David:
„Meld dich… wenn du willst…“
*bleibt noch einen Moment lang in der Tür stehen und alles in ihm fleht nur, dass Matteo ihn doch aufhält, ihn doch bittet, zu bleiben, aber er sieht Matteo nur leicht nicken und spürt, wie der Kloß in seinem Hals immer dicker wird, so dass er schließlich schweren Herzens Matteos Zimmer verlässt*
*ist froh, dass ihm in der WG niemand begegnet, dass Hans und sein Date anscheinend das richtige Zimmer gefunden haben und sich weder im Wohnzimmer noch in der Küche jemand aufhält*
*hat den Eindruck, dass der Weg durch das Wohnzimmer und den Flur weiter scheint als sonst – wahrscheinlich liegt es daran, dass er ihn nur langsam zurücklegt, in der Hoffnung, dass Matteo es sich doch anders überlegt*
*erreicht aber schließlich die Wohnungstür und es klingt ein bisschen endgültig, als sie hinter ihm ins Schloss fällt*
*schafft es bis zum ersten Treppenabsatz nach unten, merkt dann aber, dass der Kloß in seinem Hals so dick geworden ist, dass nun doch Tränen über seine Wange laufen, auf einmal seine Beine zittern, sein Herz schmerzt und sein Kopf rauscht*
*hält sich leicht taumelnd am Treppengeländer fest und lässt sich schließlich auf die Stufen gleiten*
*versucht zunächst noch, seine Tränen zu unterdrücken, runter zu schlucken, gibt aber irgendwann auf und denkt sich, dass sie vielleicht einfach raus müssen - nur ein bisschen, nur eine kurze Pause, denn er weiß, dass er nicht hier bleiben kann*
*‚Ich hab ihn verloren!‘ - dieser eine Gedanke kreist immer wieder durch seinen Kopf und es fällt ihm schwer, nicht laut aufzuschluchzen und somit irgendeinen Hausbewohner auf sich aufmerksam zu machen*
*wünscht sich gerade einfach nur, es irgendwie nach Hause zu schaffen, niemandem begegnen zu müssen und sich dort in seinem Bett zu verkriechen zu können, aber der Weg dorthin scheint gerade meilenweit und der Gedanke daran, dass Matteo eigentlich nur wenige Meter von ihm entfernt, aber doch gerade so unerreichbar ist, macht es nicht besser*
*hört nach kurzer Zeit ganz oben im Haus eine Tür und Stimmen und springt sofort panisch auf – so soll ihn niemand sehen*
*wischt sich hektisch die Tränen vom Gesicht und schluckt die, die nachkommen wollen, verzweifelt runter*
*taumelt die letzten Stufen bis zur Eingangstür runter und verlässt das Haus*
*schließt draußen angekommen sein Fahrrad auf und schiebt es bis zur Bordsteinkante*
*unterdrückt den Drang, noch einmal zu Matteos Fenster hoch zu schauen, denn er will die Enttäuschung nicht spüren, die wohl oder übel die Hoffnung mit sich bringt, Matteo könnte dort oben stehen und ihn doch noch aufhalten*
*steigt aufs Rad und fährt los*
*merkt schon nach einigen Metern, dass ihm erneut Tränen in die Augen steigen und versucht irgendwie seine Gedanken zu ordnen, schafft es aber nicht, da er sich irgendwie auf den Verkehr konzentrieren muss und zudem versucht, Blickkontakt mit Passanten zu vermeiden, damit niemand sieht, wie mies es ihm geht*
*ist froh, als er endlich zu Hause ankommt und schließt sein Rad am Bauzaun fest*
*fährt sich noch einmal durch’s Gesicht und atmet tief durch für den Fall, dass Laura zu Hause ist und ihn sieht*
*will jetzt keine Fragen und kein Gespräch, sondern einfach an ihr vorbeikommen und seine Ruhe*
*schließt dann oben die Tür auf und hört Laura schon in der Küche singen*
*schließt kurz die Augen, als er merkt, dass sie ihn bemerkt hat und in den Flur kommt und hört kurz darauf schon ihre fröhliche Stimme: „Ich gehe davon aus, du warst bei Matteo? Wie immer, wenn mein Bruder spurlos über Nacht verschwindet… Das nächste mal könntest du ruhig Bescheid…“*
*hört sie stocken und öffnet die Augen, nur um zu sehen, dass sie einen Schritt näher kommt und fragt: „Was ist passiert?“*
*weicht automatisch einen Schritt zurück in Richtung seiner Zimmertür und schüttelt den Kopf*
*spürt schon wieder einen Kloß im Hals und murmelt nur*
Jetzt nicht, okay?
