Als Paula den Löwen vor Oma versteckte
Die britische Illustratorin Helen Stephens bezeichnet sich selbst als „Authorstrator“. Tolle Idee, dachte ich. Nicht nur weil der Begriff die Arbeit vieler Illustratoren beschreibt, die gleichzeitig auch Autoren sind. Für mich ist daran spannend, dass er einen Hinweis darauf gibt, wie Helen Stephens und viele ihrer zeichnenden und schreibenden KollegInnen vorgehen, wenn sie die Arbeit an einem neuen Buch beginnen. Helen Stephens nimmt in dem Fall keine strenge Unterteilung zwischen Wort und Bild vor, vielmehr nehmen Bilder den Platz des geschriebenen Wortes ein und bilden so das Hauptinstrument, mit dem sie eine Idee erzählt. Die Frage, die ich mir oft stelle ist, wie entstehen Geschichten eigentlich? Gibt es eine goldene Regel? Setzt man sich hin und schreibt eine Idee, einen Text auf? Oder schreibt und zeichnet man am besten einfach drauf los und lässt die Geschichte auf sich zukommen? Eine meiner ehemaligen DozentInnen ging sogar so weit, monatelang fiktive Tagebücher ihrer Protagonisten zu schreiben, bevor sie mit der Arbeit an einem Drehbuch begann. In meiner Idealvorstellung ähnelt die Entstehung von bebilderten Geschichten der eines Songs, und auch da gibt es natürlich unterschiedliche Vorlieben und Prozesse. Es gibt Komponisten, die immer mit dem Text beginnen. Andere hingegen halten es für absolut ausgeschlossen, ohne Vorlage einer Melodie oder eines harmonischen Grundgerüsts einen Liedtext zu schreiben. In meinem Fall folgt der Text immer auf die Musik. Und sollte es eine Analogie zu Bilderbüchern geben, würden Bilder hier den Platz von Musik einnehmen. Bilder und Melodien fliegen einem irgendwie von irgendwo zu und bilden dann im Kopf eine Geschichte, die sich mit der Zeit wie ein Puzzle Stück für Stück zusammensetzt. Der Text kommt dann fast von allein.
Ungefähr so geht auch Helen Stephens vor, wenn sie ein neues Buch beginnt. Sie nimmt Bruchstücke einer Geschichte vor ihrem inneren Auge wahr und bringt sie mit Hilfe eines Moodboards zu Papier. So kann sie die Einzelteile so lange hin und her schieben bis die Geschichte schließlich Sinn ergibt. Erst dann beginnt Helen Stephens mit der Arbeit an ihren Texten, um eine weitere Ebene hinzuzufügen. Sie geht also einerseits routiniert, andererseits aber auch immer sehr intuitiv vor. Dadurch wirken ihre Bücher so locker aus dem Handgelenk geschrieben wie gezeichnet, in keinem Augenblick sperrig oder konstruiert, sondern fließend, fast unangestrengt, ihr skizzenhafter Zeichenstil zeitlos und von großer Lebendigkeit. Schon nach den ersten Seiten hatte mich Paulas Geschichte in ihren Bann gezogen. Das knallrote Cover mit dem gelben Löwen war natürlich ein hilfreicher Türöffner, der erste Eindruck zählt schließlich, auch oder vor allem bei Büchern, Bilderbüchern sowieso.
In „Als Paula den Löwen vor Oma versteckte“ bekommt die kleine Paula Besuch von ihrer Oma, die mit einem riesigen Koffer anreist und dadurch Paulas Neugierde weckt. Was hat Oma wohl darin versteckt? Dabei hat Paula selbst ein ziemlich großes Geheimnis, das sie zu verbergen versucht. Ob es ihr gelingt, verrate ich nicht. Nur so viel, es wird sehr wild, sehr gemütlich und auch sehr fusselig. Und es sind sehr viele Butterbrote involviert. Eigentlich genau so wie man einen Tag mit seinen Großeltern in Erinnerung hat. Vielleicht mag ich das Buch auch deshalb so sehr - es wärmt, vor allem bei fies-kaltem Nieselherbstwetter. Ein bisschen wie die fusselige Wolldecke, die deine Oma früher für dich aus dem Schrank geholt hat, wenn es draussen kalt wurde.
Mimzys Altersempfehlung: All Age
Vom Verlag empfohlenes Alter: 4 - 6 Jahre
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Als Paula den Löwen vor Oma versteckte
Erschienen bei Atlantis
ISNB: 3715206853