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Bodhgaya
Konnte gestern Abend im Zug nicht weiterschreiben. Diese furchtbaren Ruckler kamen unregelmäßig, alle paar Minuten. Es war, als ob ein Riese dem Wagon einen kräftigen Schubs geben würde, mit der oder gegen die Fahrtrichtung. Im Klo wäre ich deshalb beinahe zu Fall gekommen. Das war für mich ein vollkommen neues Phänomen bei der indischen Eisenbahn. Ich stellte mir vor, dass der verantwortliche Bahn-Mitarbeiter, ein waschechter Inder, als ihm das Phänomen bekannt wurde, als erstes dachte, bis jetzt ist es gut gegangen, also wird es auch weiter gut gehen; erst mal beobachten, bis man die Ursache erkennt, wenn nötig, längerfristig.
Da ich nicht mehr schreiben konnte, hab ich gelesen. Der Münchner Kunstmaler, Detlef, vom NILAMBU hat mir ne alte Leipziger Ausgabe von “Anton Reiser” geschenkt bzw. getauscht gegen mein Tantra Buch. Ich erkannte alles sofort wieder. (Amerikanischer Akzent an) Ich bin kein Berliner, ich bin ein Anton Reiser (amerikanischer Akzent aus). Meine Kindheit nach dem Krieg in einem stockkatholischen Haus im Nordschwarzwald hat noch diesen Geist geatmet. Heute findet man das wohl kaum noch, aber direkt nach dem Krieg, auf dem Dorf, war das noch so. Die Lehrer konnten z. B. auf die Prügelstrafe zurückgreifen. Faszinierend, wie die geschilderten Kindheitserlebnisse den meinigen glichen bzw. gleichen. Unter anderem hat er, das Kind Anton Reiser, Gott gespielt und Massaker unter Pflanzen hinterm Haus veranstaltet, mit landwirtschaftlichem Gerät bei geschlossenen Augen, wobei ihn die Vorstellung, dass manche Pflanzenwesen rein zufällig dran glauben müssen und andere nicht, dass also eine blinde Willkür Gottes waltet, erregt hat. Diesen Gott stellte ich mir vor, wie er nach dem Zugunglück fein und böse lächelt, während wir Fahrgäste, mehr oder weniger zerbrochen, zerrissen, zerquetscht, unser Leben aushauchen.
Bei solchen Gelegenheiten kann ich es aber auch nie lassen, darüber nachzudenken, ob wirklich davon abzuraten ist, sich ein mögliches Unglück detailreich auszumalen. Nach dem Motto: das Beste hoffen, aber auch das Schlimmste befürchten, und dazu muss man sich das Schlimmste ja erst mal vorstellen. Es gibt nun viele Hobby-Mystiker, die behaupten, dadurch würde die Wahrscheinlichkeit des Eintretens erhöht, man würde das Unglück direkt anziehen. Gruselige Idee, dass meine Angst oder mein Pessimismus mit ursächlich ist für den möglichen Eintritt des Schlimmsten. Um das zu testen, hab ich mal, in den 70ern während eines Korsikaurlaubs, an der Südspitze bei Bonifacio unter einem riesigen, überhängenden Berg, der sich über Jahrtausende aus Salz und Sand, Sonne und Meer gebildet hatte, sitzend, mich darauf konzentriert, dass der Berg ausgerechnet jetzt – normal macht er das nur alle 100 Jahre – zusammenkracht und mich unter sich begräbt. Ich hab mich weder getraut, mich voll darauf zu konzentrieren, noch hielt ich für möglich, dass das funktionieren kann. Ein seltsames Dilemma.
Also, um mal einen Schlusspunkt zu setzen (ich will jetzt noch im Hellen die Stupa von Bodhgaya begrüßen), nach meiner Erfahrung tritt eher das Gegenteil ein. Sonst wäre ich schon lange tot!