seen from United States
seen from Canada
seen from United Kingdom

seen from United States
seen from Germany
seen from Netherlands
seen from Spain

seen from Czechia
seen from Brazil
seen from United States
seen from United States
seen from Portugal
seen from Czechia
seen from China
seen from United States

seen from Netherlands

seen from Canada
seen from Portugal
seen from United States

seen from United States
foto: bastian van dietz
friedrich gundolf
D E R · K R O N P R I N Z · U N D · D E R · D E S P O T
Es war das Jahr 1899, als die Gravitationskräfte zweier Geister aufeinanderprallten: Der junge, geniale Friedrich Gundolf trat in den Bannkreis von Stefan George. Was als Begegnung begann, entwickelte sich rasch zur radikalsten Meister-Jünger-Symbiose der Moderne. George suchte keine Schüler, er suchte Gefäße für seine Ideale – und in Gundolf fand er das vollkommene Echo.
⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯
Vom Jünger zum Architekten des Mythos Gundolf war nicht bloß ein Mitläufer; er wurde zum Chefideologen des Kreises. Mit einer Eloquenz, die fast die seines Meisters erreichte, goss er Georges Herrschaftsanspruch in literaturwissenschaftlichen Beton. Als Herausgeber des "Jahrbuchs für die geistige Bewegung" wurde er zum Schwert des Meisters, das gegen den „Staub“ der profanen Welt geführt wurde. Er war der Lieblingssohn, der Interpret, das strahlende Gesicht einer neuen, geistigen Aristokratie.
Das Gesetz der totalen Hingabe Die Bindung war absolut. George formte, Gundolf resonierte. Doch der Preis für den Platz an der Seite des Propheten war die Aufgabe jeder privaten Autonomie. Im George-Kreis galt: Wer dem Geist dienen will, darf keinem Fleisch gehören. In der Welt des Meisters gab es keinen Raum für bürgerliche Kompromisse oder private Schwächen.
Der Fall aus dem Olymp Das Ende kam nicht mit einem Paukenschlag, sondern durch das (in Georges Augen) unentschuldbare Verbrechen der Menschlichkeit. Als Gundolf in den 1920er Jahren persönliche Lebensentscheidungen traf, die das rein geistige Ideal in Georges Augen besudelten, deutete der Meister dies als Hochverrat. 1926 vollzog George die Exkommunikation: Er brach den Kontakt endgültig ab. Der Kronprinz wurde verstoßen, die Kette zerrissen.
Die Beziehung zwischen George und Gundolf bleibt das Musterbeispiel einer schöpferischen Unterwerfung, die in der Tragödie enden musste. Ein Bündnis, intensiv bis zur Selbstaufgabe und schließlich zerbrochen an der Unerbittlichkeit eines Mannes, der keine Götter neben sich duldete.
B A S T I A N · V A N · D I E T Z ⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯
Der Prophet
In einer Halle hat er mich empfangen Die rätselhaft mich ängstet mit Gewalt Von süssen Düften widerlich durchwallt, Da hängen fremde Vögel, bunte Schlangen,
Das Tor fällt zu, des Lebens Laut verhallt Der Seele Athmen hemmt ein dumpfes Bangen Ein Zaubertrunk hält jeden Sinn befangen Und alles flüchtet, hilflos, ohne Halt. Er aber ist nicht wie er immer war.
Sein Auge bannt und fremd ist Stirn und Haar. Von seinen Worten, den unscheinbar leisen Geht eine Herrschaft aus und ein Verführen Er macht die leere Luft beengend kreisen Und er kann töten, ohne zu berühren.
HUGO VON HOFMANNSTHAL
[ENTSTEHUNGSGESCHICHTE]
Stefan George und Friedrich Gundolf
Friedrich Gundolf
