Elend in Schwarz und Weiß
Selten hat Fußball-Nostalgie so weh getan wie dieser Tage. Zumindest, wenn man es mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft hält. Und wenn man älter als 25 Jahre ist - und sich noch bestens erinnert an jene goldenen Tage im Juni 2000. Als Taktikfuchs Erich Ribbeck sich bei der Europameisterschaft in Belgien und Holland den Luxus leisten konnte, Spieler wie Marko Rehmer oder Carsten Ramelow auf der Bank zu lassen. Als die Elf mit dem Adler auf der Brust Rumänien um Karpaten-Maradona Georghe Hagi ein 1:1 abrang. Als ganz Europa sich den Mund fusselig redete über die denkwürdigen Auftritte unserer Jungs.
Im tristen November 2014 begnügt sich der deutsche Fußballfan bereits mit viel weniger. Immerhin: einen „versöhnlichen Abschluss“ gab es am vergangenen Wochenende. Der lang ersehnte Schlusspunkt eines Jahres voller Enttäuschungen und Tiefschläge für die Nationalelf - gerade bei der Fußball-Weltmeisterschaft. Ein Turnier, bei dem die schwächlich anmutenden Kicker in Weiß weder Ghana noch Algerien in 90 Minuten zu besiegen vermochten. Bei dem die Schlagzeilen nicht den Nachfolgern des Dreamteams von 2000 gehörten sondern einem beißwütigen Uruguayer und einer - immerhin - deutschstämmigen mexikanischen Reporterin. Vor allem aber ein Turnier, das die deutschen Nationalspieler dermaßen emotional geschädigt hat, dass sie sich erst mit einem ungelenk-politisch-unkorrekten Tanz blamierten und dann, einem nach dem anderen von ihnen, die Herzdamen abhanden gingen.
Nun, zum Abschluss, ein 1:0. Durch einen glücklichen Distanzschuss freilich - und vor allem nur gegen das Nationalteam aus Spanien. Spanien: ein Land, das nur ein Fünfundzwanzigstel so viele Einwohner hat wie Indien. Und Indien ist 159. der Fifa-Weltrangliste. Wie viel Elend in Schwarz und Weiß kann ein solcher Sieg schon tilgen?
Wir ahnen die Antwort. Und schauen uns nochmals das Youtube-Video mit Spielszenen aus dem Juni 2000 an. Noch einmal sehen wir Christian Ziege, diesen Recken aus einer besseren Fußballzeit, wie er einen rumänischen Spieler umgrätscht. Jetzt müssen wir doch weinen.