Yale als Tor zur Unterwelt
Ninth House hat mich von den ersten Kapiteln an in seinen Bann gezogen. Die erzeugte Atmosphäre in New Haven könnte einem Dark Academia Tumblr Moodboard entspringen: kühl, düster, alte Herrenhäuser, pfeifender Wind, gleichermaßen gebildete und teuer gekleidete Studierende, Professor:innen geben intellektuelle Salons mit Canapés und dazwischen treiben ein paar Geheimgesellschaften ihr perfides Spiel mit dem Okkulten. Dieser Yale-Campus wirkt nämlich nicht nur wie ein stylischer Vorort zur Unterwelt, er ist es stellenweise tatsächlich. Die fiktiven Geheimgesellschaften üben sich in verschiedenen Magien, manche befragen Eingeweide nach Börsenprognosen, andere erschaffen Portale oder unwiderstehliche Glamour. Es gibt Geister und magische Artefakte, Rituale und Blicke ins Jenseits. Ständig wird geflirtet mit der Welt hinter dem Schleier, die verführerische Macht verspricht, aber auch unheilversprechend auf ihre Chance zu warten scheint.
Dazwischen stolpert nun Alex Stern herum. Die passt mit ihrer Drogenvergangenheit und Armut überhaupt nicht in das Bild einer schnieken Yale-Studentin, ist aber durch ihre Fähigkeit des Geistersehens ein unbestreitbarer Gewinn für Lethe, die Institution, die die Machenschaften der Gesellschaften überwacht. Und glaubt mir, Alex ist genau das, was diese reichen Schnösel brauchen. Sie hat scharfkantige Ränder und lässt sich von niemandem den Mund verbieten. Sie stellt unbequeme Fragen und möchte sich für Gerechtigkeit einsetzen. Allerdings nicht auf Kosten ihres eigenen Überlebens. Genau das hebt sie ab von gängigen aufopferungsvollen Protagonistinnen. Alex ist skrupellos, geradezu bedrohlich und manchmal war ich nicht sicher, ob sie sich nicht als Bösewichtin dieser Geschichte entpuppen würde.
Der Plot und die Auflösung um den Mordfall und andere Vorgehen in Lethe bleiben hinter diesem geballten Stimmungskonstrukt ein wenig zurück. Es gibt nichts zu beanstanden, die Enthüllungen sind spannend, die Geschichte liest sich flüssig, nur so richtig die Kinnlade auf den Boden fallen lassen, konnte sie mir nicht. Aber das ist ok, weil sie dafür in sich abgeschlossen ist und mich trotzdem vorfreudig auf Band 2 macht, in dem wir hoffentlich auch von den amüsanten bis liebenswerten Nebenfiguren Darlington, Dawes und Turner mehr zu Gesicht bekommen werden. Ich bin bereit für eine Rückkehr hinter den Schleier von New Haven.
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