*drückt dann seine Tür auf, verschwindet in seinem Zimmer, schließt sie und lehnt sich von innen dagegen*
*spürt schon wieder Tränen in seinen Augen und wie seine Schwester von außen leicht gegen die Tür klopft: „David?!“*
*schüttelt vehement den Kopf und sagt so kraftvoll, wie er kann und leicht wütend*
Jetzt nicht!!
*dreht dann den Schlüssel in seiner Tür um und taumelt zum Bett*
*vergräbt sein Gesicht im Kopfkissen und hat genau in dem Moment das Gefühl, entspannen und endlich frei weinen zu können*
*erschreckt sich fast vor sich selbst, als er einmal laut aufschluchzt und dann bitterlich in sein Kissen weint*
*hat irgendwie nur wenige Gedanken im Kopf, die sich ständig wiederholen, nämlich, dass er Matteo verloren hat, dass er es ihm früher hätte sagen sollen, dass er sich nie in ihn hätte verlieben dürfen, dass es abzusehen war, dass Matteo es nicht versteht, dass es dumm von ihm war, sich Hoffnung zu machen, dass er gestern Abend nicht hätte zu ihm fahren sollen und immer und immer wieder, dass er ihn verloren hat*
*spürt, dass irgendwann das große Schluchzen nachlässt und keine Tränen mehr nachkommen, bleibt aber noch einen Moment in der gleichen Position auf dem Bett liegen und lässt die letzten 14 Stunden Revue passieren*
*als die Nachricht von Matteo kam, hatte er gar nicht wirklich nachgedacht – natürlich wollte er mit Matteo zusammen sein – wie konnte Matteo nur auf den Gedanken kommen, dass er es nicht wollen würde*
*allein der Gedanke, dass es Matteo immer noch genauso gehen könnte, dass Matteo ebenfalls immer noch mit ihm zusammen sein wollte, hatte ihn dazu bewogen, ohne Nachzudenken auf sein Fahrrad zu steigen und den kurzen Weg zu Matteo in Rekordzeit zurück zu legen*
*die Zweifel und die Angst waren erst gekommen, als er schon auf den Klingelknopf gedrückt hatte und so war er ganz froh gewesen, dass Matteo ihn gebeten hatte, kurz unten zu warten*
*erst in diesem Moment, war ihm klar geworden, dass er es Matteo sagen _musste_, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen war, ob nun richtig oder falsch, aber dass Matteo es verdient hatte, endlich die Wahrheit zu erfahren, dass er ihm das schuldig war und dass Matteo eine Erklärung und eine Entschuldigung dafür verdient hatte, dass er den Kontakt so plötzlich abgebrochen hatte, denn erst, wenn Matteo wusste, worum es eigentlich ging, hatten sie eventuell eine minimale Chance, tatsächlich zusammen sein zu können*
*hatte nicht die geringste Ahnung, wie er Matteo alles erklären soll und wäre am liebsten wieder umgedreht und zurück nach Hause gefahren, als er den Türdrücker gehört hatte*
*hatte aber dennoch die Türe aufgedrückt und oben im Treppenhaus leises Gemurmel vernommen, was seinen Fluchtinstinkt kurz wieder verstärkt hatte*
*allein der Gedanke, Matteo wiedersehen zu können, hatte ihn aber schließlich dazu gebracht, doch die Treppen hochzusteigen*
*und als er ihm dann endlich gegenüber stand, da waren alle Worte weg gewesen, da war nur noch die Sehnsucht nach Matteo und dieser dicke Kloß im Hals*
*hatte ein paar mal versucht, anzufangen, zumindest eine Entschuldigung heraus zu bekommen, aber die plötzliche Nähe zu Matteo und der Blick in Matteos Augen, die so viel Schmerz und Verwirrung, aber gleichzeitig auch Vertrauen, Sehnsucht und Liebe ausgestrahlt hatten, hatten ihn alle Worte vergessen lassen, so dass er schließlich dem immer stärker werdenden Drang nachgegeben und Matteo einfach in die Arme geschlossen hatte*
*hatte das Gefühl gehabt, endlich wieder dort zu sein, wo er hingehört, als Matteo nach minimalem Zögern die Umarmung erwidert hatte und sein rasendes Herz hatte sich nach kurzer Zeit ein wenig beruhigt und sein Körper entspannt*
*könnte inzwischen gar nicht mehr sagen, wie lange sie im Flur gestanden und sich einfach nur umarmt hatten, aber seine Gedanken und sein schlechtes Gewissen waren irgendwann wieder lauter geworden, so dass er sich nach einiger Zeit leicht von Matteo gelöst und seine Stirn gegen seine gelegt hatte*
