ordnung, die unserer Zeit entschwunden ist: eine gezügelte, unerbittlich klare Musik, ein Sprachgesetz, das Übermaß verweigert und gerade darin seine Kraft entfaltet. Dieser Ton begleitet mich seit Jahren. Er schärft, sondert aus, lässt nur das Notwendige stehen – und schafft eine Helle, die sich nicht feilschen lässt.
Trakl, Baudelaire, Hölderlin bleiben gewichtige Stimmen, doch sie bilden nur die Vorfelder. Im Mittelpunkt steht George – nicht als Kultgestalt, sondern als Hüter der Form. Sein Kreis erscheint als Bezirk konzentrierter Arbeit, strenger Sammlung, stiller Zucht.
mein blog: rosen und disteln
Zwischen diesen Zeilen liegen Rose und Distel, Liebe und Schmerz – nicht als Gegensätze, sondern als geforderte Spannung. Die Rose als Möglichkeit, die Distel als Grenze. Beides gehört zur Arbeit an der Gestalt; beides prägt den Ton, in dem ich lese und schreibe.
Georges Sprache ist kein Zierrat, sondern ein Palast der Worte, der Maß fordert und Gehorsam erzwingt. Wer ihn betritt, schreitet bewusster, findet eine Ruhe, die nicht weicht. Für mich ist George keine Figur der Vergangenheit, sondern ein gegenwärtiger Maßstab – einer, der nicht laut werden muss, um zu gelten.
Rosen und Disteln: Man pflückt beides – oder man pflückt nichts. Die Rose öffnet, die Distel ordnet. Die eine lockt zur Möglichkeit, die andere zwingt zur Haltung. Wer Form sucht, muss die Hand in beide Sträucher strecken, wissend, dass Schönheit sticht und Maß nicht nachgibt. Nur wer beides nimmt, hält etwas, das Bestand hat.
B A S T I A N · V A N · D I E T Z
vita des meisters
Stefan George stammte aus dem rheinfränkischen Gau, dem alten Kulturland, in dem sich germanische und romanische Einflüsse seit Jahrhunderten vermischt haben. In seinen Dichtungen leben das Erbe der Antike, die klassisch‑aristokratische, streng geformte Sprache, die Ideale des Humanismus und die Wehmut und Melancholie, die träumende Romantik der deutschen Seele.
In leidenschaftlicher Auflehnung gegen die brutale, alle Härten und Auswüchse des Lebens zur Schau stellende naturalistische Literatur des 19. Jahrhunderts suchten George und seine Freunde die Stille, das Gleichmaß des Schönen, die „Mitte des Daseins“. Erst spät ist der Meister mit seinen Jüngern an die Öffentlichkeit getreten, und fast widerwillig geschah die Drucklegung ihrer Werke. In den „Blättern für die Kunst“ formulierte Stefan George sein Programm: l’art pour l’art:
ᴋᴇɪɴᴇ ᴇʀꜰɪɴᴅᴜɴɢ ᴠᴏɴ ɢᴇꜱᴄʜɪᴄʜᴛᴇɴ · ꜱᴏɴᴅᴇʀɴ ᴡɪᴇᴅᴇʀɢᴀʙᴇ ᴠᴏɴ ꜱᴛɪᴍᴍᴜɴɢᴇɴ · ᴋᴇɪɴᴇ ʙᴇᴛʀᴀᴄʜᴛᴜɴɢ · ꜱᴏɴᴅᴇʀɴ ᴅᴀʀꜱᴛᴇʟʟᴜɴɢ · ᴋᴇɪɴᴇ ᴜɴᴛᴇʀʜᴀʟᴛᴜɴɢ · ꜱᴏɴᴅᴇʀɴ ᴇɪɴᴅʀᴜᴄᴋ.
Der Heidelberger Dichterkreis, den George als Magier und Priester des Wortes und Geistes beherrschte, wollte allein der Kunst dienen, unabhängig vom Beifall und Verständnis der Menge. In einsamem Stolz formte der Meister […] die dunklen, nachtschweren, strengen Verse, die geheimnisvoll deutenden Worte. Er war ein überzüchteter Nachfahre von Novalis, Hölderlin und Jean Paul, ein Bruder der Franzosen Mallarmé und Baudelaire. Der Tod nahte sich ihm als willkommene Erlösung in selbsterwählter Verbannung. Stefan George starb am 4. Dezember 1933 in der Nähe von Locarno.
AUS: DIE GROSSEN DER WELT
UNSER [CREDO]













