Spiegelgleiche Weisheit
Heute den ganzen Abend mit Günther verquatscht. Ein Handwerker aus Bayern (Schreiner), schon über 60 und Indien- und Puri-Liebhaber wie ich. Wir erzählten Indien-Geschichten. Zum Thema "Schreckliche Händleranmache" konnte ich eine Geschichte beitragen, die in meinem Indischen Tagebuch von 1986, "Halley's Komet" (Subtitel: Dem All gefällt der freie Fall) fehlt:
Nach 10 Tagen Schweigen in der Vipassana im Thai Tempel unter der Anleitung von Christopher Titmuss, davon 5 Tage mit Durchfall, war ich furchtbar sensibel geworden. Mein Denkapparat raste immer schneller, statt endlich Ruhe zu geben. Die wunderbar friedliche Stimmung nach der Einladung zum Abendessen durch das kleine Mädchen mit den großen schwarzen Augen war lange verflogen. Ich hielt das Experiment mit dem Schweigen für einen Fehlschlag. Leider meine Schuld, mein Hirn schien sich dafür nicht zu eignen. Kommunikationsfasten: vielleicht doch eine Spielart des Masochismus? Als der Durchfall ganz schlimm war, blieb ich im Kreuzgang im Keller des Thai-Tempel, wo wir Schlafstätten mit Moskitonetz zugewiesen bekommen hatten, einfach mal liegen. Ob ich oben schwieg oder unten, war doch egal. Ein sehr netter US-Amerikaner, der mitgekriegt hatte, dass es mir nicht so gut ging, ich glaube er hieß Bob, versorgte mich mit Bananen und Curd (Joghurt), um die Darmflora etwas zu besänftigen, schweigend. Nach Aufhebung des Schweigens erzählte er von Bhagwan Shree Rajneesh, dass dieser aus Oregon abhauen musste und jetzt, nicht weit, in Kathmandu, im Soaltee Oberoi Hotel, jeden Abend 2 Stunden Vortrag hielte. Im Keller hatte ich keine Zeitung gelesen. Und von Varanasi, was auch nur ein Katzensprung war, ginge ein täglicher Bus nach Kathmandu. Varanasi stand eh auf meiner Liste, was gab es da zu zögern.
Ich komme also in Varanasi nachts um 2 an. Schon auf dem Bahnsteig fällt eine Meute von Rikschafahrern über mich her. Ich flüchte in die Bahnhofsvorhalle und lege mich dicht zu den Schlafenden, bis sich die Rikscha Fahrer verzogen haben. Ich liege da auf dem Boden und genieße das in Ruhe-gelassen-werden, als mir jemand einen Chai in der Tonschale vor die Nase schiebt. 50 Peisa, ne halbe Rupie, das empfinde ich nicht als Belästigung, sondern als Bereicherung. Ein Angebot, das ich nicht abschlagen kann und dankbar annehme. Dann erbarmt sich doch noch ein netter Rikschafahrer und bringt mich zu einem akzeptablen Preis ins Garden View Hotel am Ganges, ebenfalls akzeptabel, Low Budget, sauber, fair. Das liegt ziemlich flußaufwärts, ziemlich weit zum Zentrum. Am nächsten Morgen ist also ein größerer Spaziergang flußabwärts angesagt. Spießrutenlauf wäre allerdings das treffendere Wort gewesen: permanent werde ich angequatscht, angefasst, gezupft, betatscht. Jeder will was verkaufen, oder auch erbetteln. Die Methoden, meine Aufmerksamkeit zu kriegen, sind raffiniert bis brachial. Je genervter ich werde, desto brachialer. Und ich bin ja noch so sensibel von der Vipassana! Ich kann das alles kaum aushalten. Nach 1 Stunde bin ich erschöpft. Ich schleppe mich noch eine Weile weiter, kann die Anmache nur noch mit fahrigen Armbewegungen abwehren. Da ist plötzlich Ruhe.
Ich bin am "Main Burning Ghat" angelangt, an einem Leichenverbrennungsplatz, wo jeder Hindu eingeäschert werden will, weil das superheiliges Areal ist und eine gute Wiedergeburt quasi garantiert. Ich setze mich auf eine Treppe und werde überhaupt nicht mehr angemacht, bin vorerst gerettet. Ich sehe 5 Scheiterhaufen, in jedem Stadium. Beim Aufschichten der elephantenbeindicken Holzscheite (mannshoch), mit Leiche (in weiße Laken mit Goldrändern gewickelt, mit Blumenkränzen geschmückt, die Füße nackt), beim Brahmanenritual (der Brahmane umkreist den Scheiterhaufen, während er Gebete spricht und heilige Ingredienzen streut), beim Anzünden, beim Runterbrennen, beim Asche einsammeln und im Ganges verstreuen. Ich entschließe mich, hier möglichst lange zu verweilen, natürlich nicht nur um den Händlern ein Schnippchen zu schlagen, sondern weil Leichenverbrennungsplätze Orte sind, die spirituellen Adepten durchgängig empfohlen werden. Ok, die Vipassana war gescheitert, aber das hier könnte noch ein Erfolg werden. Hier sitze ich bis in die Abendstunden. Meditiere. Vipassana. Ich entspanne seit langer Zeit mal wieder. Gegen Abend bieten mir Angehörige Shilums an. Es ist ein Shiva Platz. Ich rauche und flachse mit den Angehörigen. Ich nehme mir vor, in mein Testament, wenn ich mal eines mache, den dringenden Wunsch aufzunehmen, hier verbrannt zu werden. Geburt und Tod, Werden und Vergehen, das ist so natürlich! Was für eine nutzlose Aufregung und was ein Theater im Westen darum gemacht wird!
Ich bin jetzt verdammt gut drauf, der Rückweg liegt jedoch noch vor mir. Aber jetzt kommts: ich werde nicht mehr angemacht! Es gibt schon welche, die reflexartig reagieren, wenn sie mich aus den Augenwinkeln kommen sehen, aber sobald sie mich voll im Blick haben, lassen Sie ab. Ich versteh das noch nicht, bin aber dankbar dafür. Ich gehe wie auf Wolken. Erinnere mich an Situationen, wo ich dem Tod von der Schippe sprang, bin dankbar, am Leben zu sein, hier zu sein. Das Leben ist kurz, sehr kurz. Und doch ewig, wenn man sich mit dem Geist, und nicht mit dem Körper identifiziert.