*die Worte in seinem Kopf waren immer noch nicht in eine logische Reihenfolge gebracht und zudem war da die Sehnsucht in ihm, wenigstens noch ein bisschen in der Illusion zu leben, dass alles gut war, weil sie wieder zusammen waren, ein bisschen in der Illusion zu leben, dass sie einfach nur zwei Jungs waren, die einander mochten und zwischen denen nicht dieses riesengroße Geheimnis steht, was alles kaputt machen könnte*
*hatte sich irgendwann zusammen gerissen und mit leiser, brüchiger Stimme angefangen, zumindest herausgebracht: „Matteo, es tut mir so leid, dass ich…“*
*war aber nicht weiter gekommen, hatte noch zweimal ein „Ich…“ gestottert, in der Hoffnung, dass irgendwelche logischen Sätze folgen könnten, hatte aber nicht gewusst, wie er anfangen sollte*
*hatte kurz die Augen geschlossen, als Matteo sich irgendwann von ihm gelöst hatte, sie aber wieder geöffnet, als er sanft und vorsichtig Matteos Finger an seiner Hand gespürt hatte und Matteo mit leiser Stimme gesagt hatte: „Wenn du noch nicht willst, können wir auch später reden…“*
*das war der Moment gewesen, in dem der Kloß in seinem Hals wieder angeschwollen war, denn Matteo war einfach nur gut – gut und verständnisvoll und geduldig und rücksichtsvoll – und er hatte es so verdient, die Wahrheit zu erfahren und nicht noch einmal verletzt zu werden*
*hatte dennoch nur nicken können und war Matteo wie in Trance in sein Zimmer gefolgt*
*dort hatten sie einfach nur auf seinem Bett gelegen - Stunden wie es ihm vorkam – einander zugewandt, Matteo war ihm einige Male durch die Haare gefahren, hatte seine Wange gestreichelt, seine Hand gehalten und geschwiegen, ihn nicht gedrängt*
*hatte sich selbst nicht getraut, Matteo zu berühren, weil er ihm nicht noch mehr falsche Hoffnungen machen wollte, weil der Druck, ihm endlich die Wahrheit zu sagen so schwer und gewaltig war, dass er es sich selbst nicht zugestehen wollte, der Sehnsucht nach mehr Nähe zu Matteo zu folgen*
*kann sich nicht mehr wirklich erinnern, dass er irgendwann eingeschlafen ist, weiß nur noch, dass er mitten in der Nacht einmal wach geworden war und Matteo seine Arme von hinten fest um ihn geschlungen hatte, so als wolle er ihn nicht mehr loslassen – so als hätte er Angst, er könne am nächsten Morgen verschwunden sein*
*hatte sich nicht getraut, sich zu bewegen und eine kurz Zeit einfach nur dieses Gefühl von Geborgenheit genossen, bis die Gedanken an sein Outing wieder in den Vordergrund gerückt waren*
*war dennoch irgendwann wieder eingeschlafen und am nächsten Morgen ohne Umarmung erwacht, da Matteo sich in der Nacht wohl doch weggedreht hatte*
*war leise aufgestanden und ans Fenster getreten, um dort seine Gedanken zu sortieren*
*hatte sich fest vorgenommen, es nun wirklich hinter sich zu bringen, sich seiner Angst zu stellen und hatte auf einmal Lauras Worte im Kopf, dass es nicht fair sei, Matteo die Möglichkeit zu nehmen, selbst zu entscheiden*
*war sich mit einem mal so sicher, dass er das alles will, dass er Matteo will, dass er jede Nacht in seiner Umarmung einschlafen will, dass er die Nähe zu ihm will, die Gespräche mit ihm, die Geborgenheit, das Gefühl, dass er Matteo wichtig ist und weiß, dass er die Chance, das alles zu bekommen nur dann hat, wenn er Matteo endlich die Wahrheit sagt*
*als Matteo dann aber mit einem mal hinter ihm gestanden, ihn umarmt und zärtlich seinen Hals geküsst hatte, da waren mit einem mal die Angst und der Fluchtgedanke wieder da gewesen, er hatte Neuhaus vorgeschoben und war bereit gewesen, sein Outing aufzuschieben*