"Schließ Aug und Ohr für eine Weil vor dem Getös der Zeit": melancholische Zeilen, bekannt als das "Lied der Weißen Rose", weil Sophie Scholl es so geliebt haben soll. Geschrieben hat es aber der Germanist Friedrich Gundolf - ein Gedicht zum Abschied, erschienen kurz vor seinem Tod.
Geboren wird Friedrich Gundolf 1880 als Sohn eines jüdischen Mathematikprofessors in Darmstadt. "Große Männer" faszinieren ihn von Jugend an: Caesar, Dante, Goethe und Shakespeare sind für ihn Symbolgestalten ihrer Epoche. Ihnen widmet er auch seine wissenschaftliche Karriere als Professor an der Heidelberger Universität, arbeitet heraus, wie sie lebten und auf die Gegenwart wirken - ein Novum in der Germanistik. Der Titel seiner Habilitationsschrift ist Programm: "Shakespeare und der deutsche Geist". Die Fachwelt reagiert verhalten, vielleicht auch, weil das Publikum begeistert ist: Seine Bücher, elegant und mit leichter Hand geschrieben, erreichen Millionenauflagen. Und er wird ein Star bei den Studenten, obwohl er seine Skripte in einer "Art erhabenes Geleier" abliest. Hannah Arendt sitzt im Hörsaal, Golo Mann und Joseph Goebbels, der damals noch kein wüster Antisemit ist. Der "große Mann", der Gundolf in all diesen Jahren am meisten fasziniert, ist Stefan George. Der Lyriker nimmt ihn den blutjungen, bildschönen und charismatischen Mann 1899 in den Kreis seiner Anhänger auf, ändert den Geburtsnamen Gundelfinger in Gundolf und versucht, in ihm sein Dichter-Ideal zu verwirklichen. Der Schüler glüht vor Bewunderung: "Ich weiß, dass ich Ihnen vor allem verpflichtet bin, wenn ich überhaupt sehen gelernt, wenn ich einen Lebensinhalt habe", schreibt er. Meister und Schüler verehren einander zutiefst - solange, bis George einen neuen Liebling gefunden hat. Gundolf bleibt Georges engster Mitarbeiter. Aber es kommt endgültig zum Bruch, als der inzwischen 46-Jährige seine große Liebe heiraten will. Er hat die Frauen immer gemocht, hatte sogar eine uneheliche Tochter. Jetzt soll die langjährige Geliebte Elli Salomon seine Frau werden. George bekämpft sie mit allen Mitteln, aber Gundolf bleibt fest: Er will lieber "in die Hölle" mit ihr als ohne sie "in den Himmel", schreibt er am 21. Juni 1926. Es ist der letzte Brief an George. Unter der Trennung leiden beide, Gundolf wird todkrank. Er stirbt am 12. Juli 1931 an Magenkrebs und wird in seinem geliebten Heidelberg begraben.
Autorin des Hörfunkbeitrags: Jutta Duhm-Heitzmann
Redaktion: Hildegard Schulte
STEFAN GEORGE
Er ist das Nachtgespenst der deutschen Literatur und Geschichte
Dieser raunende, murmelnde Propagandist des sogenannten "Geheimen Deutschlands" stand den Nationalsozialisten gefährlich nahe und faszinierte auch den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der, kurz bevor er hingerichtet wurde, ausgerufen haben soll:
"Es lebe das Geheime Deutschland!"
Stefan George hat eine ganze "geistige Bewegung" in Gang gesetzt. Und der "Hauptsitz" seiner Bewegung war München.
Stefan George mit den Brüdern (v.re.) Berthold und Claus von Stauffenberg
Zahlreiche Geschichten ranken sich um die Gestalt Georges und den nach ihm benannten Kreis seiner Jünger, zu denen neben Hugo von Hofmannsthal und Klaus Mann auch die Brüder Berthold und Claus Graf Schenk von Stauffenberg zählten. Bis heute geheimnisvoll ist das nahezu hörige und zumindest homosexuell gefärbte, männerbündische Verhältnis der George-Schüler zu ihrem Meister, der ab 1903 in München lebte – als schon zu Lebzeiten legendäre Figur der Schwabinger Bohème.
Quelle
.