*die Tatsache, dass Matteo wütend geworden war, dass er laut geworden war und ihm vorgeworfen hatte, dass er sich wieder verpissen wollte, waren letztendlich der entscheidende Punkt gewesen – da hatte er gewusst, dass er Matteo verlieren würde, wenn er es noch weiter aufschiebt und auf einmal waren die Worte wieder da gewesen, die er sich zurechtgelegt hatte und er hatte es ihm gesagt*
*wird in seinen Gedanken unterbrochen, als er ein leises Klopfen an der Tür und kurz darauf Lauras Stimme hört: „David?“*
*reagiert nicht und fühlt sich schlecht dabei, weil er genau weiß, dass Laura sich Sorgen macht, aber kann jetzt einfach noch nicht reden, muss selbst erstmal klar kommen*
*hört Laura seufzen und durch die Tür sagen: „Ich muss gleich los, ich bin verabredet… aber ich kann auch absagen, wenn du reden willst…“*
*dreht sich auf die Seite, starrt aus dem Fenster und muss daran denken, dass er heute Nacht beim Blick aus dem Fenster in Matteos Armen lag*
*spürt, wie ihm kurz wieder die Tränen in die Augen steigen*
*sehnt sich so zurück nach diesem Gefühl und vergisst für einen kurzen Moment, dass Laura noch vor der Tür steht*
*hört sie aber irgendwann: „In der Küche steht Kakao, der ist noch warm. Wenn du reden willst, dann schreib mir, dann komm ich sofort zurück, okay? – Bis später!“*
*hört kurz darauf die Wohnungstür und merkt, wie er sich ein bisschen entspannt bei dem Gedanken daran, jetzt erstmal nicht reden zu müssen*
*würde so gerne an den Gedanken anknüpfen, den er gerade hatte, kann sich aber nicht wirklich konzentrieren und erinnern*
*versucht stattdessen, sich genau an Matteos Reaktion während des Outings zu erinnern und kann erst jetzt im Nachhinein feststellen, dass sie nicht so schlimm war, wie er es sich ausgemalt hatte – Matteo schien verwirrt, überfordert, enttäuscht, dass er es ihm nicht früher gesagt hat, aber er hatte nicht abwertend reagiert, ihn nicht verurteilt, ihn nicht beleidigt, ihn nicht voller Ekel oder Wut angesehen*
*wird jetzt erst klar, dass Matteo ihn nicht rausgeworfen hat, dass es nicht Matteo gewesen war, der das „Gespräch“ beendet hatte – er hatte ihn zwar nicht aufgehalten, aber er hatte auch nicht gesagt, er solle gehen*
*wird klar, dass Matteo vielleicht einfach nur total überfordert war und fragt sich kurz, was passiert wäre, wenn er nicht gegangen wäre – hätten sie weiter geredet? Hätte Matteo noch mehr Fragen gehabt? Hätte er ihn vielleicht doch irgendwann rausgeschmissen oder hätte er vielleicht sogar irgendwann alles verstanden?*
*spürt, wie sich ein winzig kleiner Funken Hoffnung in ihm breit macht, als ihm der Gedanke kommt, dass Matteo vielleicht einfach nur Zeit braucht, das alles zu verstehen*
*ist sich ziemlich sicher, dass er Matteo was bedeutet – warum sonst hätte Matteo immer wieder seine Nähe gesucht, warum sonst hätte er sich von Sara getrennt und hätte nach seiner SMS bei ihm vor der Tür gestanden, warum sonst wäre es ihm in den letzten Tagen so schlecht gegangen und warum sonst hätte er ihn mit seiner Nachricht gestern Abend herausgefordert und impliziert, dass er mit ihm zusammen sein will – aber kann nicht wirklich einschätzen, ob die Tatsache, dass er transgender ist, was an Matteos Gefühlen für ihn ändert oder nicht*
*kann sich denken, dass es hier wahrscheinlich nicht nur um Gefühle geht, sondern wahrscheinlich auch um sexuelle Anziehung, logisches Denken, das Ansehen bei Freunden und vieles mehr – und dass Matteo sich wahrscheinlich nicht nur darüber Gedanken machen wird, sondern auch um die Tatsache, dass er sich nicht früher bei ihm geoutet, ihn verletzt und sich zurückgezogen hat*
*hat nicht die geringste Ahnung, ob Gefühle alleine reichen können, um all das andere zu überdecken*
*schließt irgendwann die Augen, weil ihn der Blick aus dem Fenster wieder an Matteos Nähe erinnert und er den Gedanken daran, ihn vielleicht verloren zu haben, kaum ertragen kann*
*klammert sich an dem winzigen Funken Hoffnung fest, dass Matteo einfach nur Zeit braucht und am Ende vielleicht doch alles gut wird*